Alphabet – Gedanken zum Film

Veröffentlicht: November 14, 2013 von J.L. in Ökonomisierung der Bildung, Bildungspolitik, Gedankenrauschen
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Schule und Bildung sind Themen, die zur Zeit breit in den Medien und der Öffentlichkeit verhandelt werden. Mit Alphabet ist nun ein Film in die Kinos gekommen, der sich ebenfalls mit den Fragen der Bildung und mit Kritik an Schule auseinandersetzt.

Zunächst scheint ‚Alphabet‘ den gleichen kapitalismuskritischen Anspruch zu verfolgen wie die früheren Filme des Regisseurs Erwin Wagenhofer (‚We Feed The World‘ und ‚Let´s Make Money‘). Eindrücklich wird gezeigt, wie Bildungssysteme weltweit ökonomischen Interessen unterworfen werden.
Exemplarisch wird das Schulsystem Chinas betrachtet, wo wir Schüler*innen sehen, die von klein auf einem hohen Leistungsdruck und Konkurrenzkampf ausgesetzt sind, der sie darauf vorbereiten soll, sich im späteren Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen zu können. Doch der Preis ist hoch: Die Kinder werden ihrer Kindheit, ihrer Lebensfreude und Neugier und damit auch ihrer Bildung beraubt.
Nicht nur China als PISA-Testsieger sondern auch die PISA-Studie selbst wird betrachtet. Angemerkt wird, dass die Testindustrie mittlerweile zu einem großen Wirtschaftszweig herangewachsen ist, mit dem sich viel Geld verdienen lässt. Und auch, dass PISA als ein Instrument der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit) entwickelt wurde, die Bildung als einen zentralen Indikator für das wirtschaftliche Wohlergehen eines Landes nennt. Damit wirft ‚Alphabet‘ – gerade zu Beginn – wichtige Fragen der aktuellen Bildungsdebatte auf:  Sollten wirtschaftliche Aspekte die entscheidenden Kriterien bei der Beurteilung von Bildungssystemen sein? Wenn China Sieger dieser Tests ist, gilt es dann als Vorbild für die Schulsysteme anderer Länder? Anhand welcher Kriterien wird unser Bildungssystem mit PISA bewertet und auch umgestaltet?

Leider jedoch scheint der Film sich bei seiner Kritik an ökonomischen Tendenzen in der Bildung lediglich der Analogie zwischen Schule und Fabrik zu bedienen. Kritisiert werden Standardisierung, Gleichschaltung und Prüfungen und der Hirnforscher Gerald Hüther vergleicht Schule mit militärischem Drill. Die Kritik, dass Schule dem Einzelnen häufig nicht gerecht wird, mag berechtigt sein. Und für die Zeiten des fordistischen Arbeitsmodells unter dem die Schulkritik groß geworden ist, ist wohl auch der Vergleich naheliegend, dass Standardisierung und Drill in der Schule die Schüler*innen darauf vorbereiten im späteren Arbeitsleben gehorsam monotonen Tätigkeiten am Fließband nachzugehen. Doch die heutige Wirtschaft hat andere Anforderungen an ihre Arbeitskräfte. Es geht längst nicht mehr nur darum, Menschen zu Gehorsam, Disziplin und Unterwerfung zu erziehen. Heute wird von Arbeitnehmer*innen primär Flexibilität, Kreativität und Selbstorganisation gefordert (siehe auch Bröckling). An Stelle der Kontrolle tritt Selbstkontrolle. Und da wird es schwer auseinanderzuhalten, wann es sich bei Forderungen nach Selbstentfaltung, Selbstbestimmung und Freiheit um humanistische bzw. emanzipatorische Forderungen handelt, die tatsächlich das Wohl des Kindes im Blick haben, oder wann eben auch hier wieder wirtschaftliche Interessen dahinter stehen.

Die Positionen im Film erscheinen da sehr undifferenziert. Staatlichen Schulen wird pauschal Standardisierung, Drill und Gleichschaltung vorgeworfen, als einzige Alternative werden Selbstentfaltung und Kreativität jenseits des staatlichen Bildungssystems angeboten. Häufig ist es jedoch weniger schwarz-weiß. Wenn Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Telekom fordert, Schule müsse Diversität und Kreativität fördern, hat er dabei sicher nicht zuletzt auch das ‚Humankapital‘ im Blick. Sattelberger fordert somit eben genau das was Wagenhofer an anderer Stelle in seinem Film kritisch beleuchtet: Eine Ausrichtung von Schule an die Anforderungen der Wirtschaft.
In dem vollständigen Video von Sir Ken Robinson, aus dem viele Zitate im Film verwendet werden, wird es sogar direkt ausgesprochen: Bildungssysteme aller Länder werden derzeit umgestaltet, weil Kinder darauf vorbereitet werden sollen ihren Platz in einer Wirtschaft einzunehmen von der wir heute nicht wissen wie sie morgen aussieht (hinterfragt wird weder, ob dies eine der zentralen Aufgaben von Schule sein sollte, noch, ob die in Medien und Öffentlichkeit zur Zeit mantraartig wiederholte Behauptung, alles sei permanent im Wandel, tatsächlich stimmt oder nicht doch eher zur Verunsicherung genutzt wird). Verschleiert wird dabei, dass das was Sir Ken Robinson als Ausweg anbietet eben der Paradigmenwechsel ist mit dem die Bildungssysteme auf die heutige Wirtschaft angepasst werden.
So werden in ‚Alphabet‘ im Mantel von PISA- und Kapitalismuskritik Ideen tragfähig gemacht, die letztlich eine Ökonomisierung von Bildung vorantreiben.

Schade übrigens, dass in einem Film über Bildung kaum Pädagog*innen zu Wort kommen, dafür aber Hirnforscher (Gerald Hüther), Personalmanager (Thomas Sattelberger), „Berater“ (Sir Ken Robinson)… Die Thesen von Gerald Hüther mögen zunächst toll klingen, doch Vieles ist umstritten und ob die Aura der Wissenschaftlichkeit, mit der er sich umgibt gerechtfertigt ist, bleibt fraglich (Zeit Online).

Schade auch, dass – bei aller berechtigten Kritik – Schule als solche gänzlich in Frage gestellt wird. Ist die Institution Schule an sich verwerflich? Die einzigen angebotenen Alternativen scheinen kaum befriedigend.  So ist der Malort von Arno Stern von einer wunderbaren Wertschätzung, Akzeptanz und Anerkennung getragen und damit bestimmt für Einzelne sehr bedeutsam, doch wie auf diese Weise auch nur die elementaren Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen erworben werden sollen bleibt gänzlich offen. Als andere Alternative wird ein Fernbleiben von Schule angeboten, wie es beispielhaft am Leben von Andre Stern gezeigt wird.  Doch auch wenn er Glück und Erfüllung gefunden haben mag, muss dieses Modell noch lange nicht für alle Menschen funktionieren. Können wir diese Idee als gesamtgesellschaftliches Modell verantworten? Wird hierbei nicht die Verantwortung einseitig an die Eltern abgegeben, der vielleicht nicht alle in derselben Weise gewachsen sind wie die beiden Pädagog*innen Arno und Michele Stern?

Ja, Bildung ist Selbstbildung. Aber wir bilden uns, wenn wir angeregt werden und begeistert werden – von und mit anderen Menschen – und das kann auch in Schule geschehen.

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