Tagungen zwischen Glück und Ökonomisierung, Bildung und Kompetenz – Ein subjektiver Erfahrungsbericht.

Veröffentlicht: November 28, 2016 von C.R. in Ökonomisierung der Bildung, Didaktik
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Nun war ich innerhalb von einer Woche auf zwei philosophiediaktischen Tagungen und bin von beiden begeistert. Es hat gut getan mit vielen kritischen Kollegen streitbar aber stets sachlich zu diskutieren. Hinzukommt, dass meine beiden pädagogisch-didaktischen Schwerpunktsthemen: Die Ökonomisierung der Bildung und das Problem der Kompetenzorientierung im Philosohieunterricht auf den Tisch gekommen sind.

Den Anfang macht die Jahrestagung des Fachverbandes Philosophie NRW “Das gute Leben – ein lehrerbarer Unterrichtsgegenstand“. Die Jahrestagungen des Fachverbandes zeichnen sich immer dadurch aus, dass sie zu ein für den Philosophieunterricht relevantes Thema einerseits zu wissenschaftliche Vorträge mit aktuellen Forschungen einladen und anderseits praxisorientierte Workshops anbieten. So diskutierte Prof. Dr. Christoph Horn die Frage ob “Lebenskunst als Thema der antiken Philosophie – zeitlos aktuell?” sei. Dabei präsentierte er einen ideengeschichtlichen Überblick zu verschiedenen Formen der antiken Lebenskunst, welche wie die humanistische Bildungsidee auf die Transformation des Menschen zielen, um sie anschließend einer kritische Prüfung zu unterziehen. Bemerkenswert am antiken Glücksbegriff ist vor allem, dass sich Glück nach objektiven Kriterien bestimmbar ist – was erst einmal kontraintuitiv ist, scheint Glück in der heutigen Lebenswelt doch etwas zutiefst subjektives und individuelles zu sein, was allerdings eine ironische Wendung erfährt, bedenkt man den guten Absatz von Glücksratgeberliteratur. Hier möchte man dann doch der antiken Einsicht beipflichten, dass man das Glück sicher verfehlt, wenn man es direkt anstrebt.

Dr. Heidemarie Bennent-Vahle legte eine Glückstheorie dar in deren Zentrum die Tugend der Besonnenheit steht. Sie plädierte damit für einen emotionalen Zugang und eine entsprechende Haltung gegenüber Schülerinnen und Schülern anstatt einer intellektualisierten Theorie. Da Bennet-Vahle selbst pädagogische Praxen betreibt, spürte man zwar die Praktikerin in ihren Ausführungen, leider ging sie nicht näher auf ihre eigene Praxis ein.

Die Tagung beschloss schließlich Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Birnbacher mit einer Diskussion von “Enhancement und das gut Leben – “corriger la forune?” Nach einer Explikation des Glücks- und Enhancementbegriffs vertrat er kritisch die These, das Enhancement nicht a priori unvernünftig sei, allerdings sei kritisch zu untersuchen, dass es eine Tendenz des overconfidence in die Wirksamkeit gäbe, was zu einer Ressourcenverschwendung führen würde. Ferner bestehe das Risiko der Vernachlässigung lebenswichtiger psychischer Fähigkeiten, wenn z.B. existentiell prägende Erfahrungen wie Trauer nicht selbst, sondern nur mit Medikamenten bewältigt würden. Dadurch behindert neuroenhancement etwa die Entwicklung von Recilience. Schließlich gäbe es die Complicity des Enhancements mit der sich verschärfenden gesellschaftliche Wettbewerbsorientierung.

Die angebotenen Workshops zielten zwar auf die Unterrichtspraxis, beschränkten sich aber nicht auf die einfach Weitergabe von Rezepten. So wurde in “Schulfach Glück – philosophisch relevantes Unterrichtsprojekt oder sozialpsychologische Manipulation?” Lebhaft sowohl über die Grenzen des Philosophieunterrichts zur Therapie, als auch über die Gefahr einer Indienstnahme des Philosophieunterrichts für die Leistungsgesellschaft diskutiert.  Im Workshop “What money can’t buy … Michael Sandel auf der Spur des gelingenden den Lebens” diskutierten wir Ideen zur Entwicklung eines Unterrichtsprojekts der Praktischen Philosophie zum Thema Wirtschaft, in dessen Mittelpunkt die alle Lebensbereiche durchdringende Ökonomisierung kritische beleuchtet werden sollte. Die Arbeitskreise zu “Das Antike Glücksverständnis bei Aristoteles und Epikur”, “Annäherung an daoistische Philosophie – Zhungazi weiterdenken” und “Enhancement als Abkürzung zum Glück?” Konnten ich selbst leider nicht besuchen.

Durch ihre Verknüpfung von Theorie und Praxis hatte die Fachverbandstagung einerseits hinsichtlich Unterrichts relevanter Themen Fortbildungscharakter, bot aber auch die Chance zur kritischen, distanziert Reflexion, wozu im hektischen Unterrichtsalltag leider viel zu oft die Muße fehlt.

wissen-vs-kompetenzEine Woche und ein Tag später  freute ich mich darauf zur 9. Münsterschen philosophiedidaktischen Tagung : Kompetenzorientierung und (Un-)Mündigkeit zu einem Streitgespräch eingeladen worden zu sein (in Vertretung für Prof. Dr. René Torkler). Während StD Dr. Roland W. Henke in einen Impulsvortrag durchaus kritisch die Anforderungen des Kernlehrplans Philosophie entfaltet und klar herausstellte, dass sie im Widerspruch zu humanistischen Bildungsdenken standen, allerdings zog er daraus aber keine konkreten Konsequenzen für die Lehrplanentwicklung. Ich selbst versuchte in meinem Impulsvortrag die durchaus polemisch zugespitzte These stark zu machen, dass Kompetenzorientierung Philosophieren verhindere – basierend auf Argumenten und Thesen meiner Dissertation.

Während im anschließenden Streitgespräch Dr. Bernd Rolf und StD Dr. Roland W. Henke die Kompetenzorientierung im Philosophieunterricht verteidigten, argumentierten Prof. Dr. Klaus Blesenkemper und ich dafür, dass Kompetenzorientierung Philosophieren verhindere. Blesenkemper brachte dazu anschauliche Beispiele von Unterrichtsmaterialien, die versuchten Philosophieren in messbare Skalen abzubilden, wodurch ein absurdes Zerrbild einer Praxis entstand, welche eigentlich im Dienste der Mündigkeit stehen sollte.

Das Streitgespräch brachte meiner Ansicht nach verschiedene Punkte gut zur Geltung: Zwar kann man einerseits behaupten, dass es letztendlich an der Lehrkraft läge, die Kompetenzformulierungen des Kernlehrplans so umzuformulieren, dass Bildung und Mündigkeit und somit authentisches Philosophieren immer noch möglich seien, dies setzt aber eine genaue Kenntnis des Spannugsverhältnisses von philosophischer Bildung und der Kompetenzorientierung voraus. Dass es sich hierbei nicht um ein bloßes Übersetzungsproblem zwischen philosophischer Bildung und Kompetenzorientierung handelte, machte auch der anschließenden Workshop von StD Dr. Klaus Draken zur Umsetzung der Kompetenzorientierung an neueren Schulbüchern deutlich: In der Untersuchung verschiedener nach der Kompetenzorientierung entwickelten Schulbüchern wurde eine bedenklichen Verflachung eines inhaltlichen Verständnisses durch Kompetenzorientierung deutlich.

Mein persönliches Resümee dieser Woche ist die Erkenntnis, dass sowohl die Ökonomisierung der Bildung, als auch die Kompetenzorientierung nach wie vor relevante Themen für eine kritische philosophische Unterrichtspraxis sind — um so mehr freut es mich, dass der philosohiedidaktische Diskurs diesbezüglich lebendig ist und sich nicht damit zufrieden gibt, dass doch schon längst alles politisch entschieden sei.

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