Ist Post-Privacy totalitär?

Veröffentlicht: Dezember 6, 2011 von C.R. in Dislike! - Kritik sozialer Netzwerke
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Wie Marc Zuckerberg hält auch Julia Schramm (Piratenpartei) Privatsphäre im Internet für überholt und leitet daraus gesellschaftliche Konsequenzen für ein Konzept ab, welches sich seit einiger Zeit unter dem Begriff „Post-Privacy“  als Alternative zur Forderung nach mehr Datenschutz etabliert hat. Im Folgenden rekonstruiere ich kritisch dieses Konzept aus dem Streitgespräch „Datenschutz greift nicht mehr“ zwischen der Sprecherin des Chaos Computer Clubs Constanze Kurz und der Mitbegründerin der „datenschutzkritischen Spackeria“ Julia Schramm, um zu verstehen was Post-Privacy bedeutet.

Was bedeutet Post-Privacy?

Julia Schramm bestimmt den Begriff „Post-Privacy“ einerseits als eine Zustandsbeschreibung, dass Datenschutzgesetze nicht mehr greifen, weil immer mehr Daten digitalisiert und unkontrollierbar, gleichsam jenseits der Privatsphäre, verwertet werden. „Post-Privacy“ bezeichnet aber auch die persönliche Haltung eines Nutzers immer mehr von sich preiszugeben. Die Post-Privacy Bewegung geht nach Schramm davon aus, dass Datenschutz im Internet nicht mehr möglich ist, und jegliche Diskussion zur Stärkung des Datenschutzes an der Realität vorbei geht, deswegen soll das Konzept der Privatsphäre für das Internet aufgegeben werden.

Wir finden, dass die aktuelle Diskussion um den Schutz von Daten an der Realität vorbeigeht. Wir leben in einer vernetzten Welt, wo Privatsphäre durch das Internet nicht mehr möglich ist. […] Der Aufwand, private Daten zu kontrollieren und zurückzuhalten, ist mittlerweile unverhältnismäßig hoch. Im Endeffekt können wir uns nicht dagegen wehren. (Schramm, Spiegel-Online)

Als Alternative zu der von ihr als realitätsfern eingeschätzten Diskussion um mehr Datenschutz schlägt Schramm die Post-Privacy Utopie vor.  Schramm diagnostiziert also einen Mangel an Realitätsnähe der Datenschutzdiskussion und will diesen Mangel beheben, in dem sie eine Utopie an dessen Stelle setzt. Dieser Schritt ist argumentativ nicht überzeugend, da eine Utopie noch weiter von der Realität entfernt ist als der teilweise real-existierende Datenschutz. Oder um es in Frau Schramms Worten zu sagen: Wenn „Privatsphäre sowas von Eighties“  (Spiegel-Online) ist und man mit dem Slang Zeitgemäßheit anmeldet, warum dann eine Utopie bemühen, denn Utopien sind sowas von 1516? Mir ist hier nicht klar, warum die Idee der Privatsphäre zeitabhängig sein soll. Betrachten wir aber dennoch welche Utopie hier vorgeschlagen wird.

Post-Privacy Utopia

Politisch träumt die Post-Privacy Bewegung  nach Schramm von einer Gesellschaft, in der niemand Angst vor Diskriminierung haben muss, denn diese findet entweder nicht statt oder führt nicht zu sozialen Repressionen.  Der Sinn dieser Unterscheidung ist nicht vorhanden, denn Diskriminierung ohne soziale Repressionen gibt es nicht. „Diskriminierung bezeichnet eine gruppenspezifische Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder Individuen.“ (Wikipedia). Bleibt also als Kern der Utopie eine Gesellschaft ohne Diskriminierung, in der auch persönliche Daten öffentlich und transparent sind, ohne dass man Angst haben muss, dass die geteilten Bilder die jemanden beim Ausüben einer Risikosportart zeigen, sich erhöhend auf den Krankenkassenbeitrag auswirken. Die Position des Post-Privacy besagt also: Eine Welt ohne Diskriminierung ist möglich und diese Utopie ist besser als die Debatte um mehr Datenschutz.

Eine Gesellschaft ohne Diskriminierung ist zweifellos wünschenswert. Aber weil sie eine Utopie ist, ist sie kein Argument gegen die aktuelle und reale Notwendigkeit von Datenschutz. Datenschutz bedeutet den Schutz des Individuums, durch die Garantie einer unveräußerlichen Privatsphäre.

Die gesamte Philosophiegeschichte der letzten 400 Jahre entwickelt Autonomie, Freiheit, Kreativität, Selbstgestaltung als die zentralen Werte, für die es sich zu leben lohnt. Für dies Konzeption wurde auch die Demokratie entwickelt, als eine Lebensform in der man auch Privatheit haben darf und Freiheit haben darf, die geschützt Bereiche sind. Im Gegensatz zu totalitären Staaten die Privatheit annullieren und eliminieren wollen. Insofern, wenn man eine solche Meinung [, das Privatheit ein überholtes Konzept ist] vertritt, ist das ein totalitaristischer Grundzug […], solche Leute muss ich bekämpfen, die sind nach meinem dafürhalten unsittlich. (Bernhard Irrgang, WDR 5 das philosophische Radio über Internetethik, 30.09.11)

Privatsphäre ist, wie von Irrgang herausgestellt, ein wesentliches Momente der Demokratie. Nur weil es schwerer wird die Privatsphäre im Internet zu schützen, darf man sie nicht aufgeben. Denn auch in Demokratien wie der unsrigen kann freie Meinungsäußerung zu Problemen führen, wie das Beispiel eines Bloggers zeigt, der sich kritisch gegenüber der katholischen Kirche geäußert hat und gegen den nun Anklage erhoben wurde. Der Schutz der Privatsphäre bedeutet also auch den Schutz der Meinungsfreiheit, auch wenn man kein Geld für Anwälte hat, und sie nicht nur ein prinzipielles Recht sein soll.

Ferner können Kommunikationstechnologien wie soziale Netzwerke zwar demokratische Bewegungen begünstigen, deshalb müssen sie demokratische Rechte einlösen. Sonst kann z.B. Facebook nicht nur dazu benutzt werden, um totalitäre Regime zu stürzen, sondern eben auch um Regimekritiker zu überwachen.  Ferner habe ich hier argumentiert, dass Privatsphäre wichtig ist, zu Realisierung seiner menschlichen Würde und ich sehe nicht ein, warum ich darauf im Internet  verzichten soll.

Man etabliert durch das Abschaffen des Datenschutzes und der Privatsphäre totalitäre Strukturen zur Kontrolle und Überwachung. Das Konzept des Post-Privacy erlaubt also bezüglich des Internets totalitaristische Grundzüge, welche sich in der Theorie aber nicht negativ auswirken sollen, da in der angeträumten Utopie keine Diskriminierung stattfindet. Post-Privacy muss also unter allen Umständen jegliche Form von Diskriminierung verhindern. Ich sehe nicht, was daran einfacher sein soll, als zu versuchen Datenschutz im Internet durchzusetzen. Mit jeden Klick auf Facebook & Co. gibt man eine implizite Zustimmung zur Aufgabe von Privatsphäre und Datenschutz im Internet. Man könnte damit schonmal aufhören.

Quellen:

„Datenschutz greift nicht mehr.“ Telepolis

„Privatsphäre ist sowas von Eighties.“ Spiegel-Online

„Arendt und Privatsphäre.“ Julia Schramm

Das philosophische Radio im WDR 5 mit Bernhard Irrgang über Internetethik (Sendung vom 30.09.11)

Kommentare
  1. Thanatos sagt:

    Danke für den schönen Artikel.
    Zur Utopie-Forschung und -Kritik wäre sicherlich noch einiges zu ergänzen, aber es sollte auch so schon jedem Leser klar werden, dass hier ein reines Phantasie-Produkt mit totalitären Zügen als Lösung für ein real-demokratisches Problem gesetzt wird. Eine Welt ohne Diskriminierung und soziale Unterschiede – und alle machen da freiwilig mit, sind nett zueinander und verfolgen das gleiche Ziel? Reinstes Wunschdenken. Wohin sowas führt, kann man wunderbar an der Geschichte der kommunistischen Staaten im 20. Jh. beobachten. Da war auch jeder gleich. Zumindest dem Anspruch nach. Denn wie Orwell schon in „Farm der Tiere“ feststellte: „Alle Tiere sind gleich, Aber manche sind gleicher.“

  2. Thanatos sagt:

    Hier übrigens noch der Auftakt zu einem 7-Teiler, der die Denkfehler der PP-Bewegung aus der Perspektive eines Mitgliedes der Piratenpartei analysiert:

    http://live.piratenpartei.de/blog/die-denkfehler-der-post-privacy-spackeria-teil-1-erpressung-und-fremdsteuerung

    Ist vielleicht wichtig, auch um im Hinblick auf bevorstehende Wahlen und die Einschätzung der Piraten hinsichtlich „post privacy“,

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