Bessere Lehrer für 40 $

Veröffentlicht: August 19, 2011 von C.R. in Ökonomisierung der Bildung
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Bildung zahlt sich aus: Sowohl für den einzelnen Menschen, dessen Jahreseinkommen statistisch signifikant mit dem Bildungsgrad korreliert, als auch für die Gesellschaft insgesamt. Letzteres ist leider erstens etwas schwerer nachzuweisen und ist zweitens schwerer zu vermitteln. Das liegt daran, dass der gesellschaftliche Nutzen von Bildung die Form einer Dividende hat – und die wird nicht in der nächsten, auch nicht in der übernächsten Wahlperiode ausgezahlt. Was Politikern die Entscheidung für die nötige Investition selbstverständlich nicht erleichtert. (Quelle: Telepolis)

Ich beziehe mich nur auf die Darstellung der Studie in dem Telepolis Artikel von Matthias Gräbner,  ohne auf die Studie selbst einzugehen. Ich möchte hier das Augenmerk auf zwei Konzepte richten, welche unkritisch – fast selbstverständlich – benutzt werden, wenn offensichtlich oder latent ein ökonomisierter Bildungsbegriff benutzt wird. Diese Konzepte fallen durch ihre Einseitigkeit auf, hier: Bildung wird nur als ökonomischer Faktor und Motivation nur als extrinsisch charakterisiert.

1) Bildung hat die Form einer Dividende

Im obigen Zitat wird der ökonomische Nutzen von Bildung angesprochen, den es natürlich gibt und einer Untersuchung, die herausstellt, dass dieser nur langfristig besteht ist in unserem von Aktionismus geprägten politischen Alltag sinnvoll. Problematisch aber ist, dass hier gesagt wird, dass der „gesellschaftliche Nutzen von Bildung die Form einer Dividende hat.“ Auf den ersten Blick betont dies nur dass der ökonomische Gewinn nur langfristig zu erreichen ist. Zumindest legt der Begriff Dividende nahe, hier einen ökonomischen Nutzen zu erwarten, wie auch die Redeweise „Bildung zahlt sich aus“ gleich am Anfang des Artikels suggeriert. Dividenden sind Gewinne, die eine Aktiengesellschaft an ihre Aktionäre ausschüttet. Aktionäre wiederum „wetten“ darauf, dass bestimmte Wertanlagen in Zukunft Gewinn abwerfen – womit man bei der Vergabe von Studiengebühren ist, welche an die Idee des neoliberalen Nobelpreisträgers für Wirtschaft, Milton Friedman erinnert.

[Friedmann] entwickelte 1962 in seinem Buch „Kapitalismus und Freiheit“ die „amüsante“(!) Idee, dass es doch ein lohnendes Geschäft wäre, in die Ausbildung von Menschen zu investieren. Die Geschäftsidee: Man gibt einem jungen Menschen Kredit für seine Ausbildung und erhält anschließend lebenslang einen Teil von dessen Einkommen. Die Spekulation wäre also, möglichst geeignete, talentierte und später erfolgreiche Kinder und Jugendliche zu finden, in die man investiert, um damit einen möglichst hohen Ertrag einzufahren. Friedman räumt selbst ein, dass dies „teilweiser Sklaverei“ gleichkäme! (Quelle: Krautz: Bildung als Anpassung)

Friedmanns Auffassung deckt sich mit dem Menschenbild der Humankapitaltheorie: Wissen und Fähigkeiten sind Ressourcen des Menschen, die andere oder auch er selbst ausbeuten kann. Es wird hier also ein einseitiger ökonomischer Bildungsbegriff benutzt, der Bezüge zum Menschenbild der Humankapital Theorie aufweist.

Charakteristisch für einen ökonomisierten Bildungsbegriff ist das Moment der Steuerung: Wie bei jeder Kapitalanlage möchte man möglichst sicher sein, dass der Ertrag den man aus der Anlage erhält größer ist als der Ertrag den man investiert hat, es geht also um das Verhähltnis von Input und Output. Die Studie stellt also fest, dass der Output von Bildung nur langfristig zu erwarten ist. Im nächsten Abschnitt wird dargelegt wie sich der Output der auf ökonomischen Nutzen reduzierten Bildung der Schülerinnen und Schüler durch Motivation steuern lässt. Logischerweise muss der hier benutzt Motivatiosbegriff ebenfalls eine Steuerung zulassen, was nur bei der extrinsischen Motivation möglich ist.

2) Extrinsische Motivation

Eine Gruppe um Joseph Allen berichtet in Science von dem Versuch, das Verhältnis von Lehrern und Schülern zu beeinflussen. Dabei wurden die Lehrer einem recht umfangreichen, über ein Jahr dauernden Programm unterworfen, das sie unter anderem befähigen sollte, die Schüler besser zu motivieren. […]

Tatsächlich zeigten sich danach sehr deutliche Erfolge – und zwar unabhängig vom Fach. Das heißt, meinen die Studienautoren ausdrücklich, dass zur erfolgreichen Vermittlung etwa von Mathematik beste Mathekenntnisse allein nicht genügen. Das Programm kostete insgesamt etwa 3700 Dollar pro Lehrer. Auf die Schüler bezogen, ist damit ein Leistungszuwachs um neun Prozent für ganze 40 Dollar zu haben. (Quelle: Telepolis)

Aus der eigenen Schulzeit können sicher viele bestätigen, dass reine Fachkenntnisse noch keinen guten Lehrer auszeichnen – und dies lernen und erfahren Lehramtsanwärter während ihrer Ausbildung täglich. Hier spart der Artikel leider das eigentlich interessante aus: Wie entsteht Motivation? Wenn man sinnvoll über Motivation sprechen will, dann muss man zwei Arten unterscheiden: Extrinsiche Motivation, die z.B. vorliegt wenn Schülerinnen und Schüler lernen, um eine bessere Note zu erreichen und intrinsische Motivation, die besteht, wenn Schülerinnen und Schüler an dem Lerngegenstand selbst interessiert sind. Intrinsische Motivation ist was pädagogisch zählt. Aus der Darstellung von Gräbner geht allerdings nicht hervor, dass in dem genannten Programm Lehrern beigebracht wird, intrinsiche Motivation zu wecken. Die Formulierung, dass Lehrer lernen „Schüler zu motivieren“ lässt aber auf extrinsiche Motivation schließen. Denn intrinsisch kann ich niemanden zu etwas motivieren. Durch Bestechung und Zwang kann ich jemanden zu etwas motivieren – illigitime Mittel in der Schule – und dies wären eben klare Mittel extrinischer Motivation. Jedoch für intrinsiche Motivation kann man nur einen Motivationsanlass schaffen: Rahmenbedingungen (Lernatmosphäre, Bedeutsamkeit des Themas für ihr Leben, etc.) die den Schülerinnen und Schülern ermöglichen sich selbst für die Sache zu begeistern – aber echte Motivation lässt sich nicht erzwingen oder steuern.

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