Archiv für die Kategorie ‘PISA’

PISA ist schädlich für die Bildung, nicht nur für das pisageschockte Deutschland sondern weltweit. Diese These wird in einem offenen Brief von Heinz-Dieter Meyer (Staat Univerity of New York) et al. an Andreas Schleicher (PISA Koordinator, OECD) vertreten.

Kritisiert werden u.a. der nicht demokratisch legitimierte Einfluss der OECD via PISA auf die Bildungspolitik und -Praxis, die zunehmend zu einem Teaching To The Test zu verkommen und alles nicht messbare zu vergessen droht. Meyer et al. fordern nicht die Abschaffung von PISA sondern ein Jahr Pause, damit das Bildungssystem zur Ruhe kommen kann, um in Ruhe über Verbesserungen nachzudenken ohne reflexartig auf Rankingslisten zu reagieren.

Diese konstruktive Kritik hat ein breites Medienecho gefunden (u.a. Guardian, FAZ) und auch der Bildungsjournalist Christian Füller, der PISA Kritik von Pädagogen der GEW als “menschenverachtend” (vgl. Kommentar Füller)  und einige pisakritische Pädagogen als „Bildungsschwafelprofessoren“ auswies, führte diesmal ein faires Interview mit Meyer (SPON), der letztendlich im Kern die gleiche Kritik äußert wie sie seit Jahren von Pädagogen vertreten wird.

Vielleicht entsteht nun hoffentlich endlich eine kritische öffentliche Wahrnehmung bezüglich der Testideologie, die ja nicht nur auf PISA beschränkt ist, sondern auch in Form des bertelmannschen CHE Hochschulrankings durch Wettbewerb universitäre Lehre und Forschung verzerrt und steuert.

Aber man kann die Kritik noch verschärfen. So befürchtet Meyerhöfer (Mathematikdidaktik, Universität Paderborn), dass die OECD wissen wird wie man Kritik managed und für sich zu gebrauchen. Sei es durch Change Management oder Soft Gouvernance. Deswegen fordert Meyerhöfer eine Abschaffung von PISA.

Andreas Schleicher reagierte sodann auf den offenen Brief Meyers. Die Bewertung der vorgebrachten Argumente steht noch aus.

Ob konstruktive Kritik oder Abschaffung – die Diskussion bewegt sich in eine gute Richtung, in der Kritik gehört und hoffentlich auch ernstgenommen wird.

Unterschreiben kann man den offenen Brief Meyers auf der Seite der GBW.

 

Natürlich kann man versuchen besser zu werden. In einem Wettbewerb zu verlieren oder nicht zu den Besten zu gehören, kann dazu motivieren sich mehr anzustrengen. Das dies bezüglich PISA erfolgreich gelingt hat „Bildungs“-forscher Eckhard Klieme gezeigt (Zeit Online). Wenn man allerdings in einem Wettbewerb besser wird, dann weil man sich den Regeln des Wettbewerbs fügt. Nach Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer bedeutet dies bezüglich PISA, dass man einer „Menschenmesserideologie“ folgt und Schüler*Innen zu „kognitiven Mastschweinen“ werden (Telepolis). Bevor man sich auf einen Wettbewerb einlässt, sollte man die Regeln und den Sinn des Wettbewerbes hinterfragen. Manchmal ist es besser nicht besser zu werden.

Seit einiger Zeit findet eine Reform unseres Bildungswesens statt hinsichtlich marktrationaler Kriterien, welche von kritischen Stimmen aus der Pädagogik als Ökonomisierung der Bildung bezeichnet wird. Hierbei stehen Effizienz und Effektivität als messbare Kategorien im Forderung – Persönlichkeitsbildung, weil eben nicht messbar, droht dabei vernachlässigt zu werden. Ich beschränke mich hier auf den schulischen Bereich und spare die Hochschule aus.

Als sichtbarste Veränderungen von Schule können genannt werden: Vergleichsstudien, welche mittels kompetenzformulierten Bildungsstandards das Bildungssystem evaluieren sollen, sowie die Verkürzung der Schulzeit wodurch die Schülerinnen und Schüler schneller auf den Arbeitsmarkt kommen und der Einfluss von Unternehmen durch Schulsponsoring. Hinsichtlich dieser Kriterien habe ich die Wahlprogramme zur NRW Wahl der „größeren“ Parteien durchsucht und deren Positionen aufgelistet. So kann man sich ein Bild davon machen, wie die einzelnen Parteien zur Ökonomisierung der Bildung stehen. Zu einer einführenden kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema der Ökonomisierung der Bildung empfehle ich die Arbeiten von Jochen Krautz: Bildung als Anpassung und Wa(h)re Bildung.

Es folgt ein Vergleich der Wahlversprechen der „größeren“ Parteien bezüglich der NRW Wahl basierend auf deren Wahlprogrammen.

Wie stehen die Parteien zu dem Steuerungsinstrumenten Zentralabitur (und oder anderen Vergleichsarbeiten) und kompetenzorientierten Bildungsstandards?

CDU: Keine Stellungnahme

Die Grünen:

„So, wie das Zentralabitur gestaltet ist, ist es zu einer Engführung der Lerninhalte gekommen. In den Schulen herrscht das „Lernen für den Test“ vor. Um diesen negativen Trends entgegenzuwirken, wollen wir weniger zentrale Aufgaben in den Abiturprüfungen. Außerdem müssen die Fachlehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler aus einem größeren Pool kompetenzorientierter, gleichwertiger Aufgaben auswählen können. “

Die Linke:

„Die Kommerzialisierung und Privatisierung schreitet auch im Schulsystem immer weiter voran. Die Vergleichsarbeiten (VERA) in der Grundschule, die Lernstandserhebungen (LSE) in der achten Klasse, zentrale Prüfungen in der Klasse 10 und das Zentralabitur sind nur einige Bausteine, mit denen die schwarz-gelbe Landesregierung das Bildungssystem den Wirtschaftsinteressen angepasst hat.“

„Der Fokussierung der Schulen auf rein abfragbares Wissen, wie es PISA, die Lernstandserhebungen und zentrale Prüfungen tun, wollen wir entgegenwirken.“

„Zunehmend dreht sich die Diskussion seit geraumer Zeit um Preis und Leistung und Verwertbarkeit von Bildung statt einer pädagogischen Debatte über die Entwicklungschancen von Kindern. Der Mensch wird dabei nicht gebildet, sondern seine Kompetenzen werden für globale Märkte optimiert. “

FDP: Keine Stellungnahme.

SPD: Keine Stellungnahme.

Piratenpartei: Keine Stellungnahme

Wie viele der auf diesem Blog versammelten Artikel belegen, gibt es keine pädagogischen Gründe für die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G8) sondern nur wirtschaftliche, somit kann G8 als ein Mittel gesehen werden, um Schule unter das Diktat der Ökonomie zu stellen und auf mehr Output Effizienz = Anzahl der SchülerInnen pro Zeit auszurichten. Was sagen die einzelnen Wahlprogramme dazu?

CDU: Keine Stellungnahme zu G8.

Die Grünen:
„Der zwölfjährige Weg zum Abitur kann der Regelfall sein, die Schulen sollen aber in Abstimmung mit den Eltern und der Kommune entscheiden können, ob sie die Schülerinnen und Schüler erst nach 13 Jahren zum Abitur führen.“

Die Linke:
„DIE LINKE NRW lehnt die Schulzeitverkürzung in Form des achtjährigen Gymnasiums (G8), die jetzt von CDU/SPD/FDP/GRÜNEN gemeinsam getragen wird, ab.“

FDP: Keine Stellungnahme.

SPD: Keine Stellungnahme.

Piratenpartei:
„Ein flexibles Kurssystem löst zahlreiche Probleme des existierenden Klassensystems. Mangelhafte Leistungen in einer bestimmten Zahl von Fächern haben nicht mehr die Wiederholung der ganzen Klasse zur Folge, sondern lediglich die Wiederholung der mangelhaft abgeschlossenen Kurse. Umgekehrt werden besonders leistungsfähige Schüler nicht mehr unterfordert oder zum Überspringen einer ganzen Klasse gezwungen, sondern können Kurse wählen, die ihrer Leistungsfähigkeit entsprechen. Der Übergang in die Sekundarstufe II erfolgt fließend, sobald die entsprechende Zahl von Kursen der Sekunderstufe I erfolgreich abgeschlossen wurde. Damit wird auch die Problematik von G9 und G8 vermieden. Wenn mehrere Kurse derselben Leistungsstufe angeboten werden und der Schüler den Kurs und damit auch den Lehrer frei wählen kann, werden überdies viele Probleme vermieden, die daraus entstehen, dass die Schüler keinen Einfluss darauf haben, welche Lehrkraft sie unterrichtet.“

Wie stehen die Parteien zu Schulsponsoring?

CDU: Keine Stellungnahme

Die Grünen:  Keine Stellungnahme

Die Linke:  „Wirtschaftsinteressen und Schulsponsoring haben in Bildungseinrichtungen nichts zu suchen.“

FDP: Keine Stellungnahme.

SPD: Keine Stellungnahme.

Piratenpartei: Keine Stellungnahme

Anmerkung: Sollte ich etwas vergessen haben: Bitte melden! Es würde dann ergänzt werden.

Quellen: CDU, Die Grünen und „update2012“, Die Linke, FDP, SPDPiratenpartei,