Aufgrund von G8 und Referendaraitszeitverkürzung sollte man Übersetzungen des griechischen scholé als Muße zeitgemäß als Ausdrucksfehler anstreichen.

“Nie zuvor hatten Referendare so wenig Zeit wie heute. Die Bundesländer verkürzen ihren Vorbereitungsdienst und Schulleiter setzen die Anfänger oft wie fertige Lehrer ein. So eine Lehrzeit traumatisiert die jungen Akademiker, warnt ein Experte […] Rohlje bezeichnet das Referendariat mittlerweile als “gesellschaftlich akzeptierte Traumatisierung” junger Akademiker. “Die Probleme sind nicht neu, aber potenzieren sich”, sagt der Psychotherapeut, der glaubt, dass für den Lehrerberuf eine enorme Kommunikations-, Konflikt- und Problemlösungsfertigkeit nötig ist, die vor allem eines braucht: Zeit.”"

Quelle zum Weiterlesen: SPON

Wurden mit der Durchsicht der Wahlprogramme noch suggeriert, dass das Thema der “Ökonomisierung der Bildung” nur im linken Spektrum unserer Gesellschaft ausführlich thematisiert wird, zeigt der Artikel “Wider die Ökonomisierung der Bildung” in der FAZ (12.04.2011), dass auch in “konservativer” Hinsicht eine zweckfreie Bildung wünschenswert ist. Was gut ist, meint “konservativ” doch eigentlich das Bewahren von Werten. Bezüglich der Bildungsfrage ist “Die Linke” also die konservativste aller betrachteten Parteien.

Seit einiger Zeit findet eine Reform unseres Bildungswesens statt hinsichtlich marktrationaler Kriterien, welche von kritischen Stimmen aus der Pädagogik als Ökonomisierung der Bildung bezeichnet wird. Hierbei stehen Effizienz und Effektivität als messbare Kategorien im Forderung – Persönlichkeitsbildung, weil eben nicht messbar, droht dabei vernachlässigt zu werden. Ich beschränke mich hier auf den schulischen Bereich und spare die Hochschule aus.

Als sichtbarste Veränderungen von Schule können genannt werden: Vergleichsstudien, welche mittels kompetenzformulierten Bildungsstandards das Bildungssystem evaluieren sollen, sowie die Verkürzung der Schulzeit wodurch die Schülerinnen und Schüler schneller auf den Arbeitsmarkt kommen und der Einfluss von Unternehmen durch Schulsponsoring. Hinsichtlich dieser Kriterien habe ich die Wahlprogramme zur NRW Wahl der “größeren” Parteien durchsucht und deren Positionen aufgelistet. So kann man sich ein Bild davon machen, wie die einzelnen Parteien zur Ökonomisierung der Bildung stehen. Zu einer einführenden kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema der Ökonomisierung der Bildung empfehle ich die Arbeiten von Jochen Krautz: Bildung als Anpassung und Wa(h)re Bildung.

Es folgt ein Vergleich der Wahlversprechen der “größeren” Parteien bezüglich der NRW Wahl basierend auf deren Wahlprogrammen.

Wie stehen die Parteien zu dem Steuerungsinstrumenten Zentralabitur (und oder anderen Vergleichsarbeiten) und kompetenzorientierten Bildungsstandards?

CDU: Keine Stellungnahme

Die Grünen:

“So, wie das Zentralabitur gestaltet ist, ist es zu einer Engführung der Lerninhalte gekommen. In den Schulen herrscht das „Lernen für den Test“ vor. Um diesen negativen Trends entgegenzuwirken, wollen wir weniger zentrale Aufgaben in den Abiturprüfungen. Außerdem müssen die Fachlehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler aus einem größeren Pool kompetenzorientierter, gleichwertiger Aufgaben auswählen können. “

Die Linke:

“Die Kommerzialisierung und Privatisierung schreitet auch im Schulsystem immer weiter voran. Die Vergleichsarbeiten (VERA) in der Grundschule, die Lernstandserhebungen (LSE) in der achten Klasse, zentrale Prüfungen in der Klasse 10 und das Zentralabitur sind nur einige Bausteine, mit denen die schwarz-gelbe Landesregierung das Bildungssystem den Wirtschaftsinteressen angepasst hat.”

“Der Fokussierung der Schulen auf rein abfragbares Wissen, wie es PISA, die Lernstandserhebungen und zentrale Prüfungen tun, wollen wir entgegenwirken.”

“Zunehmend dreht sich die Diskussion seit geraumer Zeit um Preis und Leistung und Verwertbarkeit von Bildung statt einer pädagogischen Debatte über die Entwicklungschancen von Kindern. Der Mensch wird dabei nicht gebildet, sondern seine Kompetenzen werden für globale Märkte optimiert. ”

FDP: Keine Stellungnahme.

SPD: Keine Stellungnahme.

Piratenpartei: Keine Stellungnahme

Wie viele der auf diesem Blog versammelten Artikel belegen, gibt es keine pädagogischen Gründe für die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G8) sondern nur wirtschaftliche, somit kann G8 als ein Mittel gesehen werden, um Schule unter das Diktat der Ökonomie zu stellen und auf mehr Output Effizienz = Anzahl der SchülerInnen pro Zeit auszurichten. Was sagen die einzelnen Wahlprogramme dazu?

CDU: Keine Stellungnahme zu G8.

Die Grünen:
“Der zwölfjährige Weg zum Abitur kann der Regelfall sein, die Schulen sollen aber in Abstimmung mit den Eltern und der Kommune entscheiden können, ob sie die Schülerinnen und Schüler erst nach 13 Jahren zum Abitur führen.”

Die Linke:
“DIE LINKE NRW lehnt die Schulzeitverkürzung in Form des achtjährigen Gymnasiums (G8), die jetzt von CDU/SPD/FDP/GRÜNEN gemeinsam getragen wird, ab.”

FDP: Keine Stellungnahme.

SPD: Keine Stellungnahme.

Piratenpartei:
“Ein flexibles Kurssystem löst zahlreiche Probleme des existierenden Klassensystems. Mangelhafte Leistungen in einer bestimmten Zahl von Fächern haben nicht mehr die Wiederholung der ganzen Klasse zur Folge, sondern lediglich die Wiederholung der mangelhaft abgeschlossenen Kurse. Umgekehrt werden besonders leistungsfähige Schüler nicht mehr unterfordert oder zum Überspringen einer ganzen Klasse gezwungen, sondern können Kurse wählen, die ihrer Leistungsfähigkeit entsprechen. Der Übergang in die Sekundarstufe II erfolgt fließend, sobald die entsprechende Zahl von Kursen der Sekunderstufe I erfolgreich abgeschlossen wurde. Damit wird auch die Problematik von G9 und G8 vermieden. Wenn mehrere Kurse derselben Leistungsstufe angeboten werden und der Schüler den Kurs und damit auch den Lehrer frei wählen kann, werden überdies viele Probleme vermieden, die daraus entstehen, dass die Schüler keinen Einfluss darauf haben, welche Lehrkraft sie unterrichtet.”

Wie stehen die Parteien zu Schulsponsoring?

CDU: Keine Stellungnahme

Die Grünen:  Keine Stellungnahme

Die Linke:  “Wirtschaftsinteressen und Schulsponsoring haben in Bildungseinrichtungen nichts zu suchen.”

FDP: Keine Stellungnahme.

SPD: Keine Stellungnahme.

Piratenpartei: Keine Stellungnahme

Anmerkung: Sollte ich etwas vergessen haben: Bitte melden! Es würde dann ergänzt werden.

Quellen: CDU, Die Grünen und “update2012″, Die Linke, FDP, SPDPiratenpartei,

Der renommierte PISA-Kritiker und Professor für Mathematikdidaktik Wolfram Meyerhöfer sekundiert: “Vor 10 Jahren galt man noch als Häretiker, wenn man zeigte, dass PISA nicht testet, was es testen will, wenn man zeigte, dass die Theorie hinter PISA theorielos war, und wenn man sah, dass das Testen als Instrument der Bevormundung der Lehrer und für die Heranzüchtung einer Testindustrie dient. Heute sehen wir, dass diese Industrie unser Denken bestimmt, dass Schule immer noch stärker stranguliert werden kann und dass das Einüben von Ankreuzritualen auch in Kulturnationen möglich ist, wenn die Testindustrie dabei nur mit genügend großer Marketingmacht vorgeht.”

“Dabei wissen wir längst, dass PISA eben nicht Bildsamkeit testet, sondern die Fähigkeit, das Denken der Tester zu erraten. Wir wissen, dass dieses Denken immer verengt ist, zum Mittelmaß tendiert und kreatives Denken bestraft, dass die Tester immer wieder auch unsinnig denken – und es nie bemerken. Wir wissen, dass die statistischen Konstrukte von PISA dazu führen, dass die am Ende präsentierten Länderrankings ebenso gut großflächig ausgewürfelt werden könnten. Wir wissen, dass Testresultate leicht manipulierbar sind. Und wir wissen, dass das Testen uns vom Denken abhält. Wir verlieren nichts, wenn wir PISA einfach einstellen”, so Meyerhöfer abschließend.

Quelle: Bildungsklick

“Dörpinghaus ging der These nach, dass Universitäten und Schulen „zu Orten der Verdummung sowie Halbbildung“ werden, da die so genannten Bologna-Reformen von ihnen lückenlose Verwaltung und permanente Kontrolle verlangten. Kontrolle sei zum Fundament der Universitäten geworden und Studierende sowie Lehrende neigten dazu, sich permanent selbst zu kontrollieren und im Habitus des lebenslangen Lernens als defizitär einzustufen. Bildungsstandards, die vermitteln, welche Fähigkeiten in welchem Zeitrahmen erworben werden sollen, seien symptomatisch für den modernen Fortschrittsglauben.

Bei alledem würde völlig übersehen, dass ein wesentlicher Auftrag an universitäre Bildung darin liege, Studierende dazu zu ermutigen, das Gelehrte kritisch zu hinterfragen, um so zu mündigen Wesen heranzureifen. „Studierende sind angehende Wissenschaftler, keine Schüler“, konstatierte Dörpinghaus.”
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft

Europa ist in der Bildungspolitik omnipräsent. Der Bologna-Prozess, selbst kein EU-Unternehmen, hat mit seinen Beschlüssen das europäische Hochschulsystem seit 1990 in Atem gehalten und deutlich verändert. Die Forschungsförderung der EU verteilt Milliarden. Mit Erasmus und anderen Stipendienprogrammen wird die internationale Mobilität von Studierenden gefördert. Und soeben erst haben die Länder der Europäischen Union den EQR, den Europäischen Qualifikationsrahmen beschlossen und den Abschlüssen im Bildungswesen ihren Platz in einer achtstufigen Skala zugeordnet, den deutschen Meister-Brief auf die Ebene der hochschulischen BA-Abschlüsse gehoben (Stufe fünf), allerdings keinen Platz für das Abitur gefunden.
Solche Normierung war Teil eines seit 2008 entwickelten Programms der Europäischen Kommission, die Bildungspolitik der Länder der EU im allgemeinen und beruflichen Bildungswesen strategisch zu koordinieren und zu verändern. Der „europäische Bildungsraum“ ist Realität geworden. Vor diesem Hintergrund ist es überraschend, in den Beiträgen des höchst anregenden, von Kerstin Odendahl herausgegebenen Sammelbandes zu lesen, dass Europa in der Bildungspolitik überhaupt keine Kompetenzen zustehen (“Europäische (Bildungs-)Union?“ Berliner Wissenschafts-Verlag, 2011)…
Bildung, so kann man die Rechtslage resümieren, gilt rechtlich als „integrationsfester nationaler Regelungsgegenstand“. Unterstützend und fördernd wie bei Stipendienprogrammen oder der Wissenschaftsförderung kann die EU tätig werden, nicht eingreifend oder normierend.
Quelle: faz.net

Anmerkung WL: Gegen einen „europäischen Hochschulraum“ oder gar gegen einen europäischen Bildungsraum, in dem sich Studierende oder beruflich Ausgebildete frei bewegen könnten und die Qualität von Studium und Ausbildung ein bestmögliches Niveau erreicht wäre im Grundsatz nichts einzuwenden.
Doch durchgesetzt hat sich nicht die Bildungspolitik sondern die europäische Wirtschaftspolitik und deren Anforderungen an die Bildung. Aus der Lissabon-Strategie leitet die EU ihre Zuständigkeit auch für die Bildung ab.
Vor allem bei der hochschulpolitischen Debatte wird häufig übersehen, dass der Bologna-Prozess in starkem Maße von der im Jahr 2000 auf dem Frühjahrsgipfel der Staats- und Regierungschefs beschlossenen sog. Lissabon Strategie überlagert wurde. Dort wurde das Ziel vorgegeben bis 2010 „die Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen.“ Anders als in anderen europäischen Ländern hat sich in Deutschland eher Lissabon als Bologna durchgesetzt.
War etwa nach der Bologna Agenda Hochschulbildung als „öffentliches Gut“ betrachtet worden und gab es dort noch eine soziale Dimension der Reform, so wurde mit der Lissabon Strategie Bildung als die Verbesserung des Humankapitals und ein Studium als eine private Investition in das persönliche Humankapital umgedeutet. Der eher kooperative Ansatz und das Prinzip einer „möglichst geringen Stratifizierung des Hochschulsystems“ der Bologna-Erklärung wurde durch das Wettbewerbsprinzip und die strategische Ausrichtung des Studiums auf die Employability (Beschäftigungsfähigkeit) der Lissabon-Strategie überlagert.
Vor allem in Deutschland hat das den neoliberaler Reformen zugrunde negative Menschenbild auch den Bologna-Prozess wesentlich bestimmt.
Quelle: NachDenkSeiten