Archiv für die Kategorie ‘G8 – Schulzeitverkürzung’

Seit einiger Zeit findet eine Reform unseres Bildungswesens statt hinsichtlich marktrationaler Kriterien, welche von kritischen Stimmen aus der Pädagogik als Ökonomisierung der Bildung bezeichnet wird. Hierbei stehen Effizienz und Effektivität als messbare Kategorien im Forderung – Persönlichkeitsbildung, weil eben nicht messbar, droht dabei vernachlässigt zu werden. Ich beschränke mich hier auf den schulischen Bereich und spare die Hochschule aus.

Als sichtbarste Veränderungen von Schule können genannt werden: Vergleichsstudien, welche mittels kompetenzformulierten Bildungsstandards das Bildungssystem evaluieren sollen, sowie die Verkürzung der Schulzeit wodurch die Schülerinnen und Schüler schneller auf den Arbeitsmarkt kommen und der Einfluss von Unternehmen durch Schulsponsoring. Hinsichtlich dieser Kriterien habe ich die Wahlprogramme zur NRW Wahl der „größeren“ Parteien durchsucht und deren Positionen aufgelistet. So kann man sich ein Bild davon machen, wie die einzelnen Parteien zur Ökonomisierung der Bildung stehen. Zu einer einführenden kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema der Ökonomisierung der Bildung empfehle ich die Arbeiten von Jochen Krautz: Bildung als Anpassung und Wa(h)re Bildung.

Es folgt ein Vergleich der Wahlversprechen der „größeren“ Parteien bezüglich der NRW Wahl basierend auf deren Wahlprogrammen.

Wie stehen die Parteien zu dem Steuerungsinstrumenten Zentralabitur (und oder anderen Vergleichsarbeiten) und kompetenzorientierten Bildungsstandards?

CDU: Keine Stellungnahme

Die Grünen:

„So, wie das Zentralabitur gestaltet ist, ist es zu einer Engführung der Lerninhalte gekommen. In den Schulen herrscht das „Lernen für den Test“ vor. Um diesen negativen Trends entgegenzuwirken, wollen wir weniger zentrale Aufgaben in den Abiturprüfungen. Außerdem müssen die Fachlehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler aus einem größeren Pool kompetenzorientierter, gleichwertiger Aufgaben auswählen können. “

Die Linke:

„Die Kommerzialisierung und Privatisierung schreitet auch im Schulsystem immer weiter voran. Die Vergleichsarbeiten (VERA) in der Grundschule, die Lernstandserhebungen (LSE) in der achten Klasse, zentrale Prüfungen in der Klasse 10 und das Zentralabitur sind nur einige Bausteine, mit denen die schwarz-gelbe Landesregierung das Bildungssystem den Wirtschaftsinteressen angepasst hat.“

„Der Fokussierung der Schulen auf rein abfragbares Wissen, wie es PISA, die Lernstandserhebungen und zentrale Prüfungen tun, wollen wir entgegenwirken.“

„Zunehmend dreht sich die Diskussion seit geraumer Zeit um Preis und Leistung und Verwertbarkeit von Bildung statt einer pädagogischen Debatte über die Entwicklungschancen von Kindern. Der Mensch wird dabei nicht gebildet, sondern seine Kompetenzen werden für globale Märkte optimiert. “

FDP: Keine Stellungnahme.

SPD: Keine Stellungnahme.

Piratenpartei: Keine Stellungnahme

Wie viele der auf diesem Blog versammelten Artikel belegen, gibt es keine pädagogischen Gründe für die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G8) sondern nur wirtschaftliche, somit kann G8 als ein Mittel gesehen werden, um Schule unter das Diktat der Ökonomie zu stellen und auf mehr Output Effizienz = Anzahl der SchülerInnen pro Zeit auszurichten. Was sagen die einzelnen Wahlprogramme dazu?

CDU: Keine Stellungnahme zu G8.

Die Grünen:
„Der zwölfjährige Weg zum Abitur kann der Regelfall sein, die Schulen sollen aber in Abstimmung mit den Eltern und der Kommune entscheiden können, ob sie die Schülerinnen und Schüler erst nach 13 Jahren zum Abitur führen.“

Die Linke:
„DIE LINKE NRW lehnt die Schulzeitverkürzung in Form des achtjährigen Gymnasiums (G8), die jetzt von CDU/SPD/FDP/GRÜNEN gemeinsam getragen wird, ab.“

FDP: Keine Stellungnahme.

SPD: Keine Stellungnahme.

Piratenpartei:
„Ein flexibles Kurssystem löst zahlreiche Probleme des existierenden Klassensystems. Mangelhafte Leistungen in einer bestimmten Zahl von Fächern haben nicht mehr die Wiederholung der ganzen Klasse zur Folge, sondern lediglich die Wiederholung der mangelhaft abgeschlossenen Kurse. Umgekehrt werden besonders leistungsfähige Schüler nicht mehr unterfordert oder zum Überspringen einer ganzen Klasse gezwungen, sondern können Kurse wählen, die ihrer Leistungsfähigkeit entsprechen. Der Übergang in die Sekundarstufe II erfolgt fließend, sobald die entsprechende Zahl von Kursen der Sekunderstufe I erfolgreich abgeschlossen wurde. Damit wird auch die Problematik von G9 und G8 vermieden. Wenn mehrere Kurse derselben Leistungsstufe angeboten werden und der Schüler den Kurs und damit auch den Lehrer frei wählen kann, werden überdies viele Probleme vermieden, die daraus entstehen, dass die Schüler keinen Einfluss darauf haben, welche Lehrkraft sie unterrichtet.“

Wie stehen die Parteien zu Schulsponsoring?

CDU: Keine Stellungnahme

Die Grünen:  Keine Stellungnahme

Die Linke:  „Wirtschaftsinteressen und Schulsponsoring haben in Bildungseinrichtungen nichts zu suchen.“

FDP: Keine Stellungnahme.

SPD: Keine Stellungnahme.

Piratenpartei: Keine Stellungnahme

Anmerkung: Sollte ich etwas vergessen haben: Bitte melden! Es würde dann ergänzt werden.

Quellen: CDU, Die Grünen und „update2012“, Die Linke, FDP, SPDPiratenpartei,

 

 

(ARD, 14. Februar 2010, 21.00 Uhr)

Eine Suche nach Thesen und Gründen für und gegen G8. Zunächst eine Elterninfo des Schulministeriums NRW. Weiter geht es mit einem sehr emotionalen und schönen Brief, dessen sachlichen Gehalt ich zusammengefasst habe:

Liebe Marie,

Warum müssen Fünftklässler sonntags büffeln statt Freunde zu treffen? Weshalb dieser Unsinn? Henning Sußebach versucht, es seiner Tochter in einem Brief zu erklären.

Quelle: Zeit-Online, Kommentar: GBW

Zusammenfassung: Henning Sußebach führt ökonomische Gründe für die Schulzeitverkürzung des Gymnasiums von 9 auf 8 Jahre an, welche sich jeglicher pädagogischer Legitimation entziehen, da sie schädliche Folgen für die Persönlichkeit und Gesundheit der Kinder haben.

Aus Angst im globalen, ökonomischen Wettbewerb zu verlieren, sollen Kinder schneller lernen. Um auf das (angebliche) Demographieproblem zu reagieren, müssen Kinder früher Geld verdienen, damit schneller mehr Geld in die Rentenkassen fließen kann. Die Schulzeitverkürzung ist ferner eine Empfehlung der Finanzminister, nicht der Kultusminister gewesen, denn ein Gymnasiast kostet 5000 € im Jahr. Aus diesen Gründen haben Kinder nun eine 40-Stunden Woche ohne Zeit mit Freunden zu spielen oder Hobbys nachzugehen. Kinder haben also viel weniger Zeit zur freien Persönlichkeitsentwicklung durch zweckfreies Spielen. Stattdessen leiden sie unter Stressbedingten Kopfschmerzen (Studie der Krankenkasse DAK). Psychologen und Ärzte diagnostizieren Burn-Out Syndrome (Erschöpfungszustände, Traurigkeit, Angst, Schlafstörungen, Depressionen) nicht mehr nur bei Managern sondern nun auch bei Kindern. Eltern finanzieren private Nachhilfeschulen, weil der Staat Geld bei öffentlichen Schulen einspaart, was die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert. Der Pädagoge Andreas Gruschka kritisiert, dass Kinder weniger Zeit haben das Gelernte zu verstehen und sich eine eigene Meinung zu bilden, durch G8 werden Kinder so zu kritiklosen Menschen erzogen, die nur in ökonomisch relevanten Kompetenzen wie organisieren und präsentieren geschult sind. Klassenarbeiten dienen nicht als Diagnose- sondern als Selektionsinstrument. Jugendliche müssen nach dem Turbo-Abi mit 17 über die Richtung ihres Lebens entscheiden ohne zuvor Zeit gehabt zu haben sich Gedanken zu machen, sich auszuprobieren. Der Eintritt ins Berufsleben wird zwar früher, doch welche Persönlichkeiten mit welchen Lebenserfahrungen unterrichten dann nach einer ebenfalls verkürzten BAMA – Studienzeit unsere Kinder, behandeln Kranke, managen Unternehmen?

Schulabgänger neigen zu konservativer Berufswahl
Jugendliche sind in der Krise besonders verunsichert. Experten raten zu Berufen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

[…] Benjamin Frank Hilbert möchte bald ein Lehramtsstudium in Berlin aufnehmen. Mathematik und Sozialkunde. „Das finde ich interessant und es ist halbwegs sicher“, sagt der 19-Jährige. Wo würde denn seine Leidenschaft liegen? Hilbert zuckt mit den Achseln. „Schon da, irgendwie“, sagt er. Ach so. Seine Wahl ist vor allem vernünftig.
Quelle: Zeit-Online

Kommentar: Der letzte Abschnitt spiegelt die Persönlichkeit der PISA-Generation wieder. Jochen Krautzs  Charakterisierung einer ökonomisierten, kompetenzorientierten Bildung als Anpassung statt einer humanistischen, widerständigen Bildung als kritische Auseinandersetzung mit sich und der Welt, wird hier in der Haltung des Abiturienten Benjamin Frank Hilbert ausgedrückt.

„Die Zeit zum Üben und Vertiefen fehlt völlig“
Die Mathekenntnisse vieler Studenten reichen nicht. Jetzt macht sich auch noch die kürzere Schulzeit bemerkbar. Der Mathematikprofessort Jürg Kramer erklärt im Interview, wo die Defizite liegen.

Quelle: FAZ

Kommentar: Wurde in „Liebe Marie…“ ökonomische Gründe für G8 angeführt, z.B. dass Schülerinnen und Schüler in kürzerer Zeit Arbeitsmarkt relevante Fertigkeiten und Fähigkeiten (Selbstorganisation, Selbsteinschätzung, Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen und Konzentrationsfähigkeit) erlernen, kritisiert dieser Artikel, dass für den Erwerb dieser Fertigkeiten durch die Schulzeitverkürzung keine Zeit mehr bleibt. Auch fachliche Inhalte und Kompetenzen können nicht mehr in dem Ausmaße erworben werden, als dass das Gymnasium seinen wissenschaftspropädeutischen Anspruch aufrechterhalten könnte.

Ferner spricht Kramer sich für eine G8 Reform nach Schweizer Vorbild aus, was schlankere Stundenpläne, weniger Lehrplanvorgaben und Ein-Fach-Lehrer bedeutet. Ferner sieht er keinen Unterschied zwischen einem Mathematiker und einem Mathematik – Lehrer. Diese Vorschläge scheinen sinnvoll für eine ökonomische Ausrichtung der Schule, allerdings widersprechen sie einer allgemeinen Bildung. Interdisziplinärer Unterricht und eine allgemeine Bildung wird dadurch befördert, wenn LehrerInnen möglichst wenig spezialisiert sind. Ferner ist man noch lange kein guter Lehrer, nur weil man Mathematik studiert hat. Insofern ist eine Differenzierung zwischen Mathematikern und Lehrern die Freude an der Mathematik haben gerechtfertigt. Schließlich sollte Schule Schülern und Schülerinnen Raum zur individuellen Entfaltung geben, dies braucht aber Vielfalt und eben nicht G8-freundliche schlanke Stundenpläne sondern Ruhe, Zeit und Muße.

Alles halb so schlimm
Leserin Justine Marienfeldt kommt aus Sachsen und hat ihr Abitur nach zwölf Jahren gemacht. Ohne Anstrengung, schreibt sie.
Quelle: Zeit-Online

Kommentar: Abgesehen von subjektiven Befindlichkeiten liefert der Artikel leider keine Gründe pro oder contra G8. Die Autorin gesteht aber auch ein, dass dies für sie nicht möglich ist, denn: „Die Diskussionen über G8 oder G9 waren für uns schwer nachzuvollziehen, weil wir nichts anderes kannten als unser Modell.“ (ebd.)

„Turbo-Abitur“Lehrer und Eltern warnen vor Folgen der Schulzeitverkürzung
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt, durch die Ausweitung des Unterrichts in den Nachmittag seien offene Jugendarbeit sowie Vereine in Gefahr. Der Elternbund Hessen befürchtet einen verstärkten Druck nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Erwachsenen: „Eltern sind schon heute die Nachhilfelehrer der Nation, sie müssen durch das Turbo-Abitur noch mehr Hilfestellungen leisten“, sagt Landesvorsitzende Cornelia Fliege. Für den Vorsitzenden des hessischen Philologenverbandes Knud Dittmann könnten sinkende Abiturientenzahlen, Leistungsverlust sowie eine stärkere Selektion die Folgen des Turbo-Abiturs sein.
Quelle: Faz

Kommentar: Der Artikel führt im wesentlichen die gleichen Kritikpunkte an G8 wie „Liebe Marie…“ an. Ist aber nicht so ausführlich.

G8-Reform Erfahrungen lassen schlimmes befürchten
Mit Einführung des achtjährigen Gymnasiums hätten sowohl die psychische wie auch die physische Belastung der Schüler zugenommen. Für Lehrer bedeute G8 ebenfalls erhebliche Mehrarbeit. „Konkret haben sich die Anwesenheitszeiten in der Schule ausgeweitet, weil der Nachmittagsunterricht zur Regel wird.“ Quelle: Stern

Kommentar: Dieser Artikel führt neben bereits genannten Punkten auch die höherer Belastung der LehrerInnen auf.