Kritik des Protests gegen Peter Singer anlässlich der phil.Cologne 2015

Veröffentlicht: Mai 28, 2015 von C.R. in Gedankenrauschen
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Ich nehme hiermit Stellung zu Shadi Heinrichs Stellungnahme zur phil.cologne-Veranstaltung „Retten Veganer die Welt?“ mit Peter Singer am 31.05.2015 in den Balloni Hallen mit der er einen angeblich berechtigten und notwendigen Protest gegen Peter Singer rechtfertigt, der am 31. Mail 2015 in Köln zum Thema „Retten Veganer die Welt?“ sprechen sollte (mittlerweile ist Singer von den Verantwortlichen der phil.cologne ausgeladen worden). Auf Basis dieser Stellungnahme wurde zum Protest gegen Singer unter anderem vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben (siehe ZsL_Flyer) und vom Kölner Kreisverband der Grünen aufgerufen.  Der Protest richtet sich nicht gegen Singers Vortragsthema, sondern gegen seine Person und gegen die von ihm vertretenen Thesen zur Sterbehilfe. Man fürchtete, dass Singer diese auch dann in Köln vertreten könnte, selbst wenn das Thema des Vortrags eigentlich ein ganz anderes war. Es geht hier nun nicht darum Singers Thesen zum Infantizid zu rechtfertigen oder zu widerlegen, sondern darum eine demokratische Willensbildung zu einem gesellschaftlich relevanten Thema zu unterstützen.

Deswegen ist es wichtig bezüglich der Stellungnahme Shadi Heinrichs folgende drei Thesen nachzuweisen:

1. Peter Singer wird durch die Stellungnahme von Shadi Heinrich eine Position untergeschoben, die er nicht vertritt.

2. Der Vergleich von Peter Singers Theorie mit der Nazi-Ideologie ist unhaltbar.

3. Selbst wenn Singer die ihm unterstellte Position vertreten würde, behindert die Form eines Protestes, der seine Redefreiheit beschneidet, einen dringend nötigen öffentlichen Diskurs.

1. Singer wird mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten eine Position untergeschoben, die er nicht vertritt.

In der Stellungnahme Shadi Heinrichs wird ein Zitat aus Singers Praktische Ethik vorgelegt, in dem eine utilitaristische Überlegung angestellt wird, ob man einen Säugling töten darf:

[S]ofern der Tod eines behinderten Säuglings zur Geburt eines anderen Säuglings mit besseren Aussichten auf ein glücklicheres Leben führt, die Gesammtsumme des Glücks größer ist, wenn der behinderte Säugling getötet wird. (Singer 2013, S. 293)

Das zitierte Argument belegt aber nicht, wie man aufgrund des fehlenden Zusammenhangs hier vermuten könnte, dass man den Säugling auch töten sollte. Das Argument ist Teil eines Argumentationsgangs der Gründe für und gegen die moralischen Legitimität eines Infantizids abwägt und per Analogie nachzuweisen versucht, dass die selben, gesellschaftlich faktisch akzeptierten Gründe, die für eine Abtreibung sprechen, moralisch auch für die Tötung von Neugeborenen sprechen. Am Ende des Argumentationsgangs kommt Singer zu dem Schluss:

Jedenfalls folgt aus dem hier vertretenen Standpunkt nicht, dass es besser wäre, wenn keine Menschen mit schweren Behinderungen überlebten. Es folgt lediglich, dass die Eltern solcher Kinder eine entsprechende Entscheidung treffen können sollten. Es folgt daraus auch nicht ein Mangel an Respekt vor oder gleicher Berücksichtigung von Menschen mit Behinderungen, die jetzt ihr eigenes Leben entsprechend ihren eigenen Wünschen leben. Wie wir […] sahen, weist das Prinzip der gleichen Interessenabwägung jeglicher geringeren Berücksichtigung von Interessen aus Gründen des Behindertseins zurück. (Singer 2013, S. 296)

Es ist demnach falsch zu behaupten, dass „Eltern frei Entscheiden können, ob sie ihr Kind töten“ (Heinrich 2015). Singer benennt mit dem Prinzip der Berücksichtigung der Interessen ein Kriterium, was gegen eine freie Entscheidung der Eltern steht, nämlich dann wenn das Kind ein Selbstbewusstsein hat oder eine Gesellschaft beschlossen hat Kinder am Leben zu halten. Singer sagt auch nicht, dass man ein Kind töten darf, das jünger als 28 Tage ist, sondern weist darauf hin, dass man auch hier wieder verschiedene Umstände berücksichtigt muss und sobald es ein Interesse gibt, dass das Kind leben sollte, dann darf es nicht getötet werden (Spiegel 2001).

2. Der Vergleich von Peter Singers Theorie mit der Nazi-Ideologie ist unhaltbar.

In der Stellungnahme von Heinrich werden Parallelen zwischen Singers ethischen Überlegungen und der Nazi-Ideologie gezogen. Diese Vergleich ist unhaltbar, weil er die wesentliche Unterschiede zwischen der Argumentation Singers und der Ideologie der Nazis unterschlägt: Singers zeigt sich stets diskussionsbereit und ist bemüht seine Position argumentativ zu belegen. Auch beurteilt Singer jeden Einzelfall individuell, während die Nazis aus einer allgemeinen Rassenideologie geschlussfolgert haben, welches Leben lebenswert ist. Singers einzige allgemeine Annahme ist das Prinzip der gleichen Interessenberücksichtigung. Dieses Prinzip widerspricht offensichtlich der Legitimation einer Euthanasie, wie sie die Nazis durchgeführt haben. Sobald es ein Interesse am Überleben des Kindes gibt, sei es durch das Kind selbst, durch die Eltern oder den Staat, ist eine Tötung des Kindes aus Singers Sicht nicht mehr gerechtfertigt. Ob dies ein gutes Kriterium ist kann natürlich bestritten werden, aber dafür müsste man sich auf Singers Argumentation einlassen, dies analysieren und begründet kritisieren.

3. Die Proteste behindern einen dringend nötigen öffentlichen Diskurs.

Die These von Peter Singer, dass nicht allen Menschen per se ein vollständig unveräußerliches Recht auf Leben zugesprochen wird, ist problematisch und sie widerspricht unserer Überzeugung, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Die verkürzte und teilweise falsche Darstellung von Singers Position im Schreiben Heinrichs verhindert aber, eine ernsthafte und kritisch Auseinandersetzung mit seinen Argumenten. Eine solche Auseinandersetzung ist aber offenbar ohnehin nicht gewollt. Schließlich lehnen die Unterzeichner ja scheinbar grundsätzlich einen Auftritt Singers ab: „Wir kritisieren, dass die phil.cologne Herrn Singer ein Forum bietet, auf dem er möglicherweise erneut seine behinderten- und menschenfeindlichen Thesen vertritt.“ Solche Proteste gegen Singers Argumente zur Euthanasie hat es seit den späten 1980er Jahren besonders in Deutschland, Österreich und der Schweiz immer wieder gegeben, wodurch sowohl öffentliche Diskussionen als auch universitäre Seminar verhindert worden sind. Solche Proteste sind gerade unter dem Eindruck der Euthanasieverbrechen der Nazis verständlich, da man unter allen Umständen einen Rückfall in unmenschliche Zustände vermeiden muss. Proteste sind auch verständlich, weil sich einige Menschen persönlich durch Singer angegriffen fühlen. Insofern die Proteste Singers Auftritte komplett verhindern sollen, erschweren sie eine öffentliche Debatte zur Willensbildung. Das ist auch deshalb gefährlich, weil die Aktionen so dazu beitragen können, dass andere gesellschaftliche Kräfte die Deutungshoheit übernehmen und dann nicht nach ethischen, sondern nach egoistischen oder ökonomischen Kriterien entscheiden, wann ein Leben lebenswert ist. Ein möglichst breiter gesellschaftlicher Diskurs ist gerade jetzt besonders wichtig, weil uns die Fortschritte der Gentechnik in den kommenden Jahren vor große ethische und politische Herausforderungen stellen werden. Künftig können Eltern voraussichtlich durch einfache Untersuchungen des Bluts der Mutter während der Schwangerschaft auf immer umfangreichere Informationen über den Nachwuchs zugreifen – die technischen Möglichkeiten zur Selektion werden daher noch größer werden. Unsere Gesellschaft wird darüber entscheiden müssen, wo hier Grenzen gezogen werden sollen. Das wird nur funktionieren, wenn wir vorher unsere eigenen Standpunkt klären in einer offenen Auseinandersetzung auf der Basis von Argumenten. Eine Möglichkeit dazu ist wäre gewesen, mit Peter Singer am 31. Mai 2015 in Köln rational zu diskutieren, leider ist diese durch die Verantwortlichen der phil.Cologne genommen worden. Singer selbst jedoch ruft im Vorwort in Praktische Ethik zur kritischen Diskussion auf:

Aus dem Nicht-Einverständnis zu lernen weist uns den Weg zu einer besser abgesicherten Position und ist einer der Gründe dafür, warum die Ansichten, die ich vertrete, selbst für den Fall, dass ich mich irre, diskutiert werden sollten. (Singer 2013, S. 13)

Eine solche Auseinandersetzung mit Singer wäre fruchtbarer gewesen als eine unreflektierte, prinzipielle Ablehnung.

Quellen:

Singer, Peter (2013): Praktische Ethik. 3. Auflage

Heinrich, Shadi (2015): Stellungnahme Abgerufen: 26. Mai 2015 (PDF)

Spiegel (2001): Gespräch mit Peter Singer: „Nicht alles Leben ist heilig“ Abgerufen: 26. Mai 2015


Für wertvolle Impulse zu und kritische Überarbeitung dieser Stellungnahme danke ich D.S.

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