Guttenberg – Das Ende der Bildungsrepublik

Veröffentlicht: Februar 28, 2011 von C.R. in Bildungspolitik
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Jeder dem Bildung noch wichtig ist wusste bei der Redeweise von Bildungsrepublik – sei es mit Blick auf die Bildungstheorie oder den realen Bedingungen – nicht ob er lachen oder schweigen sollte. Bildung wird in der philosophischen-pädagogischen Theorie nicht nur als Selbstzweck sondern auch als Widerstand gegen vorgefertigte Meinungen (Platon), Entmündigung (Kant), Verzweckung (Humboldt), Verlust der Individualität (Nietzsche) bestimmt [Der Gedanke Bildung als Widerstand zu charakterisieren stammt aus dem exellenten Aufsatz von Prof‘. Dr. Frost: Bildung bedeutet nicht Anpassung, sondern Widerstand].

Die aktuelle Diskussion um Guttenbergs Plagiat zeigt einmal mehr, dass Bildung in der Bildungsrepublik herzlich egal ist, wenn sie keinen Nutzen erfüllt. Bildung wurde bisher in der öffentlichen Diskussion auf Ausbildung reduziert und durch ein Berechtigungswesen mit standardisierten Kriterien dazu genutzt Zugänge zu Ämtern und Ansehen zu gewähren. Wie die Plagiatsaffäre Guttenbergs nun zeigt, müssen diese Kriterien aber noch nicht mal ihrem eigenen Anspruch nach erfüllt werden – es reicht der Schein. „Bildung“ ist nun nur noch ein Mittel – denn ein Mittel zeichnet sich dadurch aus, dass es überflüssig wird, wenn das zu erreichende Ziel anders erreicht werden kann oder erreicht worden ist. So kann Gutteneberg, sein Ziel, sein Amt erreicht habend nun das Mittel „Bildung“ abstoßen.

Das „Bildung“ nicht nur ein Mittel sondern nun auch noch ein überflüssiges Mittel geworden ist, vielleicht sogar eine Bagatelle, und dies in der Bevölkerung schon angekommen zu sein scheint, zeigt sich in Äußerungen wie: „Man solle Guttenberg doch in Ruhe lassen – sein Amt habe nichts mit seiner Dissertation gemein.“

Oft hört man auch: „Guttenberg habe eine zweite Chance verdient.“ Dies meint auch Anette Schavan [SZ, aufgerufen: 28.2.11]:

Wir wissen aber auch, dass dies nicht der erste Fall ist, in dem jemand gute politische Arbeit leistet und zugleich in einem anderen Bereich seines Lebens Schuld auf sich genommen hat. Für einen Minister gilt das Gleiche wie für jeden Menschen: Er hat eine zweite Chance verdient, zumal doch alle wissen, dass er ein großes politisches Talent ist.
– [Schavan, Ich schäme mich nicht nur heimlich, SZ]

Argumentativ auseinandergesetzt mit dem Prinzip oder der Maxime der zweiten Chance habe ich mich in dem hier verlinkten Kommentar.

Ferner zeigen solche Äußerungen, dass der Wissenschaft jegliche persönlichkeitswirksame Bildung abgesprochen wird. Das dies einmal anders gedacht war, zeigt noch das Voranstellen des „Dr.“ vor den persönlichen Namen. Deswegen gelingt auch der Schluss nicht, von einem wissenschaftlichen Betrug auf einen Mangel an Persönlichkeit zu schließen. Wer diesen Schluss nicht mitgeht, sollte doch bedenken, dass Guttenbeg der Dienstherr zweier Bundeswehr-Universitäten ist. Er kann dort nun kaum noch als Führungspersönlichkeit auftreten und seine StudentInnen zum Streben nach Wahrheit auffordern – es sei denn diese Bildungsbemühung ist eben nicht mehr als Schein, weniger noch als ein Mittel.

Adé Bildungsrepublik – hoffentlich wird in der Debatte jenseits poltiktaktischer Kalküle um die Plagiatsaffäre Bildung als Widerstand wieder sichtbar.

[Nachtrag] Die Praxis der Bildung ist die Aufklärung, so wie Kant sie versteht: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit im vorliegenden Fall, wenn man sich von der medialen Inszenierung Guttenbergs und den Aussagen seiner politischen Kollegen beeinflussen lässt, ohne dies kritisch zu hinterfragen. Politischer Ausdruck der Aufklärung ist ein demokratisches Denken und Handeln, denn in einer Demokratie ist das Volk der Souverän, und als solcher (wenigstens dem Begriff nach) notwendig mündig. Hinterfragt man die Plagiatsaffäre hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Demokratie, dann wird sichtbar, dass die zeitgemäße defizitäre Bedeutung der Bildung, d.i. als Mittel und nicht mehr als Widerstand, im Denken und Handeln eine Gefahr für die Demokratie ist. Dies bringt plakativ, aber direkt auf den Punkt der folgende Kommentar:

Kommentare
  1. Thanatos sagt:

    Danke für diesen Artikel! Danke, danke, danke! Die These der Degradierung der „Bildung als Mittel“ muss noch viel öfter und deutlicher ausgesprochen werden!

    Übrigens auch ein großes Dank für den Link zum Aufsatz von Fr. Prof. Dr. Frost. Wird direkt zu den wichtigen anderen Bildungsunterlagen geheftet. „Bildung als Widerstand“ passt auch wunderbar zu meiner persönlichen, Dir gegenüber schon einmal erläuterten Einordnung der Rolle der Bildung im Kontext von Freiheit und Sterblichkeit. Ich werde mir das mal ganz genau ansehen und kritisch auf Kompatibilität prüfen. (Da bekomme ich ja evtl. doch noch Lust, mit Dir auf diese PISA-Veranstalung zu gehen….)

    Dir noch einen schönen Tag!

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