Mit ‘Pädagogik’ getaggte Beiträge

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Die maßgeblich von der OECD beeinflusste Kompetenzorientierung nach Weinert (2001) und Klieme et al. (2009) gilt inzwischen auch in der Philosophiedidaktik als Paradigma. Wegen ihrer hohen Anfangsplausibilität blieb sie weitestgehend unwidersprochen, denn sie scheint nach Rösch (2009) und Tiedemann (2014) genau das zu meinen, was Anliegen philosophischer Bildung ist: eine Orientierung im Denken. Gegen diese Position vertrete ich die These, dass Kompetenzorientierung Philosophieren verhindert. Zur Stützung dieser These wird erstens eine bildungsphilosophische Argumentation entfaltet und zweitens werden Konsequenzen für die Unterrichtspraxis aufgezeigt.

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In der Schule sollen Jugendliche zur Selbständigkeit erzogen werden – auch beim Lernen. Es macht aber einen großen Unterschied, ob Schüler selbstgesteuert oder autonom lernen. Was wie Wortklauberei klingt, ist in Wahrheit die Wahl zwischen zwei Lernkulturen. Weiterlesen auf Bildungslücken (Gastartikel) 

Im Referendariat wurde uns beigebracht, dass eine hohe Schüleraktivität wichtig sei. Diese kann erreicht werden durch Sozialformwechsel (etwa: Lehrerimpulsvortrag zu Partnerarbeit zu Gruppenarbeit) und Handlungsorientierung: Schüler und Schülerinnen sollten selbst etwas tun und nicht nur zuhören. Manchmal zitierte man in diesem Kontext mehr oder weniger passend: „Lernen mit Kopf, Hand und Herz.“ Alles eingebettet durch gutes Claasroom Management. Unter letzterem pädagogisch fremdwirkenden Begriff verstand ich damals noch wohlwollend bis ironisch gut vorbereitete und schon vor Stundenbeginn ausgeteilte Arbeitsblätter und Folien, zu wissen wo die Kreide liegt und eine tickende Uhr an der Wand. Das man Claasroom Management aber auch anders verstehen kann, im Sinne des „Whole Brain Teaching“ wurde mir bei Betrachtung folgenden Videos bewusst, welches ich mit zunehmenden Unbehagen betrachtet habe. Ist das noch Pädagogik im Sinne des Kindes oder Gehirnwäsche (Kopf), Verhaltensabrichtung (Hand) mit evozierten Emotionen (Herz)? Dabei sind doch alle oben genannten Kriterien des sogenannten „guten Unterrichts“ erfüllt …

Am 24. März 2012 fand in der Goethe-Universität Frankfurt am Main die Jahrestagung der Gesellschaft für Bildung und Wissen zum Thema „Irrwege der Unterrichtsreform“ statt.

Auf der Tagung stellten Referenten aus der Schulpraxis und der Wissenschaft theoretische Analysen, empirische Forschungsergebnisse und Erfahrungsberichte zu den Auswirkungen der Kompetenzorientierung und der Bildungsstandards auf die Unterrichtspraxis vor. Die Kernthesen der Vorträge gebe ich hier, basierend auf meiner Mitschrift, zusammengefasst wieder:

Prof. Dr. Horst Rumpf verglich das Lernen der Schüler und Schülerinnen mit einem Hürdenlauf: Wettkampf, Messbarkeit, Steuerbarkeit und Vergleichbarkeit mit standardisierten Hindernissen die in einer vorgegebenen Zeit zu bewältigen sind. Diese führen zu vorgezeichneten Lernwegen, die es in Wettkampfsituationen zu bewältigen gilt. Um in Wettkampfsituationen Vergleichbarkeit zu gewährleisten, werden Aufgaben operationalisiert. Dabei gerät in Gefahr, dass alles was nicht gemessen werden kann für den Unterricht keinen Wert mehr hat (script).

Auch OStD. Dr. Hinrich Lühmann kritisierte diese einseitige Funktionalisierung der Unterrichtsinhalte in seinem Vortrag „Zur Handhabbarkeit von Bildung – Output-Phantasien“. Er stellte heraus, dass PISA ein funktionaler Bildungsbegriff zu Grunde liegt, welcher einseitig nützliches Alltagswissen fokussiert. Dies hat nach ihm die Konsequenz, dass Gegenstände nicht wegen ihrer inneren Problematik, d.i. ihrem Sinn, sondern wegen ihrer Pragmatik zum Erwerb funktionaler Kompetenzen behandelt werden.

Nach diesen theoretischen Analysen gab Dr. Claudia Schadt-Kraemer einen Einblick in die Schulpraxis und zeigte exemplarisch an Schülerleistungen auf, dass Kompetenzen einzelner Schüler und Schülerinnen durch Lernstanderhebungen nicht genau erfasst werden können. Ferner  stellte sie heraus, dass es Lernstandserhebungen nicht um ein individual diagnostisches Ergebnis gehe, sondern um Schulvergleiche.

Prof. Dr. Thomas Jahnke (Fachdidaktik Mathematik Universität Potsdam) und Prof. Dr. Hans Peter Klein (Didaktik der Biowissenschaften, Goethe Universität Frankfurt am Main) präsentierten zwei empirische Studien, die belegten dass das Leistungsniveau durch Kompetenzorientierung gesenkt wird. Empirisch haben sie belegt, dass Schüler und Schülerinnen einer 9. Klasse eine kompetenzorientierte Biologie LK Klausur bestehen konnten, ohne je in Biologie unterrichtet worden zu sein. Vergleichsweise konnten 11er Schüler und Schülerinnen eine kompetenzorientierte Mathematik LK Klausur bestehen, ohne die nötigen Rechenoperationen der Analysis zu kennen (vgl. FAZ Artikel).

In seinem pointierten Vortrag „Über den Mythos der Wissensgesellschaft“ erörterte Prof. Dr. Konrad Liessmann die Bedeutung von Wissen, Erkenntnis und Bildung und wies nach, dass die Redeweise von einer Wissensgesellschaft unangemessen ist (script).

Daran anschließend analysierte Prof. Dr. Lutz Koch das Verhältnis von Wissen und Kompetenz und kam zu dem Schluss, dass Kompetenzen zwar Wissen benötigen, aber dieses Wissen austauschbar sei und an einem psychologisch-konstruktivistischem Wissensbegriff genügt. Dieser aber widerspricht einem objektiven philosophischem Wissensbegriff, der Wissen als Selbstzweck definiert.

Anschließend erörterte Prof. Dr. Christian Rittelmeyer in seinem Vortrag „Schule – Lehranstalt oder Bildungslandschaft“ das ästhetische Bildung nicht in einem auf Kenntnisse und Fertigkeiten reduziertem Unterricht stattfinden könne (script).

Den Abschlussvortrag hielt der empirische Bildungsforscher und Präsident der Gesellschaft für Bildung und Wissen Prof. Dr. Andreas Gruschka mit „Strategien zur Vermeidung des Lehrens und Lernens: der neue Methodenwahn.“ Kritisch wand er sich gegen das Methodentraining von Heinz Klippert, welches in Lehrerforbildungen und im Unterricht, den er beobachtet hatte, als Selbstzweck eingesetzt wird anstatt als Mittel zum Ziel der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand zu dienen. Als Resümee der Tagung stellte Gruschka noch einmal heraus, dass es nicht darum gehe den Erwerb von Kompetenzen und Methoden im Unterricht abzulehnen, sondern das Kompetenzen, Wissen und Bildung in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen seien (script).

Ausführliche Skripte zu den einzelnen Tagungsbeiträgen kann man auf der Homepage der Gesellschaft für Bildung und Wissen herunterladen: www.bildung-wissen.eu

Abitur entkernt

Veröffentlicht: November 10, 2011 von C.R. in Bildungspolitik
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Die Leistungsmessung in Schulen ist pädagogisch motiviert, wenn Noten durch ihre Rückmeldefunktion die Basis für einen beratenden Dialog zwischen Lehrern und Schülern bilden mit dem Ziel der individuellen Förderung. Auch als Berichtsfunktion an Eltern, als Anreiz zur extrinsische Motivation oder als Disziplinerungsfunktion finden Noten ihren Platz im pädagogischen Alltag. Allerdings kann man durch Leistungsdruck auch gerade die pädagogisch gewünschte intrinsische Motivation ersticken und durch einheitliche Tests wird die didaktisch gewollte individuelle Schülerorientierung vernachlässigt, da Tests kriterienorientiert sind. Ferner werden soziale- und individuelle Bezugsnormen, die man bei der Leistungsmessung auch zu berücksichtigen hätte, hier ausser Acht gelassen.

Da man als Schule aber auch gute Abschlussergebnisse erreichen will und man als Lehrer den Schülern auch kein Gefallen tut, wenn man trotz Zentralabitur die Vorbereitung auf dieses vernachlässigt, zu Gunsten eines an Schülerinteressen ausgerichteten Unterrichts. So fördern zentrale Prüfungen ein Teaching-To-The-Test. Die Noten von zentralen Prüfungen sollen bei der Vergabe von NC-Studiengänge und Ausbildungsplätzen Vergleichbarkeit ermöglichen. Somit stehen hier nicht-pädagogische Dimensionen der Berechtigungs-, Selektions- und Zuteilungsfunktionen im Vordergrund. Zudem wird der Bildungsauftrag der Schule auch ignoriert, denn die Entwicklung einer eigene Persönlichkeit, welche ihren Ausdruck in der Wahl der Abiturfächer nach individuellen Interessen finden könnte, wird durch die Fokussierung auf die Fächer Mathe, Deutsch, Englisch beschränkt. Wenn man schon im Rahmen des Kernabiturs für diese Fächer lernen muss, warum sollte man sich dem Stress aussetzen und für das reguläre Abitur andere Fächer wählen?

Sollte das vom Aktionsrat Bildung, der im Auftrag der bayrischen Wirtschaft kreativ denkt, beschlossene Kernabitur zusätzlich zu den bestehenden Abitur Prüfungen eingeführt werden, dann erhöht das noch einmal deutlich den Leistungsdruck. Schüler werden so aber vielleicht auf die BA/MA Uni vorbereitet, da sie nun auch das dort mittlerweile im Trend stehende „Bulimierlernen“ schon an der Schule erfahren, womit das Kernabitur eine wissenschaftspropädeutische Funktion hätte – im weitesten Sinne.

Wenn die mangelnde Vergleichbarkeit ein Problem für die Zuteilung zu NC-Studiengängen ist, dann könnte man doch auch – Achtung ganz naiver Vorschlag – den NC abschaffen, mehr Professoren einstellen, mehr Studienplätze finanzieren. Seit der Finanzkrise mit ihren Rettungschirmen kann doch keiner behaupten, dass dafür kein Geld mehr da sei – oder doch?

Anbei ein paar Vorschläge, um über dieses Thema nachzudenken:

Experten bereiten deutschlandweites Abi vor

Abitur ist nicht gleich Abitur – Anspruch und Bewertung klaffen je nach Bundesland gewaltig auseinander. Deshalb wollen namhafte Bildungsforscher die Reifeprüfung ausbauen, mit einem „Kernabitur“: drei Tests in Deutsch, Mathe, Englisch, jeder 90 Minuten lang, am selben Tag, deutschlandweit. Spiegel-Online

Diese Löwen wollen nur spielen

Eigentlich eine gute Idee. Der Aktionsrat Bildung schlägt ein Abitur für alle in Deutsch, Mathematik und Englisch vor. Aber keine Sorge, das wird nicht kommen. Taz

Aufruf zum Bildungsstreik am 17. November

Wir, die UnterzeichnerInnen dieses Papiers, rufen alle SchülerInnen, Studierenden, Auszubildenden, LehrerInnen, Dozierenden und alle, die sich für Bildung einsetzen wollen, zum Bildungsstreik für Solidarität und freie Bildung auf. Am und um den 17. November 2011 sollen Demos, Proteste, Besetzungen und andere Aktionen stattfinden. Wir wollen damit die Bildungspolitik verändern, Menschen politisieren und Selbstorganisation stärken. Wir stellen uns dabei in den Zusammenhang mit den Jugend- und Sozialprotesten weltweit sowie mit den „Global Weeks of Action“ vom 07. bis 20. November.
Bundesweiter Bildungsstreik

Mach mal Pause, Biber!

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[…] Das Freiburger Verwaltungsgericht vertritt in seiner nun veröffentlichen Entscheidung (Az.: 2 K 638/10) jedoch die Auffassung, dass das Grundgesetz in Artikel 7 Absatz 3 den Religionsunterricht explizit privilegiert und dadurch eine Ungleichbehandlung erlaubt. Quelle zum Weiterlesen: Peter Mühlbauer auf Telepolis 27.10.2011

Kommentar: Folgender Punkt der Urteilsbegründung ist zweifelhaft:

„Abstrakte Diskussionen über ethische Problemfelder“ wären Grundschülern nach Ansicht der Richter „nur schwer verständlich und erweisen sich daher erst ab einer höheren Altersstufe als sinnvoll“. (ebd.)

Man kann auch ethische Probleme diskutieren und problematisieren ohne abstrakte Theorien zu bemühen, wie das Fach Praktische Philosophie in NRW zeigt. Wenn man Rechnen unterrichten kann, ohne abstrakte Mathematik zu lehren, warum soll das in einem Praktischen Philosophie- oder Ethikunterricht nicht möglich sein? Gerade Praktische Philosophie und Ethik erlauben lebensnahe Diskussionen. In einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft sollten sich Kinder mit Wertfragen in der Schule auseinandersetzen können, ohne dazu die Legitimation durch religiöse Glaubenssätze zu bedürfen. Didaktische Forschung zum Philosophieren mit Kindern zeigt, dass man auch in der Grundschule die Kinder nicht überfordert, wie z.B. auch eine Studie der UNESCO bestätigt. Denn es geht hier um praktisches Philosophieren in lebensweltlichen Kontexten und nicht darum sich systematisch philosophisches Wissen anzueignen.

Kinder aus ärmeren Familien schon früh benachteiligt. Sie sind nach einer Studie mehr Stress ausgesetzt, weil die Zuwendung der Eltern geringer ist, das beeinträchtigt die kognitiven Funktionen und später die schulischen Leistungen. Quelle zum Weiterlesen: Telepolis

Kommentar: Da die Studie belegt, dass sich soziale Faktoren negativ auf den schulischen Erfolg der Kinder auswirk, ist sie ein weiterer Grund dafür, dass Kinder möglichst lange gemeinsam Lernen sollen, um soziale Benachteiligung auszugleichen. Denn wie der Eliteforscher Michael Hartmann empirisch erforscht hat, profitieren leistungsschwache Kinder im gemeinsamen Lernen mit leistungsstarken Kindern. Leistungsstarke Kinder haben ihrerseits dadurch keinen Nachteil.

 

 

(ARD, 14. Februar 2010, 21.00 Uhr)

Eine Suche nach Thesen und Gründen für und gegen G8. Zunächst eine Elterninfo des Schulministeriums NRW. Weiter geht es mit einem sehr emotionalen und schönen Brief, dessen sachlichen Gehalt ich zusammengefasst habe:

Liebe Marie,

Warum müssen Fünftklässler sonntags büffeln statt Freunde zu treffen? Weshalb dieser Unsinn? Henning Sußebach versucht, es seiner Tochter in einem Brief zu erklären.

Quelle: Zeit-Online, Kommentar: GBW

Zusammenfassung: Henning Sußebach führt ökonomische Gründe für die Schulzeitverkürzung des Gymnasiums von 9 auf 8 Jahre an, welche sich jeglicher pädagogischer Legitimation entziehen, da sie schädliche Folgen für die Persönlichkeit und Gesundheit der Kinder haben.

Aus Angst im globalen, ökonomischen Wettbewerb zu verlieren, sollen Kinder schneller lernen. Um auf das (angebliche) Demographieproblem zu reagieren, müssen Kinder früher Geld verdienen, damit schneller mehr Geld in die Rentenkassen fließen kann. Die Schulzeitverkürzung ist ferner eine Empfehlung der Finanzminister, nicht der Kultusminister gewesen, denn ein Gymnasiast kostet 5000 € im Jahr. Aus diesen Gründen haben Kinder nun eine 40-Stunden Woche ohne Zeit mit Freunden zu spielen oder Hobbys nachzugehen. Kinder haben also viel weniger Zeit zur freien Persönlichkeitsentwicklung durch zweckfreies Spielen. Stattdessen leiden sie unter Stressbedingten Kopfschmerzen (Studie der Krankenkasse DAK). Psychologen und Ärzte diagnostizieren Burn-Out Syndrome (Erschöpfungszustände, Traurigkeit, Angst, Schlafstörungen, Depressionen) nicht mehr nur bei Managern sondern nun auch bei Kindern. Eltern finanzieren private Nachhilfeschulen, weil der Staat Geld bei öffentlichen Schulen einspaart, was die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert. Der Pädagoge Andreas Gruschka kritisiert, dass Kinder weniger Zeit haben das Gelernte zu verstehen und sich eine eigene Meinung zu bilden, durch G8 werden Kinder so zu kritiklosen Menschen erzogen, die nur in ökonomisch relevanten Kompetenzen wie organisieren und präsentieren geschult sind. Klassenarbeiten dienen nicht als Diagnose- sondern als Selektionsinstrument. Jugendliche müssen nach dem Turbo-Abi mit 17 über die Richtung ihres Lebens entscheiden ohne zuvor Zeit gehabt zu haben sich Gedanken zu machen, sich auszuprobieren. Der Eintritt ins Berufsleben wird zwar früher, doch welche Persönlichkeiten mit welchen Lebenserfahrungen unterrichten dann nach einer ebenfalls verkürzten BAMA – Studienzeit unsere Kinder, behandeln Kranke, managen Unternehmen?

Schulabgänger neigen zu konservativer Berufswahl
Jugendliche sind in der Krise besonders verunsichert. Experten raten zu Berufen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

[…] Benjamin Frank Hilbert möchte bald ein Lehramtsstudium in Berlin aufnehmen. Mathematik und Sozialkunde. „Das finde ich interessant und es ist halbwegs sicher“, sagt der 19-Jährige. Wo würde denn seine Leidenschaft liegen? Hilbert zuckt mit den Achseln. „Schon da, irgendwie“, sagt er. Ach so. Seine Wahl ist vor allem vernünftig.
Quelle: Zeit-Online

Kommentar: Der letzte Abschnitt spiegelt die Persönlichkeit der PISA-Generation wieder. Jochen Krautzs  Charakterisierung einer ökonomisierten, kompetenzorientierten Bildung als Anpassung statt einer humanistischen, widerständigen Bildung als kritische Auseinandersetzung mit sich und der Welt, wird hier in der Haltung des Abiturienten Benjamin Frank Hilbert ausgedrückt.

„Die Zeit zum Üben und Vertiefen fehlt völlig“
Die Mathekenntnisse vieler Studenten reichen nicht. Jetzt macht sich auch noch die kürzere Schulzeit bemerkbar. Der Mathematikprofessort Jürg Kramer erklärt im Interview, wo die Defizite liegen.

Quelle: FAZ

Kommentar: Wurde in „Liebe Marie…“ ökonomische Gründe für G8 angeführt, z.B. dass Schülerinnen und Schüler in kürzerer Zeit Arbeitsmarkt relevante Fertigkeiten und Fähigkeiten (Selbstorganisation, Selbsteinschätzung, Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen und Konzentrationsfähigkeit) erlernen, kritisiert dieser Artikel, dass für den Erwerb dieser Fertigkeiten durch die Schulzeitverkürzung keine Zeit mehr bleibt. Auch fachliche Inhalte und Kompetenzen können nicht mehr in dem Ausmaße erworben werden, als dass das Gymnasium seinen wissenschaftspropädeutischen Anspruch aufrechterhalten könnte.

Ferner spricht Kramer sich für eine G8 Reform nach Schweizer Vorbild aus, was schlankere Stundenpläne, weniger Lehrplanvorgaben und Ein-Fach-Lehrer bedeutet. Ferner sieht er keinen Unterschied zwischen einem Mathematiker und einem Mathematik – Lehrer. Diese Vorschläge scheinen sinnvoll für eine ökonomische Ausrichtung der Schule, allerdings widersprechen sie einer allgemeinen Bildung. Interdisziplinärer Unterricht und eine allgemeine Bildung wird dadurch befördert, wenn LehrerInnen möglichst wenig spezialisiert sind. Ferner ist man noch lange kein guter Lehrer, nur weil man Mathematik studiert hat. Insofern ist eine Differenzierung zwischen Mathematikern und Lehrern die Freude an der Mathematik haben gerechtfertigt. Schließlich sollte Schule Schülern und Schülerinnen Raum zur individuellen Entfaltung geben, dies braucht aber Vielfalt und eben nicht G8-freundliche schlanke Stundenpläne sondern Ruhe, Zeit und Muße.

Alles halb so schlimm
Leserin Justine Marienfeldt kommt aus Sachsen und hat ihr Abitur nach zwölf Jahren gemacht. Ohne Anstrengung, schreibt sie.
Quelle: Zeit-Online

Kommentar: Abgesehen von subjektiven Befindlichkeiten liefert der Artikel leider keine Gründe pro oder contra G8. Die Autorin gesteht aber auch ein, dass dies für sie nicht möglich ist, denn: „Die Diskussionen über G8 oder G9 waren für uns schwer nachzuvollziehen, weil wir nichts anderes kannten als unser Modell.“ (ebd.)

„Turbo-Abitur“Lehrer und Eltern warnen vor Folgen der Schulzeitverkürzung
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt, durch die Ausweitung des Unterrichts in den Nachmittag seien offene Jugendarbeit sowie Vereine in Gefahr. Der Elternbund Hessen befürchtet einen verstärkten Druck nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Erwachsenen: „Eltern sind schon heute die Nachhilfelehrer der Nation, sie müssen durch das Turbo-Abitur noch mehr Hilfestellungen leisten“, sagt Landesvorsitzende Cornelia Fliege. Für den Vorsitzenden des hessischen Philologenverbandes Knud Dittmann könnten sinkende Abiturientenzahlen, Leistungsverlust sowie eine stärkere Selektion die Folgen des Turbo-Abiturs sein.
Quelle: Faz

Kommentar: Der Artikel führt im wesentlichen die gleichen Kritikpunkte an G8 wie „Liebe Marie…“ an. Ist aber nicht so ausführlich.

G8-Reform Erfahrungen lassen schlimmes befürchten
Mit Einführung des achtjährigen Gymnasiums hätten sowohl die psychische wie auch die physische Belastung der Schüler zugenommen. Für Lehrer bedeute G8 ebenfalls erhebliche Mehrarbeit. „Konkret haben sich die Anwesenheitszeiten in der Schule ausgeweitet, weil der Nachmittagsunterricht zur Regel wird.“ Quelle: Stern

Kommentar: Dieser Artikel führt neben bereits genannten Punkten auch die höherer Belastung der LehrerInnen auf.

Sind Studiengebühren ein notwendiges Übel um Bildungseinrichtungen zu finanzieren, oder dienen sie einer Privatisierung des Bildungssektors?

Etwas Vorkasse von den Studenten sollte schon sein. Denn die erwirtschaften mit dem Studium einen gewaltigen Status- und Einkommensvorteil. Die Kosmetikerin, der Physiotherapeut müssen selber für die Ausbildung zahlen.

Quelle zum Weiterlesen: Josef Joffe: Zeit Online

Josef Joffe, Herausgeber der Zeit, verwechselt hier Hochschulbildung mit Ausbildung. Eine Ausbildung ist so angelegt, dass man die erlernten Fertigkeiten gemäß der Ausbildung erwerbstätig einsetzt. Eine Physiotherapeutin in Ausbildung muss ihre Ausbildung nicht selbst bezahlen, wenn sie an einer staatlichen Physiotherapieschule ist. Sie behandelt während dieser Zeit Patienten, was nicht ihr, aber dem Träger der Ausbildungsschule Geld einbringt, so dass die Ausbildung über ihre Arbeit finanziert wird. In anderen Ausbildungsberufen verdient man darüberhinaus selbst Geld. Der wichtige Punkt ist hier, dass die Arbeit, welche die Ausbildung finanziert, in die Ausbildung integriert und ein wichtiger praktischer Bestandteil dieser ist.

Ein Hochschulstudium, welches wissenschaftlich ausgerichtet ist, bietet nicht die Möglichkeiten entsprechend Geld zu verdienen. Studentenjobs stehen in der Regel in keinem Zusammenhang mit dem Studium. Insofern ist der Vergleich des Studiums mit einem Ausbildungsberuf unpassend und kann nicht die Einführung von Studiengebühren rechtfertigen. Da man seine Studiengebühren nicht sinnvoll durch Arbeit gegenfinanzieren kann, nehmen viele Studenten Schulden auf, wodurch eine  Schuldenblase entsteht und es fraglich wird, wie real der von Joffe benannte Status- und Einkommensvorteil ist:

In den USA droht eine neue private Schuldenblase zu platzen: die der Studenten. Schon jetzt stecken amerikanische Studenten tiefer in den roten Zahlen als alle Kreditkarteninhaber ihres Landes zusammen. Noch dieses Jahr, so die New York Times, werden die Schulden aus Studienkrediten die bedrohliche Schwelle von einer Billion Dollar (1150 Milliarden Euro) erreichen. Zuletzt fragte der Chronicle: „Wann wird die Bildungsblase platzen?

Quelle zum Weiterlesen: fr-online