Pamphlet Nr.1

Veröffentlicht: Mai 31, 2011 von C.R. in Gedankenrauschen
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Empört Euch! Ruft uns Stéphane Hessel zu:

Das Grundmotiv der Résistance war die Empörung. Wir Veteranen rufen die jungen Generationen dazu auf, das Erbe der Résistance und ihre Ideale lebendig zu erhalten und weiterzugeben. Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Geistesleben und die ganze Gesellschaft dürfen nicht abdanken und sich von der Diktatur der internationalen Finanzmärkte beeindrucken lassen, die den Frieden und die Demokratie bedrohen. Ich wünsche jedem Einzelnen von Ihnen ein eigenes Empörungsmotiv. Denn das ist kostbar.

(Quelle: Faz)

Doch reicht Empörung? Reicht eine Konsumkritik? Die Weichspülung durch die Massenmedien zu verdammen? Reicht es auf die Straßen zugehen, zu demonstrieren, dabei zu Musik zu tanzen? „Es ändert doch eh nix.“ Sagen einem die Mitbewohner, die nicht mit zur Demo gegen Studiengebühren kommen. Das lähmende Gefühl der Ohnmacht einer ganzen Generation. Die Selbsttäuschung durch Aussagen, dass die Welt zu komplex geworden ist, um sie zu verstehen, um noch ein Feindbild ausmachen zu können. Wie einfach war es Politik in links und rechts aufteilen zu können. Wie dankbar war man, als jemand den Begriff des Neoliberalismus zur Parole stilisierte. Endlich wieder eine Ideologie von der man sich abgrenzen konnte – Identität durch Abgrenzung, der einfachste Weg zu sich selbst? Es sind die „Neoliberalen“ die unsere Bildung inflitieren, Professoren kaufen, wissenschaftliche Forschungen zensieren, den Begriff „Gemeinwohl“ aus den Politiklehrbüchern streichen.

Der Kapitalismus oder der Neoliberalismus sind aber nur Symptome für etwas von dem man glaubt, dass es das Gegenteil zu einer Ideologie zu sein scheint: dem Pragmatismus. Wie man aber schon am -ismus erkennt, schleicht sich hier eine Geisteshaltung mit Absolutheitsanspruch ein, die im Alltag sehr angenehm ist. Lösungsorientiert denken und nicht über die Probleme jammern. Nicht Nölen wie ein altes Ehepaar, sondern die Dinge anpacken! Warum pragmatisch sein? Weil es angenehm, bequem und einfach ist. Weil wir faul sind – Muße zu anstrengend! – zweickfreies aber nicht zweckloses Nachdenken – Intellektuelle werden gesellschaftlich stigmatisiert, wenn alles nur auf ökonomischen Nutzen ausgerichtet ist. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche! Wenn ich daran denke fühle ich mich wie vor einer überfüllten Schulklasse – Schweigen alle, weil sie nichts verstanden haben oder weil sie sich langweilen?

Dann doch lieber unsere alltägliche Dosis Gedankengift: Ein wenig Zwang, ein bisschen Freude und mit einem pragmatischen Lächeln versuchen wir nicht daran zu denken, ob unser Wohlstand auf Ausbeutung beruht, ob wir Menschenrechtsverletzungen nicht einfach nur outgesourct haben. „Bio Fleisch von glücklich gestorben Kühen und Fair Trade Kleidung die uns ein besseres Gewissen gibt als das 4,95 Euro H&M Hemd kann ich mir leider nicht leisten.“ Endet so die Revolution im Supermarkt? Wie verhählt sich der Mensch zur Erkenntnis? Empörung ist der Anfang. Erkenntnis, kritische Analysen auch. Doch wenn Wissenschaft nicht mehr frei ist, wenn Empörung zur Mode wird, Erkenntnis und Mensch nicht ernsthaft wechselwirken, dann hat der Pragmatist das letzte Wort:

Seit den Achtzigern und spätestens seit den neunziger Jahren ist es ausgemachte Sache, dass das mit der Veränderung der Verhältnisse nicht geht. Die Welt ist komplex, undurchschaubar komplex, man weiß nicht mehr, wo die Guten und wo die Schlechten stehen. Ganz genau weiß man dagegen, dass man selbst Teil des Systems ist […]. Es sind Sackgassen, in denen heute jeder Gedanke an Befreiung oder Selbstfindung oder Revolution stecken bleibt. Es sind sozusagen die Versprecher in jeder Versprechung. – Peter Michalik

 

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