Archiv für die Kategorie ‘Gedankenrauschen’

Das ZfL lud heute (20. Mai 2016) zur einer Podiumsdiskussion zum Thema „Vom Gelingen und vom Scheitern: Veränderungen in großen Systemen aktiv gestalten“ ein, es ging also um Changemanagement. Leider fehlte der Veranstaltung eine globale, kritische Perspektive auf Changemanagement per se. Einige kritische Punkte, die in der Podiumsdiskussion vorkamen, werden im Folgenden reflektiert.

Die folgenden Ausführungen stammen von Vortragsnotizen und werden nicht einzelnen Personen zugeschrieben, sondern schildern einen, durchaus subjektiven, Gesamteindruck. 

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Philosophisches Argumentieren

Veröffentlicht: Oktober 1, 2015 von C.R. in Gedankenrauschen
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In eigener Sache: Mein Aufsatz zum fachspezifischen Argumentieren im Philosophieunterricht ist jetzt bei Waxmann erschienen:

Abstract: Man muss gut argumentieren können, um anspruchsvoll zu philosophieren. Aber was unterscheidet philosophisches Argumentieren von Argumentationen im Deutschunterricht oder in den Naturwissenschaften? Ein Ansatz ist der Verweis auf einen fachspezifischen Gegenstand. Dieser Zugang ist aber nicht hinreichend, weil z.B. „Wissen“ nicht nur Gegenstand der Philosophie, sondern auch der Pädagogik oder Psychologie ist. Deswegen ist es nötig, hier einen weiteren Ansatz zu wählen und für die Explikation des Besonderen der philosophischen Argumentation den Charakter der Philosophie als Disziplin höherer Ordnung zu berücksichtigen. Erschienen in: A. Budke et.al. (Hrsg.), Fachlich argumentieren lernen. Didaktische Forschungen zur Argumentationin den Unterrichtsfächern, Band 7 von LehrerInnenbildung gestalten. Waxmann, Münster, 2015.

Ich nehme hiermit Stellung zu Shadi Heinrichs Stellungnahme zur phil.cologne-Veranstaltung „Retten Veganer die Welt?“ mit Peter Singer am 31.05.2015 in den Balloni Hallen mit der er einen angeblich berechtigten und notwendigen Protest gegen Peter Singer rechtfertigt, der am 31. Mail 2015 in Köln zum Thema „Retten Veganer die Welt?“ sprechen sollte (mittlerweile ist Singer von den Verantwortlichen der phil.cologne ausgeladen worden). Auf Basis dieser Stellungnahme wurde zum Protest gegen Singer unter anderem vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben (siehe ZsL_Flyer) und vom Kölner Kreisverband der Grünen aufgerufen.  Der Protest richtet sich nicht gegen Singers Vortragsthema, sondern gegen seine Person und gegen die von ihm vertretenen Thesen zur Sterbehilfe. Man fürchtete, dass Singer diese auch dann in Köln vertreten könnte, selbst wenn das Thema des Vortrags eigentlich ein ganz anderes war. Es geht hier nun nicht darum Singers Thesen zum Infantizid zu rechtfertigen oder zu widerlegen, sondern darum eine demokratische Willensbildung zu einem gesellschaftlich relevanten Thema zu unterstützen.

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Ich bin der Schreibtisch von …

Veröffentlicht: Oktober 10, 2014 von C.R. in Gedankenrauschen
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Wo ist er denn – wo bleibt er denn? Es gibt einiges, wirklich viel zu tun und was morgen ist, weiß man nicht. Hier liegen noch einig Bücher – übereinander, untereinander aufgeschlagen, runtergefallen neben Blättern und was ist das eigentlich – müsste auch noch abgeheftet und sortiert werden – aber das ist langweilig und braucht man wahrscheinlich eh nicht mehr, bevor es in einem Ordner auf nimmer wieder sehen verschwindet, könnte es auch in den Müll – aber man weiß es nicht.

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Schule und Bildung sind Themen, die zur Zeit breit in den Medien und der Öffentlichkeit verhandelt werden. Mit Alphabet ist nun ein Film in die Kinos gekommen, der sich ebenfalls mit den Fragen der Bildung und mit Kritik an Schule auseinandersetzt.

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“packets of work sheets”

Veröffentlicht: Mai 15, 2013 von C.R. in Gedankenrauschen
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Eine wunderbare Wut, die darauf aufmerksam macht, dass sich Bildung nicht an Arbeitsblätter delegieren lässt, sondern die alte pädagogische Beziehung zwischen Lernenden, Lehrenden und Sachansprüchen benötigt.

„If you want kids to get excited for this, you gotta come in here and make ‘em excited […] I want to see a teacher stand up and interact with the students get involved, discuss, talk, question and get deep into the subject“

Quelle: Washington Post

Im Referendariat wurde uns beigebracht, dass eine hohe Schüleraktivität wichtig sei. Diese kann erreicht werden durch Sozialformwechsel (etwa: Lehrerimpulsvortrag zu Partnerarbeit zu Gruppenarbeit) und Handlungsorientierung: Schüler und Schülerinnen sollten selbst etwas tun und nicht nur zuhören. Manchmal zitierte man in diesem Kontext mehr oder weniger passend: „Lernen mit Kopf, Hand und Herz.“ Alles eingebettet durch gutes Claasroom Management. Unter letzterem pädagogisch fremdwirkenden Begriff verstand ich damals noch wohlwollend bis ironisch gut vorbereitete und schon vor Stundenbeginn ausgeteilte Arbeitsblätter und Folien, zu wissen wo die Kreide liegt und eine tickende Uhr an der Wand. Das man Claasroom Management aber auch anders verstehen kann, im Sinne des „Whole Brain Teaching“ wurde mir bei Betrachtung folgenden Videos bewusst, welches ich mit zunehmenden Unbehagen betrachtet habe. Ist das noch Pädagogik im Sinne des Kindes oder Gehirnwäsche (Kopf), Verhaltensabrichtung (Hand) mit evozierten Emotionen (Herz)? Dabei sind doch alle oben genannten Kriterien des sogenannten „guten Unterrichts“ erfüllt …

Facebook untersucht mit einem Algorithmus private Chats zur Verbrechensbekämpfung (heise online,  SPON). So können Straftaten, die sich in Chats anbahnen verhindert werden, indem man die potentiellen Täter festnimmt, bevor sie die Tat begehen.
Dies erinnert mich ein wenig an Precrime aus Minority Report: Jeden überwachen und bestrafen bevor er  die Tat begeht. Nach Ferdinand von Schirach ist schließlich  jeder Mensch ein potentieller Mörder. Sicherheit durch permanente Überwachung? Schade eigentlich, denn „Leben bedeutet in Gefahr zu sein“  (Friedrich Nietzsche), denn „Transparent ist nur das Tote“ (Byung-Chul Han).
Eine Alternative ist der kritischen Urteilsbildung von Kinder zu vertrauen. Dies setzt eine Erziehung voraus, die über die Gefahren sozialer Netzwerke aufklärt, so dass sie sich nicht mit Jedem „befreunden“ und wie auch im nicht-virtuellen Leben Menschen erst wirklich kennen lernen, bevor sie sich mit ihnen privat unterhalten. Oder ist das nun auch schon kulturkonservativ, wenn man Freundschaft und Privatsphäre denjenigen vorbehält, die man gut kennt, sympathisch findet, mit denen man eine gute gemeinsame Zeit teilt und denen man vertraut? Bevor ich abschweife: Aufklärungsmaterial bietet jedenfalls klicksafe.
Oder sollte man jeden Chat zwischen Usern 30+ und 18- überwachen? Werden dann Lehrer die mit Schülern chatten kriminalisiert? Und was könnte man noch überwachen? Nach welchem Moralkodex eigentlich? Nach der Collagemoral Facebooks? Und wer überwacht eigentlich die Überwacher? … ich weiß es doch auch nicht.

 Elite mag man in Gottes Namen sein, niemals darf man sich als solche fühlen. – Adorno

Kürzlich wurden einige deutschen Hochschulen Elite andere wurde nicht-Elite wieder andere blieben es. Die Gewinner des Exzellenzwettbewerbs feierten sich und wurden gefeiert. Elite ist ein Begriffe der nur sinnvoll ist, wenn es auch eine nicht-Elite gibt: die Masse. Übersichtlich verzeichnet SPON die Eliteuniversitäten dargestellt als Leuchttürme auf einer Deutschlandkarte. Die Metapher der Leuchttürme scheint die des Elfenbeinturms ersetzt zu haben. Man kann nun bei Leuchttürme an Licht, Aufklärung und Orientierung denken – wie ein Freund von mir aber treffend bemerkte: „Leuchttürme funktionieren nur dann, wenn um sie herum alles dunkel ist.“

In dem Wettbewerb um die Exzellenz muss es zwangsläufig Verlierer geben. Die Verlierer zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie schlechtere Forschung betreiben oder Studienbedingungen bieten, sondern sie genügen den Kriterien des Wettbewerbs nicht. Gibt es an einer Uni gute individuelle Betreuung von Doktoranden durch Professoren statt einer Graduiertenschule, dann hat diese Uni keine Chance „exzellent“ zu sein. Auch sind Betreuungsverhältnisse oder Gebäude, die eine angenehme Lernatmosphäre schaffen irrelevant. Es kann eine Uni die Auszeichnung „exzellent“ tragen und gleichzeitig das Problem von herabfallenden Lampen in den Hörsälen durch Aufspannen von Sicherheitsnetzen lösen. Sie kann tolerieren, dass Studenten sich mangels Prüfer nicht zu Prüfungen anmelden können und dennoch „Elite“ sein. „Elite-Uni“ – „Exzellenzinitiative“ sind Etikettenschwindel. Geld für einzelne Forschungsgruppen die erfolgreich Kriterien des Wettbewerbs genügen, ist da schon treffendere.

Empört Euch! Ruft uns Stéphane Hessel zu:

Das Grundmotiv der Résistance war die Empörung. Wir Veteranen rufen die jungen Generationen dazu auf, das Erbe der Résistance und ihre Ideale lebendig zu erhalten und weiterzugeben. Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Geistesleben und die ganze Gesellschaft dürfen nicht abdanken und sich von der Diktatur der internationalen Finanzmärkte beeindrucken lassen, die den Frieden und die Demokratie bedrohen. Ich wünsche jedem Einzelnen von Ihnen ein eigenes Empörungsmotiv. Denn das ist kostbar.

(Quelle: Faz)

Doch reicht Empörung? Reicht eine Konsumkritik? Die Weichspülung durch die Massenmedien zu verdammen? Reicht es auf die Straßen zugehen, zu demonstrieren, dabei zu Musik zu tanzen? „Es ändert doch eh nix.“ Sagen einem die Mitbewohner, die nicht mit zur Demo gegen Studiengebühren kommen. Das lähmende Gefühl der Ohnmacht einer ganzen Generation. Die Selbsttäuschung durch Aussagen, dass die Welt zu komplex geworden ist, um sie zu verstehen, um noch ein Feindbild ausmachen zu können. Wie einfach war es Politik in links und rechts aufteilen zu können. Wie dankbar war man, als jemand den Begriff des Neoliberalismus zur Parole stilisierte. Endlich wieder eine Ideologie von der man sich abgrenzen konnte – Identität durch Abgrenzung, der einfachste Weg zu sich selbst? Es sind die „Neoliberalen“ die unsere Bildung inflitieren, Professoren kaufen, wissenschaftliche Forschungen zensieren, den Begriff „Gemeinwohl“ aus den Politiklehrbüchern streichen.

Der Kapitalismus oder der Neoliberalismus sind aber nur Symptome für etwas von dem man glaubt, dass es das Gegenteil zu einer Ideologie zu sein scheint: dem Pragmatismus. Wie man aber schon am -ismus erkennt, schleicht sich hier eine Geisteshaltung mit Absolutheitsanspruch ein, die im Alltag sehr angenehm ist. Lösungsorientiert denken und nicht über die Probleme jammern. Nicht Nölen wie ein altes Ehepaar, sondern die Dinge anpacken! Warum pragmatisch sein? Weil es angenehm, bequem und einfach ist. Weil wir faul sind – Muße zu anstrengend! – zweickfreies aber nicht zweckloses Nachdenken – Intellektuelle werden gesellschaftlich stigmatisiert, wenn alles nur auf ökonomischen Nutzen ausgerichtet ist. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche! Wenn ich daran denke fühle ich mich wie vor einer überfüllten Schulklasse – Schweigen alle, weil sie nichts verstanden haben oder weil sie sich langweilen?

Dann doch lieber unsere alltägliche Dosis Gedankengift: Ein wenig Zwang, ein bisschen Freude und mit einem pragmatischen Lächeln versuchen wir nicht daran zu denken, ob unser Wohlstand auf Ausbeutung beruht, ob wir Menschenrechtsverletzungen nicht einfach nur outgesourct haben. „Bio Fleisch von glücklich gestorben Kühen und Fair Trade Kleidung die uns ein besseres Gewissen gibt als das 4,95 Euro H&M Hemd kann ich mir leider nicht leisten.“ Endet so die Revolution im Supermarkt? Wie verhählt sich der Mensch zur Erkenntnis? Empörung ist der Anfang. Erkenntnis, kritische Analysen auch. Doch wenn Wissenschaft nicht mehr frei ist, wenn Empörung zur Mode wird, Erkenntnis und Mensch nicht ernsthaft wechselwirken, dann hat der Pragmatist das letzte Wort:

Seit den Achtzigern und spätestens seit den neunziger Jahren ist es ausgemachte Sache, dass das mit der Veränderung der Verhältnisse nicht geht. Die Welt ist komplex, undurchschaubar komplex, man weiß nicht mehr, wo die Guten und wo die Schlechten stehen. Ganz genau weiß man dagegen, dass man selbst Teil des Systems ist […]. Es sind Sackgassen, in denen heute jeder Gedanke an Befreiung oder Selbstfindung oder Revolution stecken bleibt. Es sind sozusagen die Versprecher in jeder Versprechung. – Peter Michalik