Das Verschwinden der Würde im sozialen Netz

Veröffentlicht: Dezember 21, 2010 von C.R. in Dislike! - Kritik sozialer Netzwerke
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Es gibt viele gute Gründe Facebook zu meiden. Die meisten Gründe beziehen sich auf den Datenschutz oder auf die Redlichkeit der Firmenpolitik dieses sozialen online Netzes. Bisher wurden keine philosophischen Gründe gegen Facebook angeführt. Unter philosophische Gründe verstehe ich hier Gründe, welche sich auf die Frage nach einem guten Leben beziehen. Intuitiv setze ich die Menschenwürde als grundlegend für ein gutes, menschliches Leben voraus.

Im folgenden werde ich zunächst den Begriff der Würde bestimmen und eingrenzen. Dann wird gezeigt, dass Facebook danach strebt die Würde des Menschen abzuschaffen.

Würde

[D]er Mensch kann von keinem Menschen (weder von anderen noch sogar von sich selbst) bloß als Mittel, sondern muß jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden, und darin besteht seine Würde (die Persönlichkeit), dadurch er sich über alle anderen Weltwesen, die nicht Menschen sind und doch gebraucht werden können, mithin über alle Sachen erhebt.

Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten S.321

Nach Kant kommt dem Menschen notwendig Würde zu, dadurch, dass man den Menschen nicht nur als Mittel benutzen kann. Es ergibt sich daraus die Pflicht den Menschen auch als Selbstzweck anzuerkennen und genau das macht seine Würde aus. Sprachanalytisch lässt sich dies durch das Aufzeigen folgender Implikationen des Würdebegriffs plausibilisieren: Eine sinnvolle Redeweise von Würde ist nur gegeben, wenn der Begriff ,Würde‘ dasjenige ist, was auf prinzipiell unbedingte Subjekte referiert, denn Würde haben nur Subjekte. Würde bedeutet Unverfügbarkeit. Etwas über das man verfügen kann, ist ein Objekt. Nun kann man auch über Menschen, deren Würde unantastbar ist, verfügen. Dadurch behandelt man sie, schon rein sprachlich, als Objekte. Aber auch ein Subjekt, dass „würdelos“ behandelt wird, hat prinzipiell Würde. Prinzipielle Würde bedeutet prinzipielle Zweckfreiheit und somit bezogen auf soziale-menschliche Kontexte prinzipielle Unverfügbarkeit. Ein tatsächliches, reines zweckfreies Leben ist im sozialen Staat nicht möglich, da man andere Menschen immer auch als Mittel benötigt und von anderen gebraucht wird. Die Würde hängt hier am ,auch‘. Kant leitet aus dieser Definition die Selbstzweckformel des Kateogorischen Imperatives ab: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst. “

Nach Kant hat jeder Mensch notwendig Würde, sie kommt dem Menschen wesentlich zu. Zudem hat jeder Mensch die Pflicht sich selber und anderen Menschen einen Zweck zu zuschreiben, weil Menschen prinzipiell über Würde verfügen. Ein humaner Umgang miteinander fordert aber eine tatsächliche Anerkennung und Realisierung der sonst nur prinzipiellen Würde.  Wenn ich davon spreche, dass die Würde abgeschafft wird, dann meine ich nicht, dass Würde prinzipiell abgeschafft wird. Ich meine damit, dass die gelebte wechselseitige Anerkennung, dass man selbst und andere Menschen Würde haben, abgeschafft wird.

Würde muss also gelebt werden, dies sollte immer und überall gelingen, aber in der Privatsphäre kann dies am besten gelingen, wie im Folgenden gezeigt wird.

Das Private, die Würde und ihre Abschaffung

Meine These, die ich hier begründen werde, ist, dass das Private wichtig ist, damit ein Mensch seine Würde leben kann, und diese nicht nur prinzipiell zugesprochen bekommt. Nur wenige, wirkliche Freunde, lässt man in seine Privatssphäre, die Sphäre der Würde, welche sich durch Nähe, der Offenbarung und Mitteilung intimer Details auszeichnet. Hier ist man verletzbar. Aber dadurch, dass man nicht verletzt wird, die nackte Würde respektiert wird, wird man als Subjekt anerkannt. Im Privaten wird Würde anerkannt und gelebt. Dies ist aber nur sinnvoll, wenn auch ich anderen Menschen in meiner Privatsphäre Würde zuspreche. Denn nur wenn ich die Würde anderer anerkenne, kann ich erfahren, wie sie meine Würde anerkennen. In der Privatssphäre wird Würde als wechselseitig realisiert und hat nicht nur prinzipiellen Charakter.

Was zeichnet den privaten Raum gegenüber dem öffentlichen Raum bezüglich der Würde aus?  Hier liegt ein gradueller Unterschied vor. Ich gehe von der Annahme aus, dass Menschen im öffentlichen Raum andere Menschen öfter und eher als Mittel benutzen, als im Privaten. Freunde trifft man eher um ihrer Selbstwillen, als einen Geschäftskollegen. Natürlich ist auch der private Raum nicht frei von Zweck-Mittel-Beziehungen zwischen den einzelnen Individuen. Aber im Privaten steht der Selbstzweckcharakter des Individuums im Vordergrund, während im öffentlichen Raum, im alltäglichen Handeln, die Zweck-Mittel-Beziehungen im Vordergrund stehen. Und da die Anerkennung eines Menschen als Selbstzweck konstitutiv für die Anerkennung der Würde eines anderen Menschen ist, ist das Private der Ort, in welchem die Würde des anderen und von einem selbst am stärksten gelebt wird.

Betrachten wir dazu folgendes Beispiel, welches voraussetzt, dass die freie Äußerung seiner Meinung ein Beispiel für die Realisierung seiner Würde ist. Man kann im Privaten Gedanken äußern und ausprobieren, die man trotz der Zusicherung der Meinungsfreiheit im öffentlichen Raum nicht äußern würde, weil einem entweder der Mut dazu fehlt oder aus Rücksicht auf die Gefühle anderer. Das Private bietet also einen geschützten Raum, wo man mit Gedanken und Ideen experimentieren kann. Man steht auch nicht in Konkurrenz zu anderen und muss keine Angst haben, dass man sich durch bestimmte Äußerungen einen Nachteil verschafft. Ein Konkurrenzverhältnis gibt es durch die Zweck-Mittel-Relation zwischen den Individuen, da diese Relation im Privaten aber  zumindest abgeschwächt ist, steht hier der Selbstzweckcharakter des Individuums im Vordergrund, dass seinen Selbstzweck ausdrückt in dem es seine Meinung im Privaten leichter äußern kann, als in der Öffentlichkeit.

Das Private ist also deswegen wichtiger zur Realisierung der Würde als der öffentliche Raum, weil im Privaten der Selbstzweckcharakter des Menschen stärker gelebt werden kann, als im öffentlichen Raum.

Nun gibt es zeitgemäße Tendenzen, welche die Zweck-Mittel-Relation zwischen Menschen stärken und den Selbstzweckcharakter und damit die Würde des Menschen abschwächen. Diese Tendenzen kulminieren in Facebook, welches diese Entwicklung am stärksten repräsentiert und aktiv vorantreibt. Diese Entwicklung werde ich im folgenden skizzieren.

Es ist zeitgemäße sich verfügbar zu halten – also seine Würde immer weiter zu veräußern. Handys und Computer kann man zwar abschalten. Aber durch die Bekanntgabe seiner Handynummer, E-Mail Adresse oder eines persönlichen Profils in einem „sozialen“ Netzwerk signalisiert man auf Grundlage gesellschaftlicher Konvention prinzipielle Erreichbarkeit. Und von dieser wird ausgegangen. Äußerungen wie: Auf deinem Handy bist du nie erreichbar! Du hast meine Mail noch nicht beantwortete! Du hast noch nicht auf meinem Kommentar im StudiVZ reagiert! – unterstellen, eine Erreichbarkeitspflicht. Es ist also falsch anzunehmen, die neuen Kommunikationstechnologien seien nur rein pragmatisch. Es ist nur deswegen einfacher geworden jemanden zu erreichen, weil man verfügbarer geworden ist. Weil man sein Würde immer weiter aufgibt, wodurch andere Menschen Ansprüche anmelden. Die illustriert folgendes Video:

 

 

Durch das digitale Abbilden seiner Identität macht man seine Daten verfügbar, welche auf persönliche Einstellungen und Interessen referieren. So wird all das verfügbar, was einst nur wirkliche Freunde kennen durften, wie religiöse Einstellungen, politische Meinungen, feucht-fröhliche Party Fotos, momentane Stimmungen und Meinungen, aktueller  Aufenthaltsort. Die Identität verliert ihren privaten Charakter und wenn die eigene Identität dasjenige ist, was substantiell für das Individuum ist, dann wir das Individuum durch die Preisgabe seiner Daten im Internet verfügbar. Ein Facebook Profil ist somit die Objektivierung, Veräußerung der subjektiven Identität, der Würde durch die Abschaffung des Privaten. Und dies ist nach Zuckerberg nicht nur von ihm gewollt sondern eine neue soziale Norm:

„When I got started in my dorm room at Harvard, the question a lot of people asked was ‚why would I want to put any information on the Internet at all? Why would I want to have a website?’And then in the last 5 or 6 years, blogging has taken off in a huge way and all these different services that have people sharing all this information. People have really gotten comfortable not only sharing more information and different kinds, but more openly and with more people. That social norm is just something that has evolved over time. We view it as our role in the system to constantly be innovating and be updating what our system is to reflect what the current social norms are. A lot of companies would be trapped by the conventions and their legacies of what they’ve built, doing a privacy change – doing a privacy change for 350 million users is not the kind of thing that a lot of companies would do. But we viewed that as a really important thing, to always keep a beginner’s mind and what would we do if we were starting the company now and we decided that these would be the social norms now and we just went for it.“

Marc Zuckerberg

Facebook Gründer Marc Zuckerberg behauptet mit obigem Zitat: Die Abschaffung der Privatsphäre ist eine soziale Norm, diese Aussage kann deswegen nicht deskriptiv, sondern normativ verstanden werden. Als Begründung führt er an, dass immer mehr Menschen immer mehr persönliche Daten in den letzten Jahren öffentlich gemacht haben. Ein in der Bloggerssphäre viel zitierter Einwand von Marshall Kirkpatrick bezüglich der Redlichkeit Zuckerbergs ist folgender:

I don’t buy Zuckerberg’s argument that Facebook is now only reflecting the changes that society is undergoing. I think Facebook itself is a major agent of social change and by acting otherwise Zuckerberg is being arrogant and condescending.

Kirkpatrick nimmt an, dass Facebook selbst die sozialen Normen ändern will und stipuliert, dass die Notwendigkeit des Privaten keine soziale Norm mehr ist und das eine totale Öffentlichkeit eine neue Norm ist. Dieser Einwand ist insofern plausibel, da Facebook durch die Abschaffung des Privaten die Daten seiner Nutzer verkaufen kann. Facebook kann nur durch die Weitergabe von Nutzerdaten an bezahlende Dritte seinen Profit maximieren, wodurch es ein ökonomisches Interesse an der Abschaffung des Privaten gibt.

Aber auch von einem logischen Standpunkt aus ist Zuckerbergs Argument abzulehnen, da man nur mittels eines naturalistischen Fehlschlusses zu der Konklusion kommt, dass das Private ein überholtes Konzept ist. Auch wenn es deskriptiv richtig ist, dass immer mehr Menschen freiwillig ihre Daten öffentlich machen, folgt daraus nicht, dass es eine soziale Norm ist, dass Privatssphäre nicht mehr benötigt wird. Der Mensch braucht die Privatssphäre zur Realisierung seiner Würde! Deswegen kann Facebook kein Interesse daran haben, dass Menschen Würde besitzen. Es wurde somit gezeigt, dass durch eine Mitgliedschaft bei einem sozialen Netzwerk wie Facebook, was kein Interesse daran haben kann und tatsächlich auch nicht hat die Privatssphäre zu schützen, die Würde des Menschen sukzessive aufgegeben wird.

Jedem Mensch steht es natürlich frei, seine individuellen Daten und somit einen Teil seiner Identität zu veräußern. Das Problem mit Facebook ist, dass es zur Realisierung seiner Ökonomischen Interessen den Privatenbereich eines Menschen global verfügbar macht. Natürlich kann man sich wöchentlich durch seine Privatsphäreeinstellungen kämpfen um auf etwaige, nicht öffentlich gemachte Änderungen von Seiten Facebooks zu reagieren, um seine Privatssphäre zu schützen oder einfach möglichst wenige sensible Daten ins Netz stellen oder sich erst gar nicht bei Facebook anmelden. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Facebook nach immer mehr Einfluss auf das soziale Leben strebt und so auch die Daten von Nutzern ausspäht, die nicht bei Facebook registriert sind.

Mein Argument lässt sich zusammenfassen: Wenn man die Würde der Menschen anerkennt, dann gesteht man ihnen eine Privatsphäre zu. Die Privatssphäre ist der Ort, in dem Würde am besten realisiert und gelebt wird. Facebook gesteht den Menschen keine Privatssphäre zu. Also erkennt Facebook die Würde der Menschen nicht an.

Mit der Abschaffung des Privaten wird auch das Konzept der Würde verabschiedet. Am Ende steht hier die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir Leben? Die Antwort ist sicher nicht Facebook!

There was of course no way of knowing whether you were being watched at any given moment… It was even conceivable that they watched everybody all the time. But at any rate they could plug into your wire whenever they wanted to. You had to live – did live, from habit that became instinct – in the assumption that every sound you made was overheard, and except in darkness, every movement scrutinized.

George Orwell, 1984

Literatur:

  • Kant, Immanuel. Metaphysik der Sitten. 1966. Meiner: Hamburg
  • Orwell, George. Nineteen Eighty-Four (1984). 2006. Penguin: London

Internetquellen:

Kommentare
  1. DO sagt:

    „Das Reich der Würde ist das Private.“ „Im Privaten wird Würde tatsächlich konstituiert und gelebt.“ „Die Privatssphäre ist der Ort, in dem Würde am besten realisiert und gelebt wird. “

    Das sind tragende Thesen, die nicht vernünftig begründet werden. Lässt sich auch beim besten Willen nicht in die Kantsche Definition reininterpretieren, die du anführst. In der Verfassung steht der Schutz der Menschenwürde ja gerade deshalb, um den Menschen im öffentlichen Raum Gesellschaft vor (staatlichen) Übergriffen zu schützen. Und zum Beispiel seine freie Meinungsäußerung zu gewährleisten, sein Recht auf Eigentum zu sichern etc. Es ist mir vollkommen unklar, warum Du die Sphäre des Privaten als eigentlichen Raum für Würde beschreibst.

    Davon abgesehen: Man kann Eingriffe in die Privatsphäre ohne Zweifel als Angriff auf die Menschenwürde interpretieren. Das Bundesverfassungsgericht hat ja nicht umsonst, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung erfunden. Dieses Recht kann Facebook mir nicht nehmen – ich werde ja nicht gezwungen mich anzumelden, sondern habe das Recht meine Daten allesamt für mich zu behalten. Letztendlich kann ich also selber entscheiden, was ich mich behalten will – im Sinne des oben genannten Rechtes.

    Natürlich befeuert Facebook den Drang der Menschen, viel von sich preiszugeben. Dass dieser Drang vorhanden ist, ist unzweifelhaft – das belegen auch die zahlreichen Blogs oder der Erfolg von Twitter. Du kannst gerne mit dem naturalistischen Fehlschluss winken. Das ist aber bestenfalls irrelevant für en Umgang mit der Realität, dass Millionen Menschen persönliche Daten mehr oder weniger bewusst veröffentlichen. Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung, die es erfordert, dass man neu über Begriffe wie Privatsphäre nachdenkt. Und wenn Zuckerberg von der Abschaffung schwadroniert, ist das eine provokative Stimme in einem zu führenden Diskurs. Da ist jeder einzelne Mensch selbst gefragt und letztendlich dann der Gesetzgeber.

    Natürlich kannst Du die Rolle von Facebook kritisieren. Aber die Keule, die Du dabei schwingst, ist etwas groß geraten finde ich. Facebook ist ein Unternehmen. Und Unternehmen sehen nunmal ihre Kunden nicht als Zweck an sich. Ein gutes Beispiel sind die aktuellen Spots der Ergo-Versicherungsgruppe. Die versuchen auch verzweifelt so zu tun, als läge ihnen die persönlichen Bedürfnisse ihrer Kunden am Herzen. Aber natürlich sind für Unternehmen ihre Kunden in erster Linie Mittel zu dem Zweck, mehr Geld zu verdienen. Und die privaten Daten sind ja gerade das, womit Facebook Geld verdienen kann. Bei Google ist das ja genauso. Also versuchen sie mit geeigneten Mitteln, den Kunden mehr von diesem Kapital aus der Tasche zu ziehen.

    Unternehmen versuchen schon immer Trends zu nutzen oder zu setzen und somit „Einfluss auf das soziale Leben zu nehmen“. Dein Problem lässt sich also aus meiner Sicht darauf reduzieren, ob Kapitalismus und Menschenwürde zusammenpassen.

    • cr sagt:

      Hallo DO!

      Vielen Dank für die sinnvolle Kritik! Du hast recht, meine Rechtfertigung zur Auszeichnung des Privaten muss plausibler sein, ich habe sie soeben überarbeitet.

      Grüße
      Carsten

  2. Thanatos sagt:

    Hey Carsten, Glückwunsch zu Deinem (ersten?) Post hier!

    Zum eigentlichen Argument will ich grade (noch) nichts sagen, weil ich den Text erst noch ein zweimal lesen möchte, bevor ich mir Anmerkungen erlaube; beitragen kann ich aber dieses Video, dass vielleicht zur Veranschaulichung des Geschäftsmodells von Facebook herhalten kann:

    Im Übrigen habe ich Dich in meine Linktipps aufgenommen und hoffe, Du denkst weiter öffentlich!

    • cr sagt:

      Vielen Dank für den Youtube Link! Das Video ist eine wertvolle Ergänzung und zeigt wie Facebook die Privatssphäre immer weiter beschneidet.

  3. Thanatos sagt:

    So, ich hab den Text jetzt nochmal gelesen und obwohl ich Deiner Grundaussage zustimme, denke ich, dass man einige Punkte ruhig noch etwas genauer erläutern sollte, damit der Gedankengang „rund“ wird. Im folgenden ein paar Anregungen:

    1) Ich störe mich an der Behauptung, gegen FB seien noch keine „philosophischen Gründe“ vorgebracht worden. Dabei geht es mir weniger darum, von Dir zu fordern, diese Annahme auch mit Belegen zu untermauern (das dürfte auch kaum möglich sein), sondern vielmehr um die diesem Statement angehängte Bestimmung des Begriffes „philosophischer Gründe“, die Du gleichsetzt mit Gründen, „welche sich auf die Frage nach einem guten Leben beziehen“. Nun könnten philosophische Gründe gegen FB aber auch sein, dass dieses Unternehmen eine Scheinwelt vorgaukelt, die nicht wirklich existiert, womit wir in der Ontologie wären. Man könnte desweiteren gegen FB vorbringen, es vermittele seinen Mitgliedern nur einen Teil der tatsächlichen Informationen bezüglich seiner eigenen Firmenpolitik, womit wir bei der Frage der Wahrheit in bezug auf Facebook, also bei einem epistemologischen Problem wären.

    Du siehst sicher schon, worauf ich hinauswill, oder? Das, was Du anmahnst, sind vielmehr moralische bzw. ethische Einwände gegen FB. Die Frage, ob ich die Würde einer Person ernst nehme, ist geradezu der Prototyp der ethischen Frage überhaupt – zumindest aus der kantischen Perspektive.

    2) Wo wir schon bei Kant sind: Das von Dir gewählte Zitat und der Beginn der Erläuterung dieses Zitats sind unglücklich gewählt. Sie führen beide zu (vermeidbaren) Missverständnissen.

    Die Behauptung, dem Menschen komme „notwendig Würde zu, dadurch, dass man den Menschen nicht nur als Mittel benutzen kann“, stimmt für sich alleine genommen einfach nicht. Dem Menschen kommt nach Kant deshalb Würde zu, weil er die Möglichkeit zur Selbstbestimmung, mehr noch: zur Selbstgesetzgebung hat, weil er ein „vernünftiges Wesen [ist], das keinem Gesetz gehorcht, als dem, das es zugleich selbst gibt“. (GMdS, BA 77)

    Nur, wenn man die Würde in diesem Kontext untersucht, besteht in Deinem Text überhaupt ein Problem, weil man diese Würde tatsächlich missachten kann. Folgt man hingegen Deiner Formulierung „Nach Kant kommt dem Menschen notwendig Würde zu, dadurch, dass man den Menschen nicht nur als Mittel benutzen kann.“ entsteht der Eindruck, man könne ja gar nicht anders, als den Menschen auch als Selbstzweck zu nutzen. Die Formulierung einer entsprechenden Pflicht, die Würde des Menschen zu achten, wird dann sinnlos. Das muss, denke ich, deutlicher herausgestellt werden.

    Die Würde des Menschen liegt in seiner Selbstgesetzgebung und FB greift diese Selbstgesetzgebung an, indem es die Menschen eben von autonomen Gesetzgebern in Abhängigkeiten und Verhaltensmuster zwingt, die seinem Geschäftsprinzip am ehesten nützlich sind.

    3) Damit gibt es dann im Übrigen noch einen Punkt in Deinem Text, der eventuell für Ungereimtheiten sorgen könnte. Du schreibst: „Ich meine damit, dass die gelebte wechselseitige Anerkennung, dass man selbst und andere Menschen Würde haben, abgeschafft wird.“

    Stimmt das denn? Sicher: Wenn ich nicht anerkenne, dass Person X Würde besitzt, dann werde ich sie auch würdelos behandeln. Ja, ich würde sie noch nicht einmal als „Person“ behandeln, sondern als „Ding“, als „Sache“, als „Gegenstand“ eben als „Mittel“, welches ich zu einem bestimmten Zweck gebrauche – etwa um ein Ziel zu erreichen.

    Aber: Ist diese Erklärung im Hinblick auf FB nicht zu einfach? Ich behaupte, ja! Das wäre viel zu einfach! Es würde unterstellen, dass die Führungsriege bei FB nicht im Stande wäre, Menschen als Menschen zu betrachten, weil die FB-Manager mit dem Begriff der Würde als Selbstgesetzgebung nicht bekannt sind. Ich behaupte jedoch: Das sind alles sehr kluge Leute. Das bedeutet nun nicht, dass ich diese Damen und Herren von ihrer Schuld freisprechen will. Tatsächlich wächst ihre Schuld sogar noch, wenn wir annehmen – und ich denke, das tun wir zurecht – dass sich die Köpfe hinter dem Geschäftsmodell FB absolut im Klaren darüber sind, was sie tun.

    Diese Männer und Frauen, die bei FB die Entscheidungen treffen, wissen selber ganz genau, dass sie Menschen zu Dingen degradieren. Sie kennen den Begriff der Würde, vielleicht sogar im Kantschen Sinne. Und trotzdem agieren sie gegen sie diesen Begriff! Sie missachten die Würde ihrer Mitglieder nicht, weil sie nicht erkannt haben, dass diese Menschen der Würde teilhaftig sind, sondern sie sprechen ihnen die Fähigkeit zur Selbstgesetzgebung ab – oder versuchen dies zumindest.

    Ist das nicht tatsächlich nicht noch viel schlimmer?

    4) Die Rolle der Würde im Hinblick auf das Private finde ich bei Dir nicht 100%-igüberzeugend. Du schreibst: „Meine These, die ich hier begründen werde, ist, dass das Private wichtig ist, damit ein Mensch seine Würde leben kann, und diese nicht nur prinzipiell zugesprochen bekommt.“

    Ist das Private wirklich essentiell notwendig, damit der Mensch seine Würde leben kann? Wohl kaum. Der Mensch muss seine eigene Würde nicht „leben“. Er hat daran teil, weil er zur Selbstgesetzgebung fähig ist. Möglicherweise spielst Du ja darauf an, dass der Mensch die Möglichkeit besitzen sollte, diese Selbstgesetzgebung auch umzusetzen, damit er ein Leben in Würde führen kann. Wenn dem so ist, dann stimme ich Dir natürlich zu. Doch dazu braucht er das Private eigentlich nicht einmal. Seine Selbstgesetzgebung kann der Mensch auch im Öffentlichen realisieren.

    Was jedoch ganz richtig ist: Im Privaten ist die Ausübung seiner Selbstgesetzgebung deutlich einfacher und zudem gesetzlich geschützt. Das Private gilt hier als ein Raum, der dem einzelnen Individuum per definitionem als selbstgestalteter Bereich zur Verfügung steht, ohne dass eine andere Person das Recht oder gar die Möglichkeit hat, in diesen Raum einzugreifen. Bislang galt ein solcher Ort als Rückzugsmöglichkeit vom gesellschaftlichen, d.h. öffentlichen Leben. Ein Ort, der die individuelle Seite des Menschen gegenüber der öffentlichen abgrenzt – ein Ort also, in dem der Mensch für kurze Zeit aufhören kann, öffentlich zu sein. Unbehelligt und geschützt vor den Meinungen und Urteilen anderer.

    Wenn ich diesen Raum nun FB – oder einem anderen „sozialen Netzwerk“ gegenüber – öffne, so verliere ich diesen Schutz. Durch die Preisgabe von privaten Informationen gebe ich das Schutzgebiet auf, in dem ich mich per definition selbstbestimmt verhalten kann und darf. Denn durch die Preisgabe dieser Information kann nun effektiv von außen in diesen bislang privaten Bereich eingegriffen werden. Absolut richtig liegst Du hier zB mit der Frage nach der ständigen Verfügbarkeit. Ein weiterer Punkt wäre die ständige Bewertung des eigenen Verhaltens, der eigenen Einrichtung, der eigenen Vorlieben durch andere, der ich ab dem Augenblick ausgesetzt bin, in dem ich diese Dinge öffentlich mache.

    Zugleich verliere ich mit der einmal in Gang gebrachten Veröffentlichung privater Informationen auch die Kontrolle über diese. Ich kann ab diesem Punkt eben nicht mehr selbstbestimmen, wer meine Informationen sehen und nutzen darf. Nun hat diese Gefahr auch in der Vergangenheit und abseits sozialer Netze bestanden – nie konnte man sich absolut sicher sein, dass vertrauliche Informationen nicht doch an jemanden weitergegeben wurden, der sie eigentlich nicht erhalten sollte. Doch war das Risiko deutlich überschaubarer. Bei einer Veröffentlichung der privaten Daten auf Facebook kann es nun sein, dass Firmen in aller Welt meine Informationen einsehen und für ihre Zwecke verwenden können. Dadurch werde ich durchschaubar und manipulierbar. Ich habe noch immer Anteil an der Würde, weil ich zur Selbstgesetzgebung fähig bin, doch kann ich sie nicht mehr – oder nur noch eingeschränkt – realisieren, weil ich in den Augen von Managern und Verkäufern besser gar keine Möglichkeit zur Selbstgesetzgebung besitzen sollte. Vielmehr sollte ich genau das tun, was diese Menschen von mir wollen: Kaufen, konsumieren und noch mehr kaufen – und zwar am besten das, was diese Menschen bewerben… auf Facebook.

    • cr sagt:

      ad 1) – 3)

      Vielen Dank für die Präzisierungen in den Punkten 1) bis 3). Du verstehst mich hier richtig. Ich hatte auf genauere Ausführungen verzichtet, um die Lesbarkeit zu erhöhen – offensichtlich mit dem Preis Missverständnisse zu provozieren. Dein Kommentar ist somit wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden.

      ad 4)
      Du liest mich hier zu stark. Ich behaupte nicht, dass das Private essentiell notwendig für die Würde ist! Aber es ist mir zu wenig zu sagen, dass ein Mensch prinzipiell Würde hat – er muss sie auch durch seine Lebensweise verwirklichen können und auf die Möglichkeit zur Realisierung einer würdevollen Lebensweise kommt es mir in diesem Aufsatz an.

      Ferner kann und soll man seine Würde auch in der Öffentlichkeit realisieren, deswegen stelle ich bezüglich des Privaten nur eine graduelle These auf:

      Das Private ist der Raum, der mehr und bessere Möglichkeiten bietet selbstbestimmt zu leben und somit Würde zu realisieren, als die Öffentlichkeit. In dieser Hinsicht ist das Private wichtig für die Würde. Diese These unterfütterst du später mit weiteren, gut gewählten Beispielen.

      Wenn das Private der Raum ist, in dem ich am besten meine Würde realisieren kann, dann bedroht FB die Möglichkeit einer würdevollen Lebensweise, in dem es das Private zu einem überholten Konzept erklärt und seine Firmenpolitik entsprechend ausrichtet.

      Danke für den sehr ausführlichen und fachlich guten Kommentar!

  4. […] sondern eben auch von solchen benutzt werden um Kritiker zu überwachen.  Ferner habe ich hier argumentiert, dass Privatsphäre wichtig ist, zu Realisierung seiner menschlichen Würde und ich […]

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