Rezension zu Christoph Türcke: Lehrerdämmerung

Veröffentlicht: April 12, 2017 von C.R. in Ökonomisierung der Bildung
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Viele Schulen machen sich zur Zeit auf den Weg zu einer sogenannte neuen Lernkultur, welche den Paradigmen Kompetenzorientierung und Inklusion genügt, sich durch selbstständiges Lernen, offenen Unterricht und individueller Förderung auszeichnet und eine angepasste Lehrerolle, als Coach oder Moderator fordert. Diese Paradigmen erscheinen zunächst human, weil sie Unterricht scheinbar vom Kind her denken, von seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Deswegen erfahren sie u.a. bei reformpädagogisch orientierten Lehrern große Sympathien. Aufgrund seines vermeintlich humanen Impetus, scheint die neue Lernkultur immun gegenüber Kritik zu sein, denn wie sollte man human und rational gegen die prinzipielle Gleichheit von Menschen, ihres Rechts auf Bildung, individuelle Förderungen oder die Abschaffung des Frontalunterrichts argumentieren?

Konzepte die immun gegen Kritik zu sein scheinen, machen sich aber prinzipiell der Ideologie verdächtig. Deswegen ist zu Begrüßen, dass Christoph Türcke mit Lehrerdämmerung (2016) eine Kritisierbarkeit dieser Paradigmen wiederherstellt, indem er zunächst die Begriffe „Inklusion“ und „Kompetenzorientierung“ expliziert, um weitere Bedeutungsfacetten offenzulegen, die im aktuellen Diskurs nicht berücksichtigt werden. Ferner ordnet er die Paradigmen der neuen Lernkultur in den Kontext der neoliberalen Ökonomisierung der Bildung ein, wodurch ihm an einigen Punkten eine kritische Perspektive gelingt, welche deutlich werden lässt, dass Reduktionen, wie die Rolle des Lehrers auf die eines Lernbegleiters oder Unterricht auf Selbststeuerung innerhalb flexibler Lernumgebungen, pädagogisch problematisch sind, an anderen Stellen überzeugt er wegen seines sehr polemischen Duktus allerdings nicht.

So entfaltet Türcke etwa zunächst zur Klärung der Bedeutung von „Kompetenzorientierung“ die Etymologie des Kompetenzbegriffs und rekapituliert die Kompetenz-Performanz Unterscheidung nach Chomsky. Beim Kompetenzbegriff handelt es sich jedoch um einen technischen Begriff, so dass es nicht plausibel ist, warum eine etymologische Rekonstruktion des Begriffs relevant für seine aktuelle Verwendungsweise sein sollte. Ferner ist zwar Chomsky einer der prominentesten Wissenschaftler, die einen Kompetenzbegriff geprägt haben, allerdings stützen sich die theoretischen Grundlagenarbeiten zur schulische Kompetenzorientierung innerhalb der Bildungsreform gerade nicht auf Chomsky, sondern auf Weinert (2001, S. 47f), welcher den Kompetenzbegriff für die Bildungsreform im Sinne der OECD zu schärfen versuchte und dabei explizit die Kompetenzbestimmung nach Chomsky ablehnte. Überzeugend hingegen ist Türckes Untersuchung des Zusammenhanges zwischen Kompetenzorientierung und Behaviourismus und eine damit einhergehende Steuerung der Schüler. Die Entfaltung von Fähigkeiten genügt dementsprechend nicht einem humanistischen Menschenbild, sondern ist Mittel zum Zweck, zur Umsetzung eines neoliberales Menschenbildes: der Mensch als Unternehmer seiner selbst, der Risiko bereit, seine durch ein lebenslang zur erstellendes Portfolio nachgewiesene Kompetenzen, auf einem deregulierten Markt einsetzt. Dadurch, dass die Kompetenzorientierung neoliberal verstanden wird, erklärt sich auch die in ihrer Folge stattfinden Abiturinflation — möglichst alle Schüler sollen das Abitur erreichen, da entsprechende Quoten wichtig für den internationalen Bildungswettbewerb seien. Ferner könne auf fundiertes Fachwissen oder Tugenden im Bildungsgang verzichtet werden, weil nicht absehbar sei, wie und ob diese für einen zukünftigen Arbeitsmarkt relevant werden. Relevant aber sollen Kompetenzen sein, die es erlauben auf noch unbekannt Situationen flexibel zu reagieren. Während die Abwertung von Wissen innerhalb der Schule und die Differenz zwischen Kompetenz und Tugend von Türcke plausibel herausgearbeitet wird, berücksichtigt er allerdings nicht, dass auch Kompetenzvertreter wie Klieme (2009, S. 75) betonen, dass Kompetenz ohne fachliches Wissen nicht zu haben ist.

Ebenso wie der Kompetenzbegriff ist auch der Inklusionsbegriff im aktuellen Bildungsdiskurs positiv konnotiert. Türcke weist hingegen daraufhin, dass die etymologische Herkunft inclusio Einschließung bedeutet und erörtert nachvollziehbar, dass eine Inklusion aller Schüler die Aufgabe eines nötigen Schonraumes bedeuten kann. Was für die einen Schüler wegen spezifischer Reize eine bunte, offene und anregende Lernlandschaft ist, kann etwa für einen Schüler mit autistischen Zügen auf Grund der selben Reize eine völlige Überforderung darstellen.

Entsprechend wirft Türcke die interessante These auf, dass inklusiver Unterricht zwar inklusiv hinsichtlich Zeit, Raum und Lehrperson sein kann, dann aber gerade auf Grund seiner Einbettung in ein Schulsystem, dass durch Leistungsselektion Zukunftschancen vergibt, die individuelle Ausgrenzung um so stärker erfahrbar macht. Mit anschaulichen Praxisbeispielen zeigt Türcke, dass bei der Umsetzung der Inklusion gerade nicht vom Kinde her gedacht wird: So ist es aus pädagogischer Perspektive nicht sinnvoll, dass Sonderpädagogen nur als Coaches in Regelschulen eingesetzt werden, anstatt im Team mit einem Fachlehrer zu unterrichten, um genügend Zeit für den Beziehungsaufbau zu den Schülern zu haben. Auch die Einrichtung von Inklusionsräumen widerspricht dem Inklusionsgedanken, denn so findet gemeinsamer Unterricht nur noch unter einem gemeinsamen Schuldach statt, nicht aber in heterogenen Lerngruppen. Diese, dem pädagogischen Anspruch der Inklusion entgegenlaufende Tendenzen werden nach Türcke wiederum unter der Perspektive der Inklusion als neoliberales Sparmodell plausibel, welches nicht dem Kind gerecht werden will, sondern möglichst viel Humankapital dem Arbeitsmarkt zuführen soll, bei gleichzeitiger Reduzierung staatliche Verantwortung.

Dem Lehrer kommt unter diesen Paradigmen die Rolle eines Coaches oder Managers zu, der dezidiert Kompetenzen diagnostiziert und dort fördert wo sie nötig sind, aber ansonsten die Schüler mit Hilfe von Arbeitsblättern oder digitalen Medien vermeintlich selbstständig und flexibel, hinsichtlich Zeit und Ort, arbeiten lässt. Diese Lehrerrolle wird gerade durch eine polemische Abgrenzung zum Frontalunterricht gerechtfertigt. Türcke weist hingegen darauf hin, dass die Alternative zum Frontalunterricht nicht zwingend ein vermeintlich offener Unterricht sei, sondern auch ein Plenumsunterricht möglich ist. Türcke kritisiert am offenen Unterricht, dass dieser in der Praxis ein Arbeitsblattunterricht sei, der die Instruktion des Frontalunterrichtes mittels Arbeitsaufträge reproduziere. Ein solcher Arbeitsblattunterricht ist tatsächlich nicht offen. Allerdings gibt es andere Formen von offenem Unterricht, auf denen Türckes Vorwurf nicht zuzutreffen scheint, etwa Formen des Projektunterrichts, in dem Schüler tatsächlich selbständig eine eigene Idee entwickeln, diese umsetzen und dabei nicht von instruktiven Arbeitsaufträgen gesteuert werden. Aber auch hier ist entscheidend, wie die Rolle des Lehrers interpretiert wird. Türcke entwickelt diesbezüglich eine plausible anthropologische Argumentation unter Berücksichtigung des psychoanalytischen Konzepts der Gegenübertragung, welche den Lehrer als jemanden charakterisiert, der neue Sachverhalte aufzeigt. Für diesen charakteristischen Gestus des Zeigens, der Herstellung einer Beziehung zwischen Schüler, Lehrer und Sache, ist nach Türcke eine gemeinsame Jetztzeit im Plenum nötig. Diese Jetztzeit ist, was nach Türcke in offenen, selbstständigen, Kompetenzorientierung und Inklusion genügenden Lernarrangements fehlt.

Ob Türckes Charakterisierungen der Lehrerrolle und Konzeption des Plenumsunterrichts notwendig kontradiktorisch zur neuen Lernkultur steht, bleibt allerdings fraglich. Einerseits gibt es zwar im Zuge der Kompetenzorientierung und Inklusion Tendenzen die Lehrerolle auf die eines Coachs oder Managers zu reduzieren und den Plenumsunterricht zu marginalisieren. Anderseits lassen sich Plenumsunterricht und offene Unterrichtsphasen auch sinnvoll verbinden und es ist auch nicht klar, warum man etwa aus Sicht der Kompetenzorientierung Plenumsunterricht ablehnen sollte. Vielmehr könnte man argumentieren, dass gerade im Plenumsunterricht effektiv das Wissen aufgebaut werde, welches zur Kompetenzentwicklung in anschließenden offenen Phasen nötig sei. Hier zeigt sich eine argumentative Schwäche, welche Türckes Stil geschuldet ist. Liest man Lehrerdämmerung als eine Streitschrift, so ist sie zwar pointiert, weist auf Blindstellen im aktuellen Diskurs hin und regt zum Nachdenken über Alternativen an, aber sie ist so auch Wasser auf die Mühlen derer, die sowieso schon Türckes Meinung sind und verschärft gleichzeitig die Opposition zu denen, die Inklusion und Kompetenzorientierung vertreten. Und unter Letzteren sind dann aber auch jene, die zwar eine Ökonomisierung der Bildung ablehnen, sich aber so vielleicht nicht auf Türckes Kritik einlassen, weil er zu oft gegen Gegenpositionen polemisiert, anstatt sie sachlich zu diskutieren. So präsentiert Türcke eigene Argumente oft ohne dialektische Gegenposition, welche sie alternativlos erscheinen lässt. Überzeugender wäre es gewesen, hätte Türcke Gegenpositionen wohlwollender und mit stärkeren Argumenten entfaltet, um sie dann zu entkräften. Aufgrund des polemischen Stils fehlt dies leider. Streitschriften können sinnvoll für die Belebung eines Diskurses sein, es gibt derer aber im Bildungsdiskurs schon zu genüge, wie etwa Liessmanns Theorie der Unbildung (2006) oder Liessmanns Geisterstunde: Praxis der Unbildung (2014). Mehr Sachlichkeit hingegen täte dem Bildungsdiskurs gut. Trotz dieser Kritikpunkte gelingt es Türcke konstruktive Ansätze für eine Kritik der neuen Lernkultur und den Widerstand gegen die Reduktion der Lehrerolle zu entwickeln.

Carsten Roeger, Rezension zu: Christoph Türcke Lehrerdämmerung. Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet, C. H. Beck 2016, 159 Seiten, ISBN: 978–3406688829, 14,95 €

Literatur

Klieme, Eckhard (2009). Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards: eine Expertise. Bonn, Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Liessmann, Konrad P. (2006). Die Theorie der Unbildung. Wien: Zsolnay.

Liessmann, Konrad P. (2014). Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift. Wien: Zsolnay.

Türcke, Christoph (2016). Lehrerdämmerung: Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet. C.H. Beck.

Weinert, Franz E. (2001). Concept of Competence: A Conceptual Clarification. In D. S. Rychen & L. H. Salganik (Hrsg.), Definition and Selection of Competencies: Theoretical and Conceptual Foundation (DeSeCo) (S. 44-65). Seattle: Hogrefe & Huber Publishers.

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Kommentare
  1. Herr Rau sagt:

    Vielen Dank für die Rezension; ich habe sie schon vor eingier Zeit als Lesezeichen gesetzt, bin aber erst jetzt zum Lesen gekommen. Ich fühle mich jetzt allerdings so gut und sachlich informiert, dass ich den Türcke nicht lesen werde, auch wenn mich die Besprechung neugierig gemacht hat. Tendenziell bin ich eher auf seiner Seite.

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