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Am Ende der Tagung Irrwege von Bologna der Gesellschaft für Bildung und Wissen am 13.04.2013 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn fasste Prof. Dr. Jochen Krautz zusammen: Die Bologna-Erklärung von 1999 fordert nicht lediglich eine Studienreform, sondern bedeutet eine Veränderung des Selbstverständnisses der Universität. Diese Veränderung des Selbstverständnisses war zugleich der rote Faden, der die Vorträge der Tagung verband.

Prof. Dr. Volker Ladenthin wies zu Beginn der Tagung darauf hin, dass diese Veränderung öffentlich sichtbar werde, wenn in einer Talkshow Wissenschaftler eingeladen werden, um Akzeptanz für Positionen zu schaffen und nicht um unabhängig Wahrheitsansprüche zu prüfen. Wissenschaft zeigt dann keine Alternative mehr zur Lebenswirklichkeit auf, sondern wird von dieser für ökonomische, politische oder private Interessen in Dienst genommen.

Wissenschaftsfremde Interessen haben auch zum Bologna-Prozess geführt. Deswegen untersuchte Dr. Matthias Burchardt welche Ursachen und Akteure den Bologna-Prozess ermöglicht haben, um die Transformation der Hochschulen einordnen zu können. Die Bologna-Erklärung ist weder politisch zwingend, da sie keine völkerrechtliche Verbindlichkeit hat, noch ist sie von Wissenschaftlern gefordert worden. Als wesentliche Akteure nannte Burchardt unter anderem OECD und Bertelsmann. Mit dem Ziel die Akademikerquote und die Employability der Absolventen zu erhöhen übten diese insbesondere durch Change Management (vgl.: Online Lehrbuch Change ManagementSFB 597) indirekten Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse aus und setzten die Reform auch gegen vehementen Widerstand von Wissenschaftlern durch (vgl.: Zeit-Online: Sie können das nicht unterschreiben).

Die Erhöhung der Akademikerquote, so Prof. Dr. Bernhard Kempen, wird aber gleichzeitig mit einer Kosteneinsparung verbunden. Indem nicht alle Bachelor (BA) Studierende zum Master Studium (MA) zugelassen werden soll die Mehrheit der Studierenden kürzer studieren. Zugleich werden so systematisch Menschen von einer wissenschaftlichen Bildung ausgeschlossen. Genau dieser Schnitt zwischen BA und MA weist nach Prof. Dr. Michael Hartmann Gemeinsamkeiten zur Exzellenzinitiative auf: Der MA fungiert als Selektion passender Studierender zur Profilbildung der Studiengänge und Hochschulen. Dadurch findet, wie bei der Exzellenzinitiative, eine Konzentration auf die Forschung statt. Hartmann wies ausdrücklich auf folgendes Missverständnis hin: Es ist falsch, dass es in der Exzellenzinitative nur Gewinner und nicht Gewinner aber keine Verlierer gibt. Um dies zu stützen wies Hartmann nach, dass sich die öffentliche Mittelvergabe ebenfalls auf die bereits durch die Exzellenzinitiative geförderten Universitäten und Hochschulen konzentriert. Dies führt letztendlich zu einem Zweiklassensystem von einerseits Lehruniversitäten für Bachelorstudierenden und auf finanziell besser gestellten Forschungsuniversitäten für Masterstudierende, womit das humboldtsche Ideal der Einheit von Forschung und Lehre aufgehoben ist. Die Profilbildung dient ferner der Sichtbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit von Universitäten. Die Bologna-Reform kennzeichnet also einen Paradigmenwechsel weg von einer humanistischen Bildungsidee hin zu einem Primat des ökonomischen Denkens im Selbstverständnis der Universität.

Die humanistische Bildungsidee arbeitete Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin ideengeschichtlich auf, um Grundlagen für eine mögliche Alternative zu Bologna aufzuzeigen. Nida-Rümelin beschrieb die Entwicklung der humanistischen Bildungsidee von der klassischen Antike bis hin zu der These Kants, dass Universitäten nicht Ausbildungsstätten sondern der Wahrheitssuche verpflichtet sein sollten. Da die aktuelle Bologna-Reform mit dem BA einen auf Beschäftigungsfähigkeit ausgerichteten Abschluss bereithält folgerte Nida-Rümelin, dass diese Reform ein Rückschritt zur mittelalterlichen Universität sei. Nida-Rümelin plädierte für ein wechselseitiges Verhältnis von Anwendung und Grundlagenforschung ohne Abwertung des Fachwissens.

Aber gerade eine Abwertung des Fachwissens findet statt. So zeigte Prof. Dr. Hans Peter Klein beispielhaft wie durch die Bologna-Reform die Fachlichkeit in der Lehrerbildung immer mehr zurückgenommen worden ist, wodurch Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeit einer Promotion versperrt wird und ihnen anderseits das Wissen fehlt, um sachlich fundierten Unterricht zu erteilen. Genauso problematisch ist die Bologna-Reform für das Medizinstudium. Prof. Dr. Frank Nürnberger argumentierte dafür, dass das Medizinstudium fachlich nicht sinnvoll in BA und MA zu unterteilen ist. So wurde abschließend deutlich, dass aus wissenschaftlicher Sicht die Bologna-Reform nicht plausibel legitimiert ist.

Die Vorträge zeichneten sich dadurch aus, dass sie neben einer sachliche Problemanalyse auch die politischen Zusammenhänge und partikulären Interessen bezüglich der Bologna-Reform darlegten. Auch zeigten sie Alternativen zu den aktuellen Verhältnissen auf. So schlug Matthias Burchardt vor, man solle das aktuelle Hochschulsystem an seinen eigenen (Wettbewerbs-)Bedingungen messen und neben BA/MA, Diplom, Magister und Staatsexamen wieder einführen und sie um die Gunst der Studierenden konkurrieren lassen.

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Der deutsche Bundestag entschied am 12.12.2012, dass die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen legal ist (vgl. FAZ). An diesem Urteil stört mich vor allem die Schnelligkeit, mit der es beschlossen wurde. Ich hatte den Eindruck, man wolle eine öffentliche Diskussion vermeiden – obwohl gerade eine breite, sachliche Diskussion für eine solide demokratische Meinungsbildung notwendig ist. Mit dem Urteil des Bundestages ist das Thema zwar vom Tisch aber noch nicht aus der Welt. Dies zeigt sich auch an dem heute veröffentlichten Artikel auf Spiegel-Online.
Dort verweist man auf eine Meinungsumfrage zur Knabenbeschneidung. Da Meinungen aber im besten Falle mehrheitliche Interessen widerspiegeln, nicht aber eine rationale Begründung liefern, veröffentlich ich hier meine Mitschriften zu der am 06.11.2012 im Rahmen der Veranstaltungsreihe Normative Welten stattgefundenen Podiumsdiskussion zum damals noch ausstehenden Urteil zur rechtlichen Zulässigkeit der rituellen Beschneidung. Es entfaltete sich an diesem Abend eine zugleich spannende und sachliche Debatte zwischen dem Direktor des Instituts für Saatsrecht der Universität zu Köln Prof. Dr. Wolfram Höfling, der im Ethikrat für die Legalisierung von Beschneidung gestimmt hat, Prof. Dr. Reinhard Merkel Professor für Strafrecht und Rechtsphilospohie, der im Ethikrat gegen die Legalisierung von Beschneidung gestimmt hatte, sowie dem israelischen Arzt und Publizist Dr. Gil Yaron, der nach einer intensiven persönlichen Auseinandersetzung die rituelle Beschneidung befürwortet und dem Philosophen Dr. Michael Schmidt-Salomon, der Protestaktionen gegen Beschneidung organisiert.

Die bewertungsfreie Wiedergabe der folgenden Argumente ist die Aufarbeitung meiner Mitschrift während der Podiumsdiskussion und im schlechtesten Falle beinhaltet sie Missverständnisse. Die Zuschreibung der Argumente zu den Teilnehmern der Podiumsdiskussion habe ich so gut wie es mir möglich war vorgenommen. Sollte eine Zuschreibung falsch sein, so bitte ich um Nachsicht und Korrektur. Die Argumente habe ich versucht in eine schlüssige und der Lesbarkeit dienenden Reihenfolge gebracht, die keine Wertung darstellt. Als Autor dieses Blogeintrages enthalte ich mich explizit einer persönlichen Positionierung, da es meine Absicht ist eine rationale Meinungsbildung zu ermöglichen, die nicht auf ein Urteil für oder gegen Knabenbeschneidung zielt, sonder um ein Problemverständnis durch eine argumentative Erörterung bemüht ist. Die Bewertung der Argumente bleibt dabei dem Leser aus den genannten Gründen überlassen.

Das Traditionsargument

Die Beschneidung von Knaben hat eine lange rituelle Tradition. Man könnte nun argumentieren, weil die Beschneidung von Knaben eine lange Tradition hat, ist sie durch diese Tatsache gerechtfertigt. Von allen Diskussionspartnern wurde das Traditionsargument abgelehnt. Denn das Alter einer rituellen Handlung kann diese nicht rechtfertigen, da man rational nicht vom Sein auf Sollen schließen kann (Naturalistischer Fehlschluss).

Aber auch wenn eine Tradition die Knabenbeschneidung nicht rechtfertigt, so ist diese Tradition Ausdruck einer Religion und Religionsfreiheit ist durch das Grundgesetz gedeckt. Dies führ uns zu folgendem Argument:

Knabenbeschneidung ist Ausdruck eines religiösen Bekenntnisses.

Yaron stellte heraus, dass man natürlich auch ohne Beschnitten zu sein Jude ist. Vielmehr ist die Beschneidung ein Bekenntnis des Vaters, dass er seinen Individualismus zurückstellt und sich unter eine Religionsgemeinschaft unterwirft.
Schmidt-Salomon hielt dem entgegen, dass durch ein Recht auf Knabenbeschneidung zwar die Religionsfreiheit der Eltern geschützt würde, aber nicht die des Kindes. So würden einige beschnittene Knaben, die sich in ihrem späteren Leben nicht mehr zur Religion ihrer Eltern bekennen würden, sich durch die Religion ihrer Eltern gebrandmarkt fühlen.

Neben der Religionsfreiheit scheint die Knabenbeschneidung auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit zu tangieren, da ein irreversibler Schaden zugefügt wird. Es geht im folgenden darum, ob der Fall der Knabenbeschneidung aus religiösen Gründen ein Fall ist der unter einer Abwägung zwischen Religionsfreiheit und körperlicher Unversehrtheit fällt.

Das Erziehungsrecht genießt einen besonderen Schutz und es geht nicht um eine Abwägung zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Höfling vertrat die Auffassung, dass es sich bezüglich der Frage nach der Legalität der religiösen Knabenbeschneidung nicht um eine Ermessensabwägung zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit handelt. Höfling legte dar, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kind einen besonderen Schutz auch vor Eingriffen des Staates genießt. Der Staat darf nur in das Erziehungsrecht eingreifen, wenn das Wohl des Kindes gefährdet ist. Die Überzeugungen der Eltern, wie sie das Leben ihres Kindes gestalten wollen haben hier Vorrang vor etwaigen Abwägungen des Staates. Demnach hat nicht der Staat zwischen Religionsausübung oder körperlicher Unversehrtheit zu entscheiden, sondern die Eltern unter der Voraussetzung, dass eine Knabenbeschneidung unter den besten medizinischen Voraussetzungen stattfindet und die Eltern über die bestehenden Risiken der Operation aufgeklärt worden sind.

Merkel hielt dem zugespitzt entgegen: „Die Religionsfreiheit endet an der Vorhaut.“ Nach Merkel ist Beschneidung eben kein Akt der Erziehung, somit gilt auch hier der besondere Schutz der Eltern-Kind-Beziehung nicht. Da es verfassungswidrig wäre, würde die Knabenbeschneidung als religöses Sonderrecht konzipiert, gälte das Recht auf Knabenbeschneidung nicht nur als religiöses Akt für Juden und Moslems sondern jeder darf ohne genauere Angabe von Gründen seinen Sohn beschneiden lassen.
Merkel konstruierte zur Stützung seiner These, dass die Knabenbeschneidung nicht in das Erziehungsrecht der Eltern fallen darf, folgendes Beispiel: Angenommen die Knabenbeschneidung sei ein Akt der Erziehung, dann kann man sich eine radikale christliche Gruppierung vorstellen, die zur Einführung in das Leiden Christi jedem Neugeborenen am 1. Karfreitag seines Lebens Rutenschläge zufüge. Nach Merkel seien körperliche Züchtigung in der Bibel erlaubt und innerhalb des Beispiels vergleichbar mit der Knabenbeschneidung. Die Züchtigung durch Rutenschläge würde man aber zu recht ablehnen. Man sollte die Knabenbeschneidung also deshalb nicht erlauben, weil somit die Gefahr der Züchtigung durch Knabenbeschneidung besteht, obwohl Züchtigungen verboten sind – eben auch die Ohrfeige, welche medizinisch risikoärmer ist, als die Knabenbeschneidung. Die Knabenbeschneidung als Erziehungsrecht führt also zusammen mit dem Verbot der körperlichen Züchtigung auf eine reductio ad absurdum.

Somit ist es problematisch die Knabenbeschneidung als religiösen Akt zu erlauben. Es stellt sich also die Frage, ob Knabenbeschneidung unabhängig von religiösen Gründen gerechtfertigt werden kann, damit sie in das Erziehungsrecht der Eltern fallen kann. Dafür müsste geklärt sein, in wiefern eine entsprechende OP ein medizinisches Risiko darstellt und wie groß ihr medizinischer Nutzen für das Kind ist. Um diese Klärung geht es in den folgenden beiden Argumenten.

Knabenbeschneidung ist medizinisch sinnvoll.

Möchte man einen nicht religiösen Grund für die Knabenbeschneidung angeben, kann man sagen, dass Knabenbeschneidung medizinisch sinnvoll ist. Hierbei ist allerdings zu beachten, dass diese Aussage nur eingeschränkt gilt. Die WHO empfiehlt zwar die Beschneidung, aber nur für bestimmte afrikanische Hochrisikoregionen zur AIDS Prävention (vgl. WHO). Diese Empfehlung gilt aber nicht für Kleinkinder die in Deutschland aufwachsen.
Es gibt vielmehr keine medizinische Indikation für eine Beschneidung in Europa und es gilt aus ethischer Sicht der Grundsatz primum non nocere – Als erstes darfst du keinen Schaden zufügen.

Knabenbeschneidung verursacht psychischen oder physischen Schaden.

Auch wenn Knabenbeschneidung keinen medizinischen Nutzen hat, so könnte man sie erlauben, weil sie keinen gravierenden Schaden anrichtet. Was aber bedeutet gravierend? Bei der Eingrenzung des graduellen Prädikats „gravierend“ gingen die Meinungen stark auseinander. Yaron wies darauf hinwies, dass Rauchen im Elternhaus weitaus gefährlicher ist. Ferner ist die Auswirkungen der Knabenbeschneidung auf das Erlebnis von Sexualität umstritten. Obwohl nach Yaron einige Rabbiner die Beschneidung befürworten, weil sie den Spaß am Geschlechtsverkehr durch die Amputation der erogenen Vorhaut mindern soll, gibt es medizinische Studien die dies bestreiten – aber nach Merkel gibt es auch andere Studien die dies belegen. Merkel hielt Yarons Argumenten entgegen, dass es Fälle gibt, bei denen Aufgrund von Komplikationen nach der Knabenbeschneidung der Penis teilweise amputiert werden musste. Zudem können Kinder an Komplikationen der Beschneidung sterben. Merkel bezieht sich dabei auf eine Studie zur Beschneidung in den USA, wo die Beschneidung unter medizinisch günstigen Bedingungen durchgeführt wird. Der Staat habe, so Merkel, die Beschneidung als unerlaubtes Risiko zu definieren, da sie keinen medizinischen Nutzen habe, es aber zu schwerwiegenden Komplikationen kommen kann, selbst wenn die Beschneidung unter guten medizinischen Bedingungen stattfindet und die Zahl der Amputationen und Todesfälle gemessen an der Gesamtzahl der durchgeführten Beschneidungen gering ist: „1,4 Millionen Beschneidungen in den USA jedes Jahr, über 100 Todesfälle“ (vgl. DLF).

Abschließend kommen wir noch zu einem Argument, welches mit den vorangegangen nur lose verbunden ist, aber einen Zusammenhang zwischen der weiblichen Genitalverstümmelung und der Knabenbeschneidung herstellt. Man kann argumentieren, dass die Knabenbeschneidung nicht mit der weiblichen Beschneidung zu vergleichen ist. Dies stimmt zweifellos, was die weibliche Genitalverstümmlung anbelangt. Eine genauere Analyse Schmidt-Salomons zeigt aber, dass der Zusammenhang problematischer ist.

Legalisierung der Knabenbeschneidung erschwert den Kampf gegen weibliche Beschneidung.

Weibliche Beschneidung ist abzulehnen. Spricht man von einer weiblichen Beschneidung, so meint man in der Regel die sogenannte Genitalverstümmelung. Allerdings, so Schimdt-Salomon, gibt es schwächere Formen der weiblichen Beschneidung des sogenannten Typs 1a bei dem nur die Klitorisvorhaut entfernt werde und dies sei mit einer Knabenbeschneidung vergleichbar. Dennoch ist es wichtig jegliche weibliche Form der Beschneidung zu verbieten, um besser gegen Genitalverstümmelung vorgehen zu können. Da es ferner in jedem Land, indem es die weibliche Beschneidung gibt auch Knabenbeschneidungen vorkommen, ist es folgerichtig die Knabenbeschneidung zu verbieten, um einfacher für ein Verbot für die weibliche Beschneidung argumentieren zu können. Ansonsten könnten sich Befürworter der weiblichen Beschneidung immer auf deren schwächere Form und auf die Existenz der Knabenbeschneidung berufen.

Schlussbemerkungen

Ich hoffe, dass die vorgebrachten Argumente zu einer rationalen Meinungsbildung beitragen und einen antisemitischen und antimuslimischen „Vulgärrationalismus“ (Joachim Gauck) zu vermeiden helfen. Insofern komme ich mit diesem Blogeintrag Gaucks Aufforderung nach: „eine säkulare Gesellschaft müsse Debatten über den Platz der Religion, über Religionsfreiheit und über religiöse Bräuche führen“ (vgl. SPON).

Am 24. März 2012 fand in der Goethe-Universität Frankfurt am Main die Jahrestagung der Gesellschaft für Bildung und Wissen zum Thema „Irrwege der Unterrichtsreform“ statt.

Auf der Tagung stellten Referenten aus der Schulpraxis und der Wissenschaft theoretische Analysen, empirische Forschungsergebnisse und Erfahrungsberichte zu den Auswirkungen der Kompetenzorientierung und der Bildungsstandards auf die Unterrichtspraxis vor. Die Kernthesen der Vorträge gebe ich hier, basierend auf meiner Mitschrift, zusammengefasst wieder:

Prof. Dr. Horst Rumpf verglich das Lernen der Schüler und Schülerinnen mit einem Hürdenlauf: Wettkampf, Messbarkeit, Steuerbarkeit und Vergleichbarkeit mit standardisierten Hindernissen die in einer vorgegebenen Zeit zu bewältigen sind. Diese führen zu vorgezeichneten Lernwegen, die es in Wettkampfsituationen zu bewältigen gilt. Um in Wettkampfsituationen Vergleichbarkeit zu gewährleisten, werden Aufgaben operationalisiert. Dabei gerät in Gefahr, dass alles was nicht gemessen werden kann für den Unterricht keinen Wert mehr hat (script).

Auch OStD. Dr. Hinrich Lühmann kritisierte diese einseitige Funktionalisierung der Unterrichtsinhalte in seinem Vortrag „Zur Handhabbarkeit von Bildung – Output-Phantasien“. Er stellte heraus, dass PISA ein funktionaler Bildungsbegriff zu Grunde liegt, welcher einseitig nützliches Alltagswissen fokussiert. Dies hat nach ihm die Konsequenz, dass Gegenstände nicht wegen ihrer inneren Problematik, d.i. ihrem Sinn, sondern wegen ihrer Pragmatik zum Erwerb funktionaler Kompetenzen behandelt werden.

Nach diesen theoretischen Analysen gab Dr. Claudia Schadt-Kraemer einen Einblick in die Schulpraxis und zeigte exemplarisch an Schülerleistungen auf, dass Kompetenzen einzelner Schüler und Schülerinnen durch Lernstanderhebungen nicht genau erfasst werden können. Ferner  stellte sie heraus, dass es Lernstandserhebungen nicht um ein individual diagnostisches Ergebnis gehe, sondern um Schulvergleiche.

Prof. Dr. Thomas Jahnke (Fachdidaktik Mathematik Universität Potsdam) und Prof. Dr. Hans Peter Klein (Didaktik der Biowissenschaften, Goethe Universität Frankfurt am Main) präsentierten zwei empirische Studien, die belegten dass das Leistungsniveau durch Kompetenzorientierung gesenkt wird. Empirisch haben sie belegt, dass Schüler und Schülerinnen einer 9. Klasse eine kompetenzorientierte Biologie LK Klausur bestehen konnten, ohne je in Biologie unterrichtet worden zu sein. Vergleichsweise konnten 11er Schüler und Schülerinnen eine kompetenzorientierte Mathematik LK Klausur bestehen, ohne die nötigen Rechenoperationen der Analysis zu kennen (vgl. FAZ Artikel).

In seinem pointierten Vortrag „Über den Mythos der Wissensgesellschaft“ erörterte Prof. Dr. Konrad Liessmann die Bedeutung von Wissen, Erkenntnis und Bildung und wies nach, dass die Redeweise von einer Wissensgesellschaft unangemessen ist (script).

Daran anschließend analysierte Prof. Dr. Lutz Koch das Verhältnis von Wissen und Kompetenz und kam zu dem Schluss, dass Kompetenzen zwar Wissen benötigen, aber dieses Wissen austauschbar sei und an einem psychologisch-konstruktivistischem Wissensbegriff genügt. Dieser aber widerspricht einem objektiven philosophischem Wissensbegriff, der Wissen als Selbstzweck definiert.

Anschließend erörterte Prof. Dr. Christian Rittelmeyer in seinem Vortrag „Schule – Lehranstalt oder Bildungslandschaft“ das ästhetische Bildung nicht in einem auf Kenntnisse und Fertigkeiten reduziertem Unterricht stattfinden könne (script).

Den Abschlussvortrag hielt der empirische Bildungsforscher und Präsident der Gesellschaft für Bildung und Wissen Prof. Dr. Andreas Gruschka mit „Strategien zur Vermeidung des Lehrens und Lernens: der neue Methodenwahn.“ Kritisch wand er sich gegen das Methodentraining von Heinz Klippert, welches in Lehrerforbildungen und im Unterricht, den er beobachtet hatte, als Selbstzweck eingesetzt wird anstatt als Mittel zum Ziel der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand zu dienen. Als Resümee der Tagung stellte Gruschka noch einmal heraus, dass es nicht darum gehe den Erwerb von Kompetenzen und Methoden im Unterricht abzulehnen, sondern das Kompetenzen, Wissen und Bildung in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen seien (script).

Ausführliche Skripte zu den einzelnen Tagungsbeiträgen kann man auf der Homepage der Gesellschaft für Bildung und Wissen herunterladen: www.bildung-wissen.eu