Change ohne Kritik?

Veröffentlicht: Mai 23, 2016 von C.R. in Gedankenrauschen, Veranstaltungshinweis
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Das ZfL lud heute (20. Mai 2016) zur einer Podiumsdiskussion zum Thema „Vom Gelingen und vom Scheitern: Veränderungen in großen Systemen aktiv gestalten“ ein, es ging also um Changemanagement. Leider fehlte der Veranstaltung eine globale, kritische Perspektive auf Changemanagement per se. Einige kritische Punkte, die in der Podiumsdiskussion vorkamen, werden im Folgenden reflektiert.

Die folgenden Ausführungen stammen von Vortragsnotizen und werden nicht einzelnen Personen zugeschrieben, sondern schildern einen, durchaus subjektiven, Gesamteindruck. 

Zur Diskussion waren geladen: Professor Ansgar Büschges (Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln), Martin Mahler (Director Information Management and Business Transformation, Adecco Holding Germany), Andreas Nießen (Schulleiter des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Pulheim) und Ulrich Wehrhöfer (Abteilungsleiter im Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW) gaben interessante Einblicke hinsichtlich der Veränderungsprozesse in ihren berufsspezifischen Bereichen, zeigten auf welche Widerstände man dabei stößt und welche Bedingungen nötig sind, damit Veränderungen in einem System gelingen können, also sogenanntes Changemanagement erfolgreich sein kann. Leider kamen dabei auch nicht die Klischees über träge Beamte zu kurz, die auch dann nichts am Schulsystem ändern würden, wenn es keine ministerialen Vorgaben gäbe. Neben dieser – Jürgen Oelkers zugeschriebenen Behauptung – welche offensichtlich viel zu allgemein ist und welche dem gängigen Beamtenbashing zugeschrieben werden kann — mir selbst fallen gleich mehrere Lehrerkollegien ein, die dieser pauschalen Aussage Lügenstrafen würden — irritieren auf erkenntnisreiche Weise zwei weitere pauschale Situationen, die einer kurzen Ausführung wert sind:

1. Zweimal wurde recht kontextlos darauf hingewiesen, dass erfolgreiche Change-Prozesse einer guten, d.h. für Menschen sinnstiftenden Idee bedürfen. Es irritiert, dass dieser Einwurf an verschiedenen Stellen überhaupt geführt wurde. Warum sollte man Veränderungsprozesse überhaupt initiieren, wenn nicht für eine gute Idee? Veränderung ist schließlich kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Steht der Zweck eines Changeprozesses  also im Changemanagement nicht zur Disposition?

2. Möglicherweise stellte der Moderator folgende Frage lediglich, um die Zuhörer mit einzubeziehen. Während kritische Nachfragen (zunächst) nicht persönlich sondern per WhatsApp an ein Moderatoren-Team gestellt wurden, fragte der Moderator nun direkt — und forderte damit ein öffentliches Bekenntnis ein — ob man eher Changer oder Konservativer sei. Die Entscheidung zwischen diesen beiden Polen hat etwas Infantilisierendes, denn offensichtlich ist eine differenzierte Antwort nötig, diese wurde dem Publikum aber nicht zugetraut. Es kommt schließlich auf die Sache an, ob sie es wert ist bewahrt zu werden oder ob man sie verändern sollte.

Allerdings kristallisierte sich an den zwei Punkten mein Eindruck, dass Change normativ als etwas Gutes dargestellt wurde, dieser Eindruck verhärtete sich, dadurch, dass man als Störer oder Bedenkender bezeichnet wurde, wenn man gegen den Change ist. Solche Bedenker sollten sodann, etwa durch Beziehungsarbeit, eingebunden werden. Das die Bedenken gerechtfertigt sein könnten und es eine Möglichkeit wäre den Changeprozess in Frage zu stellen und ergebnisoffen zu diskutieren, wurde leider nicht erwogen.

Eine kritische Perspektive, wann Change sinnvoll ist und wann nicht, fehlte nicht nur, es wurde im Gegenteil teilweise sogar mit einer Es-gibt-keine-Alternative-Rhetorik: „Man muss sich verändern, sonst wird man verändert.“ gleichsam eine Drohkulisse aufgebaut: Es wurden Zwangsbedingungen formuliert – allen voran der internationale Wettbewerb der Globalisierung, die eine adäquate Haltung und Kompetenz zum Changemanagement von Schülerinnen und Schülern abverlangten. Folglich fehlte auch die Perspektive, dass Schule auch die Funktion haben könnte nicht nur auf gesellschaftliche Bedingungen vorzubereiten, sondern diese auch kritisch zu hinterfragen. Entsprechendes gilt für Lehrerinnen und Lehrer, die durch Changeprozesse auf immer neue Anforderungen wie dem Umgang mit Heterogenität oder der Öffnung von Unterricht reagieren sollen. Aber auch hier können die Zwangsbedingungen, welche die Ergebnisses dieser Prozesse normieren nicht zur Disposition gestellt werden, also die ministerialen Vorgaben, wie das Zentralbitur oder Inklusion mit vorgegebenen Ressourcen bewältigen zu müssen. Auch wenn der Wert von autonom handelnden Individuen für Changeprozesse betont wurde, ist ihr Handeln durch diese Zwangsbedingungen fremdbestimmt.

Gerade eine Idee von Schule – welche die Bedürfnisse seiner Schülerinnen und Schüler ernstnimmt, sollte diese nicht für einen Change instrumentalisieren. Wenn Schülerinnen und Schüler das konservative Bedürfnis nach stabilen Beziehungen haben, sollte man dieses Bedürfnis nich für mögliche zukünftige Changeprozesse funktionalisieren, sondern es ernst nehmen, da es einen eigenen Wert darstellt. Jede Lebensform, die nicht in Changeprozessen aufgeht würde sonst diskreditiert (Einige Teilnehmer der Diskussion vertraten tatsächlich reduzierte Menschenbilder: Menschen seien per se träge, Menschen wären nur zur Veränderung bereit, wenn es ein entsprechendes Problem gäbe.).

Aber warum sollte es überhaupt stimmen, dass man Opfer der Veränderung wird, wenn man sich nicht selbst aktiv an der Veränderung beteiligt? Vielleicht ist eine Opposition gegen, eine Bedenken, ein Stören eines Changeprozesses nur eine andere Form von Change. Ein Change der die Bedingungen eines anderen Changeprozesses kritisch hinterfragt. Der Change des Changes heißt Widerstand.

 

Kommentare
  1. Anonymous sagt:

    Sehr treffend. Es gibt mehr als die Wahl zwischen Change und Konservatismus. Nicht alles Neue ist gut, nicht alles Alte zu bewahren. Wie oft verkleidet sich das schlechte Alte nur im Gewand des Neuen. Wie häufig treffen wir gerade einen alten vermeintlich überkommenen Totalitarismus an, der als das neue Befreiende auftritt aber alte Freiheitsspielräume nimmt. Veränderung kann gut sein wenn sie den Menschen dient, aber wenn Change Freiheitsspielräume einschränkt bedarf es einer Emanzipation vom Change-Imperativ. Anpassung an vermeintliche Sachzwänge ist nicht Freiheit sondern ihr Gegenteil. Und wird auch nicht zu Freiheit wenn man es so nennt.

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