Marie und die gestohlene Zeit

Veröffentlicht: Oktober 24, 2011 von C.R. in Ökonomisierung der Bildung, G8 - Schulzeitverkürzung
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Eine Suche nach Thesen und Gründen für und gegen G8. Zunächst eine Elterninfo des Schulministeriums NRW. Weiter geht es mit einem sehr emotionalen und schönen Brief, dessen sachlichen Gehalt ich zusammengefasst habe:

Liebe Marie,

Warum müssen Fünftklässler sonntags büffeln statt Freunde zu treffen? Weshalb dieser Unsinn? Henning Sußebach versucht, es seiner Tochter in einem Brief zu erklären.

Quelle: Zeit-Online, Kommentar: GBW

Zusammenfassung: Henning Sußebach führt ökonomische Gründe für die Schulzeitverkürzung des Gymnasiums von 9 auf 8 Jahre an, welche sich jeglicher pädagogischer Legitimation entziehen, da sie schädliche Folgen für die Persönlichkeit und Gesundheit der Kinder haben.

Aus Angst im globalen, ökonomischen Wettbewerb zu verlieren, sollen Kinder schneller lernen. Um auf das (angebliche) Demographieproblem zu reagieren, müssen Kinder früher Geld verdienen, damit schneller mehr Geld in die Rentenkassen fließen kann. Die Schulzeitverkürzung ist ferner eine Empfehlung der Finanzminister, nicht der Kultusminister gewesen, denn ein Gymnasiast kostet 5000 € im Jahr. Aus diesen Gründen haben Kinder nun eine 40-Stunden Woche ohne Zeit mit Freunden zu spielen oder Hobbys nachzugehen. Kinder haben also viel weniger Zeit zur freien Persönlichkeitsentwicklung durch zweckfreies Spielen. Stattdessen leiden sie unter Stressbedingten Kopfschmerzen (Studie der Krankenkasse DAK). Psychologen und Ärzte diagnostizieren Burn-Out Syndrome (Erschöpfungszustände, Traurigkeit, Angst, Schlafstörungen, Depressionen) nicht mehr nur bei Managern sondern nun auch bei Kindern. Eltern finanzieren private Nachhilfeschulen, weil der Staat Geld bei öffentlichen Schulen einspaart, was die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert. Der Pädagoge Andreas Gruschka kritisiert, dass Kinder weniger Zeit haben das Gelernte zu verstehen und sich eine eigene Meinung zu bilden, durch G8 werden Kinder so zu kritiklosen Menschen erzogen, die nur in ökonomisch relevanten Kompetenzen wie organisieren und präsentieren geschult sind. Klassenarbeiten dienen nicht als Diagnose- sondern als Selektionsinstrument. Jugendliche müssen nach dem Turbo-Abi mit 17 über die Richtung ihres Lebens entscheiden ohne zuvor Zeit gehabt zu haben sich Gedanken zu machen, sich auszuprobieren. Der Eintritt ins Berufsleben wird zwar früher, doch welche Persönlichkeiten mit welchen Lebenserfahrungen unterrichten dann nach einer ebenfalls verkürzten BAMA – Studienzeit unsere Kinder, behandeln Kranke, managen Unternehmen?

Schulabgänger neigen zu konservativer Berufswahl
Jugendliche sind in der Krise besonders verunsichert. Experten raten zu Berufen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

[…] Benjamin Frank Hilbert möchte bald ein Lehramtsstudium in Berlin aufnehmen. Mathematik und Sozialkunde. „Das finde ich interessant und es ist halbwegs sicher“, sagt der 19-Jährige. Wo würde denn seine Leidenschaft liegen? Hilbert zuckt mit den Achseln. „Schon da, irgendwie“, sagt er. Ach so. Seine Wahl ist vor allem vernünftig.
Quelle: Zeit-Online

Kommentar: Der letzte Abschnitt spiegelt die Persönlichkeit der PISA-Generation wieder. Jochen Krautzs  Charakterisierung einer ökonomisierten, kompetenzorientierten Bildung als Anpassung statt einer humanistischen, widerständigen Bildung als kritische Auseinandersetzung mit sich und der Welt, wird hier in der Haltung des Abiturienten Benjamin Frank Hilbert ausgedrückt.

„Die Zeit zum Üben und Vertiefen fehlt völlig“
Die Mathekenntnisse vieler Studenten reichen nicht. Jetzt macht sich auch noch die kürzere Schulzeit bemerkbar. Der Mathematikprofessort Jürg Kramer erklärt im Interview, wo die Defizite liegen.

Quelle: FAZ

Kommentar: Wurde in „Liebe Marie…“ ökonomische Gründe für G8 angeführt, z.B. dass Schülerinnen und Schüler in kürzerer Zeit Arbeitsmarkt relevante Fertigkeiten und Fähigkeiten (Selbstorganisation, Selbsteinschätzung, Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen und Konzentrationsfähigkeit) erlernen, kritisiert dieser Artikel, dass für den Erwerb dieser Fertigkeiten durch die Schulzeitverkürzung keine Zeit mehr bleibt. Auch fachliche Inhalte und Kompetenzen können nicht mehr in dem Ausmaße erworben werden, als dass das Gymnasium seinen wissenschaftspropädeutischen Anspruch aufrechterhalten könnte.

Ferner spricht Kramer sich für eine G8 Reform nach Schweizer Vorbild aus, was schlankere Stundenpläne, weniger Lehrplanvorgaben und Ein-Fach-Lehrer bedeutet. Ferner sieht er keinen Unterschied zwischen einem Mathematiker und einem Mathematik – Lehrer. Diese Vorschläge scheinen sinnvoll für eine ökonomische Ausrichtung der Schule, allerdings widersprechen sie einer allgemeinen Bildung. Interdisziplinärer Unterricht und eine allgemeine Bildung wird dadurch befördert, wenn LehrerInnen möglichst wenig spezialisiert sind. Ferner ist man noch lange kein guter Lehrer, nur weil man Mathematik studiert hat. Insofern ist eine Differenzierung zwischen Mathematikern und Lehrern die Freude an der Mathematik haben gerechtfertigt. Schließlich sollte Schule Schülern und Schülerinnen Raum zur individuellen Entfaltung geben, dies braucht aber Vielfalt und eben nicht G8-freundliche schlanke Stundenpläne sondern Ruhe, Zeit und Muße.

Alles halb so schlimm
Leserin Justine Marienfeldt kommt aus Sachsen und hat ihr Abitur nach zwölf Jahren gemacht. Ohne Anstrengung, schreibt sie.
Quelle: Zeit-Online

Kommentar: Abgesehen von subjektiven Befindlichkeiten liefert der Artikel leider keine Gründe pro oder contra G8. Die Autorin gesteht aber auch ein, dass dies für sie nicht möglich ist, denn: „Die Diskussionen über G8 oder G9 waren für uns schwer nachzuvollziehen, weil wir nichts anderes kannten als unser Modell.“ (ebd.)

„Turbo-Abitur“Lehrer und Eltern warnen vor Folgen der Schulzeitverkürzung
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt, durch die Ausweitung des Unterrichts in den Nachmittag seien offene Jugendarbeit sowie Vereine in Gefahr. Der Elternbund Hessen befürchtet einen verstärkten Druck nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Erwachsenen: „Eltern sind schon heute die Nachhilfelehrer der Nation, sie müssen durch das Turbo-Abitur noch mehr Hilfestellungen leisten“, sagt Landesvorsitzende Cornelia Fliege. Für den Vorsitzenden des hessischen Philologenverbandes Knud Dittmann könnten sinkende Abiturientenzahlen, Leistungsverlust sowie eine stärkere Selektion die Folgen des Turbo-Abiturs sein.
Quelle: Faz

Kommentar: Der Artikel führt im wesentlichen die gleichen Kritikpunkte an G8 wie „Liebe Marie…“ an. Ist aber nicht so ausführlich.

G8-Reform Erfahrungen lassen schlimmes befürchten
Mit Einführung des achtjährigen Gymnasiums hätten sowohl die psychische wie auch die physische Belastung der Schüler zugenommen. Für Lehrer bedeute G8 ebenfalls erhebliche Mehrarbeit. „Konkret haben sich die Anwesenheitszeiten in der Schule ausgeweitet, weil der Nachmittagsunterricht zur Regel wird.“ Quelle: Stern

Kommentar: Dieser Artikel führt neben bereits genannten Punkten auch die höherer Belastung der LehrerInnen auf.

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