Archiv für die Kategorie ‘Dislike! – Kritik sozialer Netzwerke’

Facebook untersucht mit einem Algorithmus private Chats zur Verbrechensbekämpfung (heise online,  SPON). So können Straftaten, die sich in Chats anbahnen verhindert werden, indem man die potentiellen Täter festnimmt, bevor sie die Tat begehen.
Dies erinnert mich ein wenig an Precrime aus Minority Report: Jeden überwachen und bestrafen bevor er  die Tat begeht. Nach Ferdinand von Schirach ist schließlich  jeder Mensch ein potentieller Mörder. Sicherheit durch permanente Überwachung? Schade eigentlich, denn „Leben bedeutet in Gefahr zu sein“  (Friedrich Nietzsche), denn „Transparent ist nur das Tote“ (Byung-Chul Han).
Eine Alternative ist der kritischen Urteilsbildung von Kinder zu vertrauen. Dies setzt eine Erziehung voraus, die über die Gefahren sozialer Netzwerke aufklärt, so dass sie sich nicht mit Jedem „befreunden“ und wie auch im nicht-virtuellen Leben Menschen erst wirklich kennen lernen, bevor sie sich mit ihnen privat unterhalten. Oder ist das nun auch schon kulturkonservativ, wenn man Freundschaft und Privatsphäre denjenigen vorbehält, die man gut kennt, sympathisch findet, mit denen man eine gute gemeinsame Zeit teilt und denen man vertraut? Bevor ich abschweife: Aufklärungsmaterial bietet jedenfalls klicksafe.
Oder sollte man jeden Chat zwischen Usern 30+ und 18- überwachen? Werden dann Lehrer die mit Schülern chatten kriminalisiert? Und was könnte man noch überwachen? Nach welchem Moralkodex eigentlich? Nach der Collagemoral Facebooks? Und wer überwacht eigentlich die Überwacher? … ich weiß es doch auch nicht.
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Wie Marc Zuckerberg hält auch Julia Schramm (Piratenpartei) Privatsphäre im Internet für überholt und leitet daraus gesellschaftliche Konsequenzen für ein Konzept ab, welches sich seit einiger Zeit unter dem Begriff „Post-Privacy“  als Alternative zur Forderung nach mehr Datenschutz etabliert hat. Im Folgenden rekonstruiere ich kritisch dieses Konzept aus dem Streitgespräch „Datenschutz greift nicht mehr“ zwischen der Sprecherin des Chaos Computer Clubs Constanze Kurz und der Mitbegründerin der „datenschutzkritischen Spackeria“ Julia Schramm, um zu verstehen was Post-Privacy bedeutet.

Was bedeutet Post-Privacy?

Julia Schramm bestimmt den Begriff „Post-Privacy“ einerseits als eine Zustandsbeschreibung, dass Datenschutzgesetze nicht mehr greifen, weil immer mehr Daten digitalisiert und unkontrollierbar, gleichsam jenseits der Privatsphäre, verwertet werden. „Post-Privacy“ bezeichnet aber auch die persönliche Haltung eines Nutzers immer mehr von sich preiszugeben. Die Post-Privacy Bewegung geht nach Schramm davon aus, dass Datenschutz im Internet nicht mehr möglich ist, und jegliche Diskussion zur Stärkung des Datenschutzes an der Realität vorbei geht, deswegen soll das Konzept der Privatsphäre für das Internet aufgegeben werden.

Wir finden, dass die aktuelle Diskussion um den Schutz von Daten an der Realität vorbeigeht. Wir leben in einer vernetzten Welt, wo Privatsphäre durch das Internet nicht mehr möglich ist. […] Der Aufwand, private Daten zu kontrollieren und zurückzuhalten, ist mittlerweile unverhältnismäßig hoch. Im Endeffekt können wir uns nicht dagegen wehren. (Schramm, Spiegel-Online)

Als Alternative zu der von ihr als realitätsfern eingeschätzten Diskussion um mehr Datenschutz schlägt Schramm die Post-Privacy Utopie vor.  Schramm diagnostiziert also einen Mangel an Realitätsnähe der Datenschutzdiskussion und will diesen Mangel beheben, in dem sie eine Utopie an dessen Stelle setzt. Dieser Schritt ist argumentativ nicht überzeugend, da eine Utopie noch weiter von der Realität entfernt ist als der teilweise real-existierende Datenschutz. Oder um es in Frau Schramms Worten zu sagen: Wenn „Privatsphäre sowas von Eighties“  (Spiegel-Online) ist und man mit dem Slang Zeitgemäßheit anmeldet, warum dann eine Utopie bemühen, denn Utopien sind sowas von 1516? Mir ist hier nicht klar, warum die Idee der Privatsphäre zeitabhängig sein soll. Betrachten wir aber dennoch welche Utopie hier vorgeschlagen wird.

Post-Privacy Utopia

Politisch träumt die Post-Privacy Bewegung  nach Schramm von einer Gesellschaft, in der niemand Angst vor Diskriminierung haben muss, denn diese findet entweder nicht statt oder führt nicht zu sozialen Repressionen.  Der Sinn dieser Unterscheidung ist nicht vorhanden, denn Diskriminierung ohne soziale Repressionen gibt es nicht. „Diskriminierung bezeichnet eine gruppenspezifische Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder Individuen.“ (Wikipedia). Bleibt also als Kern der Utopie eine Gesellschaft ohne Diskriminierung, in der auch persönliche Daten öffentlich und transparent sind, ohne dass man Angst haben muss, dass die geteilten Bilder die jemanden beim Ausüben einer Risikosportart zeigen, sich erhöhend auf den Krankenkassenbeitrag auswirken. Die Position des Post-Privacy besagt also: Eine Welt ohne Diskriminierung ist möglich und diese Utopie ist besser als die Debatte um mehr Datenschutz.

Eine Gesellschaft ohne Diskriminierung ist zweifellos wünschenswert. Aber weil sie eine Utopie ist, ist sie kein Argument gegen die aktuelle und reale Notwendigkeit von Datenschutz. Datenschutz bedeutet den Schutz des Individuums, durch die Garantie einer unveräußerlichen Privatsphäre.

Die gesamte Philosophiegeschichte der letzten 400 Jahre entwickelt Autonomie, Freiheit, Kreativität, Selbstgestaltung als die zentralen Werte, für die es sich zu leben lohnt. Für dies Konzeption wurde auch die Demokratie entwickelt, als eine Lebensform in der man auch Privatheit haben darf und Freiheit haben darf, die geschützt Bereiche sind. Im Gegensatz zu totalitären Staaten die Privatheit annullieren und eliminieren wollen. Insofern, wenn man eine solche Meinung [, das Privatheit ein überholtes Konzept ist] vertritt, ist das ein totalitaristischer Grundzug […], solche Leute muss ich bekämpfen, die sind nach meinem dafürhalten unsittlich. (Bernhard Irrgang, WDR 5 das philosophische Radio über Internetethik, 30.09.11)

Privatsphäre ist, wie von Irrgang herausgestellt, ein wesentliches Momente der Demokratie. Nur weil es schwerer wird die Privatsphäre im Internet zu schützen, darf man sie nicht aufgeben. Denn auch in Demokratien wie der unsrigen kann freie Meinungsäußerung zu Problemen führen, wie das Beispiel eines Bloggers zeigt, der sich kritisch gegenüber der katholischen Kirche geäußert hat und gegen den nun Anklage erhoben wurde. Der Schutz der Privatsphäre bedeutet also auch den Schutz der Meinungsfreiheit, auch wenn man kein Geld für Anwälte hat, und sie nicht nur ein prinzipielles Recht sein soll.

Ferner können Kommunikationstechnologien wie soziale Netzwerke zwar demokratische Bewegungen begünstigen, deshalb müssen sie demokratische Rechte einlösen. Sonst kann z.B. Facebook nicht nur dazu benutzt werden, um totalitäre Regime zu stürzen, sondern eben auch um Regimekritiker zu überwachen.  Ferner habe ich hier argumentiert, dass Privatsphäre wichtig ist, zu Realisierung seiner menschlichen Würde und ich sehe nicht ein, warum ich darauf im Internet  verzichten soll.

Man etabliert durch das Abschaffen des Datenschutzes und der Privatsphäre totalitäre Strukturen zur Kontrolle und Überwachung. Das Konzept des Post-Privacy erlaubt also bezüglich des Internets totalitaristische Grundzüge, welche sich in der Theorie aber nicht negativ auswirken sollen, da in der angeträumten Utopie keine Diskriminierung stattfindet. Post-Privacy muss also unter allen Umständen jegliche Form von Diskriminierung verhindern. Ich sehe nicht, was daran einfacher sein soll, als zu versuchen Datenschutz im Internet durchzusetzen. Mit jeden Klick auf Facebook & Co. gibt man eine implizite Zustimmung zur Aufgabe von Privatsphäre und Datenschutz im Internet. Man könnte damit schonmal aufhören.

Quellen:

„Datenschutz greift nicht mehr.“ Telepolis

„Privatsphäre ist sowas von Eighties.“ Spiegel-Online

„Arendt und Privatsphäre.“ Julia Schramm

Das philosophische Radio im WDR 5 mit Bernhard Irrgang über Internetethik (Sendung vom 30.09.11)

Es gibt viele gute Gründe Facebook zu meiden. Die meisten Gründe beziehen sich auf den Datenschutz oder auf die Redlichkeit der Firmenpolitik dieses sozialen online Netzes. Bisher wurden keine philosophischen Gründe gegen Facebook angeführt. Unter philosophische Gründe verstehe ich hier Gründe, welche sich auf die Frage nach einem guten Leben beziehen. Intuitiv setze ich die Menschenwürde als grundlegend für ein gutes, menschliches Leben voraus.

Im folgenden werde ich zunächst den Begriff der Würde bestimmen und eingrenzen. Dann wird gezeigt, dass Facebook danach strebt die Würde des Menschen abzuschaffen.

Würde

[D]er Mensch kann von keinem Menschen (weder von anderen noch sogar von sich selbst) bloß als Mittel, sondern muß jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden, und darin besteht seine Würde (die Persönlichkeit), dadurch er sich über alle anderen Weltwesen, die nicht Menschen sind und doch gebraucht werden können, mithin über alle Sachen erhebt.

Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten S.321

Nach Kant kommt dem Menschen notwendig Würde zu, dadurch, dass man den Menschen nicht nur als Mittel benutzen kann. Es ergibt sich daraus die Pflicht den Menschen auch als Selbstzweck anzuerkennen und genau das macht seine Würde aus. Sprachanalytisch lässt sich dies durch das Aufzeigen folgender Implikationen des Würdebegriffs plausibilisieren: Eine sinnvolle Redeweise von Würde ist nur gegeben, wenn der Begriff ,Würde‘ dasjenige ist, was auf prinzipiell unbedingte Subjekte referiert, denn Würde haben nur Subjekte. Würde bedeutet Unverfügbarkeit. Etwas über das man verfügen kann, ist ein Objekt. Nun kann man auch über Menschen, deren Würde unantastbar ist, verfügen. Dadurch behandelt man sie, schon rein sprachlich, als Objekte. Aber auch ein Subjekt, dass „würdelos“ behandelt wird, hat prinzipiell Würde. Prinzipielle Würde bedeutet prinzipielle Zweckfreiheit und somit bezogen auf soziale-menschliche Kontexte prinzipielle Unverfügbarkeit. Ein tatsächliches, reines zweckfreies Leben ist im sozialen Staat nicht möglich, da man andere Menschen immer auch als Mittel benötigt und von anderen gebraucht wird. Die Würde hängt hier am ,auch‘. Kant leitet aus dieser Definition die Selbstzweckformel des Kateogorischen Imperatives ab: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst. “

Nach Kant hat jeder Mensch notwendig Würde, sie kommt dem Menschen wesentlich zu. Zudem hat jeder Mensch die Pflicht sich selber und anderen Menschen einen Zweck zu zuschreiben, weil Menschen prinzipiell über Würde verfügen. Ein humaner Umgang miteinander fordert aber eine tatsächliche Anerkennung und Realisierung der sonst nur prinzipiellen Würde.  Wenn ich davon spreche, dass die Würde abgeschafft wird, dann meine ich nicht, dass Würde prinzipiell abgeschafft wird. Ich meine damit, dass die gelebte wechselseitige Anerkennung, dass man selbst und andere Menschen Würde haben, abgeschafft wird.

Würde muss also gelebt werden, dies sollte immer und überall gelingen, aber in der Privatsphäre kann dies am besten gelingen, wie im Folgenden gezeigt wird.

Das Private, die Würde und ihre Abschaffung

Meine These, die ich hier begründen werde, ist, dass das Private wichtig ist, damit ein Mensch seine Würde leben kann, und diese nicht nur prinzipiell zugesprochen bekommt. Nur wenige, wirkliche Freunde, lässt man in seine Privatssphäre, die Sphäre der Würde, welche sich durch Nähe, der Offenbarung und Mitteilung intimer Details auszeichnet. Hier ist man verletzbar. Aber dadurch, dass man nicht verletzt wird, die nackte Würde respektiert wird, wird man als Subjekt anerkannt. Im Privaten wird Würde anerkannt und gelebt. Dies ist aber nur sinnvoll, wenn auch ich anderen Menschen in meiner Privatsphäre Würde zuspreche. Denn nur wenn ich die Würde anderer anerkenne, kann ich erfahren, wie sie meine Würde anerkennen. In der Privatssphäre wird Würde als wechselseitig realisiert und hat nicht nur prinzipiellen Charakter.

Was zeichnet den privaten Raum gegenüber dem öffentlichen Raum bezüglich der Würde aus?  Hier liegt ein gradueller Unterschied vor. Ich gehe von der Annahme aus, dass Menschen im öffentlichen Raum andere Menschen öfter und eher als Mittel benutzen, als im Privaten. Freunde trifft man eher um ihrer Selbstwillen, als einen Geschäftskollegen. Natürlich ist auch der private Raum nicht frei von Zweck-Mittel-Beziehungen zwischen den einzelnen Individuen. Aber im Privaten steht der Selbstzweckcharakter des Individuums im Vordergrund, während im öffentlichen Raum, im alltäglichen Handeln, die Zweck-Mittel-Beziehungen im Vordergrund stehen. Und da die Anerkennung eines Menschen als Selbstzweck konstitutiv für die Anerkennung der Würde eines anderen Menschen ist, ist das Private der Ort, in welchem die Würde des anderen und von einem selbst am stärksten gelebt wird.

Betrachten wir dazu folgendes Beispiel, welches voraussetzt, dass die freie Äußerung seiner Meinung ein Beispiel für die Realisierung seiner Würde ist. Man kann im Privaten Gedanken äußern und ausprobieren, die man trotz der Zusicherung der Meinungsfreiheit im öffentlichen Raum nicht äußern würde, weil einem entweder der Mut dazu fehlt oder aus Rücksicht auf die Gefühle anderer. Das Private bietet also einen geschützten Raum, wo man mit Gedanken und Ideen experimentieren kann. Man steht auch nicht in Konkurrenz zu anderen und muss keine Angst haben, dass man sich durch bestimmte Äußerungen einen Nachteil verschafft. Ein Konkurrenzverhältnis gibt es durch die Zweck-Mittel-Relation zwischen den Individuen, da diese Relation im Privaten aber  zumindest abgeschwächt ist, steht hier der Selbstzweckcharakter des Individuums im Vordergrund, dass seinen Selbstzweck ausdrückt in dem es seine Meinung im Privaten leichter äußern kann, als in der Öffentlichkeit.

Das Private ist also deswegen wichtiger zur Realisierung der Würde als der öffentliche Raum, weil im Privaten der Selbstzweckcharakter des Menschen stärker gelebt werden kann, als im öffentlichen Raum.

Nun gibt es zeitgemäße Tendenzen, welche die Zweck-Mittel-Relation zwischen Menschen stärken und den Selbstzweckcharakter und damit die Würde des Menschen abschwächen. Diese Tendenzen kulminieren in Facebook, welches diese Entwicklung am stärksten repräsentiert und aktiv vorantreibt. Diese Entwicklung werde ich im folgenden skizzieren.

Es ist zeitgemäße sich verfügbar zu halten – also seine Würde immer weiter zu veräußern. Handys und Computer kann man zwar abschalten. Aber durch die Bekanntgabe seiner Handynummer, E-Mail Adresse oder eines persönlichen Profils in einem „sozialen“ Netzwerk signalisiert man auf Grundlage gesellschaftlicher Konvention prinzipielle Erreichbarkeit. Und von dieser wird ausgegangen. Äußerungen wie: Auf deinem Handy bist du nie erreichbar! Du hast meine Mail noch nicht beantwortete! Du hast noch nicht auf meinem Kommentar im StudiVZ reagiert! – unterstellen, eine Erreichbarkeitspflicht. Es ist also falsch anzunehmen, die neuen Kommunikationstechnologien seien nur rein pragmatisch. Es ist nur deswegen einfacher geworden jemanden zu erreichen, weil man verfügbarer geworden ist. Weil man sein Würde immer weiter aufgibt, wodurch andere Menschen Ansprüche anmelden. Die illustriert folgendes Video:

 

 

Durch das digitale Abbilden seiner Identität macht man seine Daten verfügbar, welche auf persönliche Einstellungen und Interessen referieren. So wird all das verfügbar, was einst nur wirkliche Freunde kennen durften, wie religiöse Einstellungen, politische Meinungen, feucht-fröhliche Party Fotos, momentane Stimmungen und Meinungen, aktueller  Aufenthaltsort. Die Identität verliert ihren privaten Charakter und wenn die eigene Identität dasjenige ist, was substantiell für das Individuum ist, dann wir das Individuum durch die Preisgabe seiner Daten im Internet verfügbar. Ein Facebook Profil ist somit die Objektivierung, Veräußerung der subjektiven Identität, der Würde durch die Abschaffung des Privaten. Und dies ist nach Zuckerberg nicht nur von ihm gewollt sondern eine neue soziale Norm:

„When I got started in my dorm room at Harvard, the question a lot of people asked was ‚why would I want to put any information on the Internet at all? Why would I want to have a website?’And then in the last 5 or 6 years, blogging has taken off in a huge way and all these different services that have people sharing all this information. People have really gotten comfortable not only sharing more information and different kinds, but more openly and with more people. That social norm is just something that has evolved over time. We view it as our role in the system to constantly be innovating and be updating what our system is to reflect what the current social norms are. A lot of companies would be trapped by the conventions and their legacies of what they’ve built, doing a privacy change – doing a privacy change for 350 million users is not the kind of thing that a lot of companies would do. But we viewed that as a really important thing, to always keep a beginner’s mind and what would we do if we were starting the company now and we decided that these would be the social norms now and we just went for it.“

Marc Zuckerberg

Facebook Gründer Marc Zuckerberg behauptet mit obigem Zitat: Die Abschaffung der Privatsphäre ist eine soziale Norm, diese Aussage kann deswegen nicht deskriptiv, sondern normativ verstanden werden. Als Begründung führt er an, dass immer mehr Menschen immer mehr persönliche Daten in den letzten Jahren öffentlich gemacht haben. Ein in der Bloggerssphäre viel zitierter Einwand von Marshall Kirkpatrick bezüglich der Redlichkeit Zuckerbergs ist folgender:

I don’t buy Zuckerberg’s argument that Facebook is now only reflecting the changes that society is undergoing. I think Facebook itself is a major agent of social change and by acting otherwise Zuckerberg is being arrogant and condescending.

Kirkpatrick nimmt an, dass Facebook selbst die sozialen Normen ändern will und stipuliert, dass die Notwendigkeit des Privaten keine soziale Norm mehr ist und das eine totale Öffentlichkeit eine neue Norm ist. Dieser Einwand ist insofern plausibel, da Facebook durch die Abschaffung des Privaten die Daten seiner Nutzer verkaufen kann. Facebook kann nur durch die Weitergabe von Nutzerdaten an bezahlende Dritte seinen Profit maximieren, wodurch es ein ökonomisches Interesse an der Abschaffung des Privaten gibt.

Aber auch von einem logischen Standpunkt aus ist Zuckerbergs Argument abzulehnen, da man nur mittels eines naturalistischen Fehlschlusses zu der Konklusion kommt, dass das Private ein überholtes Konzept ist. Auch wenn es deskriptiv richtig ist, dass immer mehr Menschen freiwillig ihre Daten öffentlich machen, folgt daraus nicht, dass es eine soziale Norm ist, dass Privatssphäre nicht mehr benötigt wird. Der Mensch braucht die Privatssphäre zur Realisierung seiner Würde! Deswegen kann Facebook kein Interesse daran haben, dass Menschen Würde besitzen. Es wurde somit gezeigt, dass durch eine Mitgliedschaft bei einem sozialen Netzwerk wie Facebook, was kein Interesse daran haben kann und tatsächlich auch nicht hat die Privatssphäre zu schützen, die Würde des Menschen sukzessive aufgegeben wird.

Jedem Mensch steht es natürlich frei, seine individuellen Daten und somit einen Teil seiner Identität zu veräußern. Das Problem mit Facebook ist, dass es zur Realisierung seiner Ökonomischen Interessen den Privatenbereich eines Menschen global verfügbar macht. Natürlich kann man sich wöchentlich durch seine Privatsphäreeinstellungen kämpfen um auf etwaige, nicht öffentlich gemachte Änderungen von Seiten Facebooks zu reagieren, um seine Privatssphäre zu schützen oder einfach möglichst wenige sensible Daten ins Netz stellen oder sich erst gar nicht bei Facebook anmelden. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Facebook nach immer mehr Einfluss auf das soziale Leben strebt und so auch die Daten von Nutzern ausspäht, die nicht bei Facebook registriert sind.

Mein Argument lässt sich zusammenfassen: Wenn man die Würde der Menschen anerkennt, dann gesteht man ihnen eine Privatsphäre zu. Die Privatssphäre ist der Ort, in dem Würde am besten realisiert und gelebt wird. Facebook gesteht den Menschen keine Privatssphäre zu. Also erkennt Facebook die Würde der Menschen nicht an.

Mit der Abschaffung des Privaten wird auch das Konzept der Würde verabschiedet. Am Ende steht hier die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir Leben? Die Antwort ist sicher nicht Facebook!

There was of course no way of knowing whether you were being watched at any given moment… It was even conceivable that they watched everybody all the time. But at any rate they could plug into your wire whenever they wanted to. You had to live – did live, from habit that became instinct – in the assumption that every sound you made was overheard, and except in darkness, every movement scrutinized.

George Orwell, 1984

Literatur:

  • Kant, Immanuel. Metaphysik der Sitten. 1966. Meiner: Hamburg
  • Orwell, George. Nineteen Eighty-Four (1984). 2006. Penguin: London

Internetquellen: