Teach First

Veröffentlicht: Mai 13, 2011 von C.R. in Ökonomisierung der Bildung
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Das Spiegel-Interview mit Katja Landsberg, der Gründerin von „Teach Fist“ ist ein weiterer Beleg, wie unreflektiert die Ökonomisierung der Bildung von Leitmedien hingenommen wird. Das „Teach First“ Programm ermöglicht es jungen Karrieristen zunächst in Schulen als Lehrer tätig zu sein und dies als sozialen Bonus in ihrem Lebenslauf zu verbuchen. Top-Absolventen versuchen eine Vorbildfunktion für Schüler zu sein, denen Perspektive und Orientierung fehlen. Sie waren erfolgreich an einer Hochschule und möchten der Gesellschaft etwas zurückgeben. Den Teilnehmern des Programms ist nichts vorzuwerfen, dass Problem liegt in der Idee.

Zunächst die materielle Seite: Ein Teach-First-Fellow hat keine pädagogischen Qualifikation im Gegenatz zu Lehramtsreferendaren. Trotzdem erhält er 1700 Euro während ein Referendar mit rund 1000 Euro (abhängig von der Schulform) auskommen muss. Die Fellows werden zu 80% vom Staat bezahlt. Da ein Fellow immer nur zwei Jahre an einer Schule ist, wird der aktuelle Lehrermangel nicht behoben. Er wird sogar noch verschärft, da sich die staatlichen Kassen leeren ohne, dass auch nur eine einzige Stunde Unterricht gewonnen würde. Würde man genug qualifizierte Lehrer einstellen, so dass der Unterrichtsbedarf gedeckt wäre, dann wären die Fellows auch für die Schule eine Ergänzung. Nun sind sie aber keine Ergänzung sondern eine Notlösung, die das Problem des Mangels an pädagogisch qualifizierten Lehrern langfristig (absichtlich?) verschärft. [Vgl. dazu auch GEW-Privatisierungsreport Nr.12]

Zur ideellen Seite: Es entsteht der Verdacht, dass durch die Fellows, da sie nicht pädagogisch gebildet sind, ökonomische Interessen statt Bildungsansprüche in die Schulen getragen werden. Hier nur ein kleines kommentiertes Vademecum der Unworte aus obigem Interview:

Nur kann man bisher nicht sagen, dass unsere Fellows im großen Stil Schulklassen umgedreht hätten, in denen sich Apathie breit gemacht hat.

Apathie ist sicher ein Problem, aber wohin sollen die Schüler umgedreht werden? Wenn man jemanden „umdreht“, so ist das Fremdbestimmung und widerspricht dem erzieherischen Auftrag der Schule, nämlich Schüler zu selbstbestimmten Menschen zu bilden.

Unsere Schulen brauchen dringend den Geist des „Wir schaffen das!“ […] Wir haben die richtige Idee: Kindern, die Selbstwirksamkeit nicht erlebt haben, zu zeigen, dass sie wirklich etwas können.

Eine positive Einstellung ist förderlich beim Lernen. Aber auch hier: Was schaffen? Selbstwiksamkeit zu erfahren ist wichtig für die Motivation der Schüler – aber wofür sollen sie motiviert werden? Zum verstehen von Inhalten? Zur Persönlichkeitsentwicklung? Oder um die ökonmischen Bedürfnisse der zukünftigen Chefs zu befriedigen, die einst Fellows waren? Auch geht Frau Landsberg das ganze Projekt nicht „schnell genug,“ dabei ist gerade Muße und Ruhe notwendig für Bildung.
Sprachlich finden sich hier die üblichen Indikatoren, wenn es um die Idee der Ökonomisierung von Bildungsprozessen geht: Obwohl vieles positiv formuliert wird und pädagogische Begriffe wie hier Selbstwiksamkeit und Motivation benutzt werden, fehlt jeglicher inhaltliche Bezug. Aus pädagogischer Sicht sollen Schüler zu Mündigkeit, Autonomie, demokratischen und kritischen Denken in der Auseinandersetzung mit Inhalten erzogen werden. Ich verstehe nicht, warum dafür Fellows bessere Rollenvorbilder sein sollen als Lehrer. Fellows sind aber Vorbilder für ökonomisch denkende Menschen. Auch solche Vorbilder braucht man – vielleicht – problematisch aber ist, wenn diese zu Heilsbringer stilisiert werden und dies gleichzeitig zu einer Deprofessionalisierung im Schulbereich führt.
Teach First nutzt eine Lücke aus, die durch das systematische Kaputtsparen unseres Bildungssystems entstanden ist. Die Lücke wird dabei nicht gefüllt sondern vergrößert. Und schließlich gibt man nicht der Pädagogik sondern der Ökonomie den Vorzug.

Sollte dieses Projekt sich verbreitern und an Einfluss gewinnen, rekrutiert fortan die Wirtschaft die zukünftige „Führungs-Elite“ des Bildungswesens, nämlich Schulleiter, , und zudem hohes Verwaltungspersonal für „den Bildungsbereich“ aus, die allerdings von Pädagogik wohl i.d.R. kaum viel verstehen dürften. Es steht zu vermuten, dass hier eher wirtschaftliche als pädagogische Prinzipien vermittelt werden und zudem „Mäzene“ die Deutungshegemonie darüber erlangen werden, was eigentlich Benachteiligung und wie dieser zu begegnen ist.

[vgl. Nachdenkseiten]

Quellen:

GEW: Privatisierungsreport Nr.12

Nachdenkseiten: Teach First Deutschland und die Privatisierung (zuerst) der Lehrerausbildung

Nachdenkseiten: Worum es bei „Teach First“ wirklich geht

Spiegel Online: Top-Absolventen als Hilfslehrer „Das geht mir alles nicht schnell genug“

Kommentare
  1. Thanatos sagt:

    Da bleibt mir eigentlich nichts zu ergänzen.

    Hab mir bei der Lektüre des Interviews vor ein paar Tagen ganz ähnliches gedacht. In die Schule gehören ausgebildete (Fach-)Lehrer und keine Hobby-Pädagogen. Es kann eben nicht jeder „Schule“, nur weil er selber mal eine besucht und vielleicht noch irgendein universitäres Studium abgeschlossen hat. Ich maße mir ja auch nicht an, einfach in eine Anwaltskanzlei oder ein Ingenieurbüro zu spazieren und zu behaupten, ich könnte den Job genauso machen, wie die Menschen, die ihr Fach jahrelang studiert haben.

    Das „Teach First“-Programm ist zu allererst eine Veranstaltung für die Absolventen, die sich damit einen sozialen Anstrich geben wollen. Die Schüler profitieren wohl nur in Ausnahmefällen von den Laien, die sich mal als Lehrer versuchen und die eigentlich noch zusätzlich eine ausgebildetet Fachkraft als Aufsicht und Ansprechpartner bräuchten.

    Als Lehrer, der sich durch die Unbill der regulären Ausbildung gekämpft hat und dem die Schüler auch über zwei Alibi-Jahre hinaus am Herzen liegen, fühlt man sich von diesem Programm regelrecht beleidigt und abgewertet…

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