Mit ‘Philosophie’ getaggte Beiträge

854-3„Wozu brauchen wir das?!“ als ernsthafte Schüler_innen Frage irritiert sie Lehrer_innen im Philosophieunterricht. Die Frage führt scheinbar zu der paradoxen Situation, dass man sie nur befriedigend für Schüler_innen beantworten kann, sobald man hinsichtlich des fachlichen Anspruchs unaufrichtig ist.

„Wozu brauchen wir das?!“ fragt nach einem Gebrauch, einem Nutzen. Es geht um ein prozessuales Wissen-wie und nicht um propositionales Wissen-dass. Würde sich die Frage „Wozu brauche ich das?!“ auf die Methoden der Philosophie beziehen, wäre sie einfach beantwortet: Man braucht diese Methoden, um philosophische Einsichten zu generieren. Aber das scheint die Frage nicht zu meinen. Vielmehr fragt sie nach einem Nutzen jenseits des Philosophierens, einem Nutzen für den Alltag, für das berufliche Leben nach der Schulzeit. Eine zeitgemäße Antwort wäre der Verweis auf einen spezifischen oder allgemeinen Kompetenzzuwachs, jedoch droht gerade dieser Ansatz den Wert philosophischer Bildung zu verfehlen. Worin dieser Wert liegt und wie er in der pädagogischen Praxis eingelöst werden kann, diesen Fragen geht dieser Aufsatz nach.

Der Aufsatz ist jetzt hier erschienen:

Roeger, Carsten (2016): Was nützt philosophische Bildung? In:  Stephan Geuenich et. al.:  Wozu brauchen wir das? Bildungsphilosophie und pädagogische Praxis, Verlag Westfälisches Dampfboot

 

Einen Überblick vermittelt auch das Inhaltsverzeichnis.

Nun war ich innerhalb von einer Woche auf zwei philosophiediaktischen Tagungen und bin von beiden begeistert. Es hat gut getan mit vielen kritischen Kollegen streitbar aber stets sachlich zu diskutieren. Hinzukommt, dass meine beiden pädagogisch-didaktischen Schwerpunktsthemen: Die Ökonomisierung der Bildung und das Problem der Kompetenzorientierung im Philosohieunterricht auf den Tisch gekommen sind.

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Die maßgeblich von der OECD beeinflusste Kompetenzorientierung nach Weinert (2001) und Klieme et al. (2009) gilt inzwischen auch in der Philosophiedidaktik als Paradigma. Wegen ihrer hohen Anfangsplausibilität blieb sie weitestgehend unwidersprochen, denn sie scheint nach Rösch (2009) und Tiedemann (2014) genau das zu meinen, was Anliegen philosophischer Bildung ist: eine Orientierung im Denken. Gegen diese Position vertrete ich die These, dass Kompetenzorientierung Philosophieren verhindert. Zur Stützung dieser These wird erstens eine bildungsphilosophische Argumentation entfaltet und zweitens werden Konsequenzen für die Unterrichtspraxis aufgezeigt.

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Philosophisches Argumentieren

Veröffentlicht: Oktober 1, 2015 von C.R. in Gedankenrauschen
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In eigener Sache: Mein Aufsatz zum fachspezifischen Argumentieren im Philosophieunterricht ist jetzt bei Waxmann erschienen:

Abstract: Man muss gut argumentieren können, um anspruchsvoll zu philosophieren. Aber was unterscheidet philosophisches Argumentieren von Argumentationen im Deutschunterricht oder in den Naturwissenschaften? Ein Ansatz ist der Verweis auf einen fachspezifischen Gegenstand. Dieser Zugang ist aber nicht hinreichend, weil z.B. „Wissen“ nicht nur Gegenstand der Philosophie, sondern auch der Pädagogik oder Psychologie ist. Deswegen ist es nötig, hier einen weiteren Ansatz zu wählen und für die Explikation des Besonderen der philosophischen Argumentation den Charakter der Philosophie als Disziplin höherer Ordnung zu berücksichtigen. Erschienen in: A. Budke et.al. (Hrsg.), Fachlich argumentieren lernen. Didaktische Forschungen zur Argumentationin den Unterrichtsfächern, Band 7 von LehrerInnenbildung gestalten. Waxmann, Münster, 2015.

Ich nehme hiermit Stellung zu Shadi Heinrichs Stellungnahme zur phil.cologne-Veranstaltung „Retten Veganer die Welt?“ mit Peter Singer am 31.05.2015 in den Balloni Hallen mit der er einen angeblich berechtigten und notwendigen Protest gegen Peter Singer rechtfertigt, der am 31. Mail 2015 in Köln zum Thema „Retten Veganer die Welt?“ sprechen sollte (mittlerweile ist Singer von den Verantwortlichen der phil.cologne ausgeladen worden). Auf Basis dieser Stellungnahme wurde zum Protest gegen Singer unter anderem vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben (siehe ZsL_Flyer) und vom Kölner Kreisverband der Grünen aufgerufen.  Der Protest richtet sich nicht gegen Singers Vortragsthema, sondern gegen seine Person und gegen die von ihm vertretenen Thesen zur Sterbehilfe. Man fürchtete, dass Singer diese auch dann in Köln vertreten könnte, selbst wenn das Thema des Vortrags eigentlich ein ganz anderes war. Es geht hier nun nicht darum Singers Thesen zum Infantizid zu rechtfertigen oder zu widerlegen, sondern darum eine demokratische Willensbildung zu einem gesellschaftlich relevanten Thema zu unterstützen.

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Mit meinem Kommentar weise ich auf fachliche Defizite des kompetenzorientierten Lehrplanentwurfs Praktische Philosophie Grundschule NRW hin. Der Entwurf versucht zwar philosophische und humanistische Ansprüche mit dem politischen Desiderat der Kompetenzorientierung zu vereinen – und ich werte dies als ein subversives Unterlaufen der ministerialen Vorgaben und als Widerstand gegen Tendenzen der Ökonomisierung der Bildung zu Gunsten der pädagogischen Freiheit. Dieser Widerstand kann aber, so meine Einschätzung, genau dann am besten gelingen, wenn man die fachlichen Methoden und Inhalte explizit ausdifferenziert, da diese dann verhindern könnten, dass Praktische Philosophie auf ein sophistisches Denk- oder Methodentraining durch eine einseitige Kompetenzorientierung reduziert wird. Insofern stellt mein Kommentar einen Versuch dar eine interpretierte subversive Absicht des Lehrplanentwurfs durch das Desiderat der Stärkung der Fachlichkeit zu unterstützen.

Der ganze Artikel kann frei zugänglich auf pedocs abgerufen werden: Philosophie – ein Kinderspiel? Zugänge zur Philosophie in der Primarstufe. Tagungsband zur Fachtagung am 07. Dezember 2013 in Köln, S.76 ff.

Der deutsche Bundestag entschied am 12.12.2012, dass die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen legal ist (vgl. FAZ). An diesem Urteil stört mich vor allem die Schnelligkeit, mit der es beschlossen wurde. Ich hatte den Eindruck, man wolle eine öffentliche Diskussion vermeiden – obwohl gerade eine breite, sachliche Diskussion für eine solide demokratische Meinungsbildung notwendig ist. Mit dem Urteil des Bundestages ist das Thema zwar vom Tisch aber noch nicht aus der Welt. Dies zeigt sich auch an dem heute veröffentlichten Artikel auf Spiegel-Online.
Dort verweist man auf eine Meinungsumfrage zur Knabenbeschneidung. Da Meinungen aber im besten Falle mehrheitliche Interessen widerspiegeln, nicht aber eine rationale Begründung liefern, veröffentlich ich hier meine Mitschriften zu der am 06.11.2012 im Rahmen der Veranstaltungsreihe Normative Welten stattgefundenen Podiumsdiskussion zum damals noch ausstehenden Urteil zur rechtlichen Zulässigkeit der rituellen Beschneidung. Es entfaltete sich an diesem Abend eine zugleich spannende und sachliche Debatte zwischen dem Direktor des Instituts für Saatsrecht der Universität zu Köln Prof. Dr. Wolfram Höfling, der im Ethikrat für die Legalisierung von Beschneidung gestimmt hat, Prof. Dr. Reinhard Merkel Professor für Strafrecht und Rechtsphilospohie, der im Ethikrat gegen die Legalisierung von Beschneidung gestimmt hatte, sowie dem israelischen Arzt und Publizist Dr. Gil Yaron, der nach einer intensiven persönlichen Auseinandersetzung die rituelle Beschneidung befürwortet und dem Philosophen Dr. Michael Schmidt-Salomon, der Protestaktionen gegen Beschneidung organisiert.

Die bewertungsfreie Wiedergabe der folgenden Argumente ist die Aufarbeitung meiner Mitschrift während der Podiumsdiskussion und im schlechtesten Falle beinhaltet sie Missverständnisse. Die Zuschreibung der Argumente zu den Teilnehmern der Podiumsdiskussion habe ich so gut wie es mir möglich war vorgenommen. Sollte eine Zuschreibung falsch sein, so bitte ich um Nachsicht und Korrektur. Die Argumente habe ich versucht in eine schlüssige und der Lesbarkeit dienenden Reihenfolge gebracht, die keine Wertung darstellt. Als Autor dieses Blogeintrages enthalte ich mich explizit einer persönlichen Positionierung, da es meine Absicht ist eine rationale Meinungsbildung zu ermöglichen, die nicht auf ein Urteil für oder gegen Knabenbeschneidung zielt, sonder um ein Problemverständnis durch eine argumentative Erörterung bemüht ist. Die Bewertung der Argumente bleibt dabei dem Leser aus den genannten Gründen überlassen.

Das Traditionsargument

Die Beschneidung von Knaben hat eine lange rituelle Tradition. Man könnte nun argumentieren, weil die Beschneidung von Knaben eine lange Tradition hat, ist sie durch diese Tatsache gerechtfertigt. Von allen Diskussionspartnern wurde das Traditionsargument abgelehnt. Denn das Alter einer rituellen Handlung kann diese nicht rechtfertigen, da man rational nicht vom Sein auf Sollen schließen kann (Naturalistischer Fehlschluss).

Aber auch wenn eine Tradition die Knabenbeschneidung nicht rechtfertigt, so ist diese Tradition Ausdruck einer Religion und Religionsfreiheit ist durch das Grundgesetz gedeckt. Dies führ uns zu folgendem Argument:

Knabenbeschneidung ist Ausdruck eines religiösen Bekenntnisses.

Yaron stellte heraus, dass man natürlich auch ohne Beschnitten zu sein Jude ist. Vielmehr ist die Beschneidung ein Bekenntnis des Vaters, dass er seinen Individualismus zurückstellt und sich unter eine Religionsgemeinschaft unterwirft.
Schmidt-Salomon hielt dem entgegen, dass durch ein Recht auf Knabenbeschneidung zwar die Religionsfreiheit der Eltern geschützt würde, aber nicht die des Kindes. So würden einige beschnittene Knaben, die sich in ihrem späteren Leben nicht mehr zur Religion ihrer Eltern bekennen würden, sich durch die Religion ihrer Eltern gebrandmarkt fühlen.

Neben der Religionsfreiheit scheint die Knabenbeschneidung auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit zu tangieren, da ein irreversibler Schaden zugefügt wird. Es geht im folgenden darum, ob der Fall der Knabenbeschneidung aus religiösen Gründen ein Fall ist der unter einer Abwägung zwischen Religionsfreiheit und körperlicher Unversehrtheit fällt.

Das Erziehungsrecht genießt einen besonderen Schutz und es geht nicht um eine Abwägung zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Höfling vertrat die Auffassung, dass es sich bezüglich der Frage nach der Legalität der religiösen Knabenbeschneidung nicht um eine Ermessensabwägung zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit handelt. Höfling legte dar, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kind einen besonderen Schutz auch vor Eingriffen des Staates genießt. Der Staat darf nur in das Erziehungsrecht eingreifen, wenn das Wohl des Kindes gefährdet ist. Die Überzeugungen der Eltern, wie sie das Leben ihres Kindes gestalten wollen haben hier Vorrang vor etwaigen Abwägungen des Staates. Demnach hat nicht der Staat zwischen Religionsausübung oder körperlicher Unversehrtheit zu entscheiden, sondern die Eltern unter der Voraussetzung, dass eine Knabenbeschneidung unter den besten medizinischen Voraussetzungen stattfindet und die Eltern über die bestehenden Risiken der Operation aufgeklärt worden sind.

Merkel hielt dem zugespitzt entgegen: „Die Religionsfreiheit endet an der Vorhaut.“ Nach Merkel ist Beschneidung eben kein Akt der Erziehung, somit gilt auch hier der besondere Schutz der Eltern-Kind-Beziehung nicht. Da es verfassungswidrig wäre, würde die Knabenbeschneidung als religöses Sonderrecht konzipiert, gälte das Recht auf Knabenbeschneidung nicht nur als religiöses Akt für Juden und Moslems sondern jeder darf ohne genauere Angabe von Gründen seinen Sohn beschneiden lassen.
Merkel konstruierte zur Stützung seiner These, dass die Knabenbeschneidung nicht in das Erziehungsrecht der Eltern fallen darf, folgendes Beispiel: Angenommen die Knabenbeschneidung sei ein Akt der Erziehung, dann kann man sich eine radikale christliche Gruppierung vorstellen, die zur Einführung in das Leiden Christi jedem Neugeborenen am 1. Karfreitag seines Lebens Rutenschläge zufüge. Nach Merkel seien körperliche Züchtigung in der Bibel erlaubt und innerhalb des Beispiels vergleichbar mit der Knabenbeschneidung. Die Züchtigung durch Rutenschläge würde man aber zu recht ablehnen. Man sollte die Knabenbeschneidung also deshalb nicht erlauben, weil somit die Gefahr der Züchtigung durch Knabenbeschneidung besteht, obwohl Züchtigungen verboten sind – eben auch die Ohrfeige, welche medizinisch risikoärmer ist, als die Knabenbeschneidung. Die Knabenbeschneidung als Erziehungsrecht führt also zusammen mit dem Verbot der körperlichen Züchtigung auf eine reductio ad absurdum.

Somit ist es problematisch die Knabenbeschneidung als religiösen Akt zu erlauben. Es stellt sich also die Frage, ob Knabenbeschneidung unabhängig von religiösen Gründen gerechtfertigt werden kann, damit sie in das Erziehungsrecht der Eltern fallen kann. Dafür müsste geklärt sein, in wiefern eine entsprechende OP ein medizinisches Risiko darstellt und wie groß ihr medizinischer Nutzen für das Kind ist. Um diese Klärung geht es in den folgenden beiden Argumenten.

Knabenbeschneidung ist medizinisch sinnvoll.

Möchte man einen nicht religiösen Grund für die Knabenbeschneidung angeben, kann man sagen, dass Knabenbeschneidung medizinisch sinnvoll ist. Hierbei ist allerdings zu beachten, dass diese Aussage nur eingeschränkt gilt. Die WHO empfiehlt zwar die Beschneidung, aber nur für bestimmte afrikanische Hochrisikoregionen zur AIDS Prävention (vgl. WHO). Diese Empfehlung gilt aber nicht für Kleinkinder die in Deutschland aufwachsen.
Es gibt vielmehr keine medizinische Indikation für eine Beschneidung in Europa und es gilt aus ethischer Sicht der Grundsatz primum non nocere – Als erstes darfst du keinen Schaden zufügen.

Knabenbeschneidung verursacht psychischen oder physischen Schaden.

Auch wenn Knabenbeschneidung keinen medizinischen Nutzen hat, so könnte man sie erlauben, weil sie keinen gravierenden Schaden anrichtet. Was aber bedeutet gravierend? Bei der Eingrenzung des graduellen Prädikats „gravierend“ gingen die Meinungen stark auseinander. Yaron wies darauf hinwies, dass Rauchen im Elternhaus weitaus gefährlicher ist. Ferner ist die Auswirkungen der Knabenbeschneidung auf das Erlebnis von Sexualität umstritten. Obwohl nach Yaron einige Rabbiner die Beschneidung befürworten, weil sie den Spaß am Geschlechtsverkehr durch die Amputation der erogenen Vorhaut mindern soll, gibt es medizinische Studien die dies bestreiten – aber nach Merkel gibt es auch andere Studien die dies belegen. Merkel hielt Yarons Argumenten entgegen, dass es Fälle gibt, bei denen Aufgrund von Komplikationen nach der Knabenbeschneidung der Penis teilweise amputiert werden musste. Zudem können Kinder an Komplikationen der Beschneidung sterben. Merkel bezieht sich dabei auf eine Studie zur Beschneidung in den USA, wo die Beschneidung unter medizinisch günstigen Bedingungen durchgeführt wird. Der Staat habe, so Merkel, die Beschneidung als unerlaubtes Risiko zu definieren, da sie keinen medizinischen Nutzen habe, es aber zu schwerwiegenden Komplikationen kommen kann, selbst wenn die Beschneidung unter guten medizinischen Bedingungen stattfindet und die Zahl der Amputationen und Todesfälle gemessen an der Gesamtzahl der durchgeführten Beschneidungen gering ist: „1,4 Millionen Beschneidungen in den USA jedes Jahr, über 100 Todesfälle“ (vgl. DLF).

Abschließend kommen wir noch zu einem Argument, welches mit den vorangegangen nur lose verbunden ist, aber einen Zusammenhang zwischen der weiblichen Genitalverstümmelung und der Knabenbeschneidung herstellt. Man kann argumentieren, dass die Knabenbeschneidung nicht mit der weiblichen Beschneidung zu vergleichen ist. Dies stimmt zweifellos, was die weibliche Genitalverstümmlung anbelangt. Eine genauere Analyse Schmidt-Salomons zeigt aber, dass der Zusammenhang problematischer ist.

Legalisierung der Knabenbeschneidung erschwert den Kampf gegen weibliche Beschneidung.

Weibliche Beschneidung ist abzulehnen. Spricht man von einer weiblichen Beschneidung, so meint man in der Regel die sogenannte Genitalverstümmelung. Allerdings, so Schimdt-Salomon, gibt es schwächere Formen der weiblichen Beschneidung des sogenannten Typs 1a bei dem nur die Klitorisvorhaut entfernt werde und dies sei mit einer Knabenbeschneidung vergleichbar. Dennoch ist es wichtig jegliche weibliche Form der Beschneidung zu verbieten, um besser gegen Genitalverstümmelung vorgehen zu können. Da es ferner in jedem Land, indem es die weibliche Beschneidung gibt auch Knabenbeschneidungen vorkommen, ist es folgerichtig die Knabenbeschneidung zu verbieten, um einfacher für ein Verbot für die weibliche Beschneidung argumentieren zu können. Ansonsten könnten sich Befürworter der weiblichen Beschneidung immer auf deren schwächere Form und auf die Existenz der Knabenbeschneidung berufen.

Schlussbemerkungen

Ich hoffe, dass die vorgebrachten Argumente zu einer rationalen Meinungsbildung beitragen und einen antisemitischen und antimuslimischen „Vulgärrationalismus“ (Joachim Gauck) zu vermeiden helfen. Insofern komme ich mit diesem Blogeintrag Gaucks Aufforderung nach: „eine säkulare Gesellschaft müsse Debatten über den Platz der Religion, über Religionsfreiheit und über religiöse Bräuche führen“ (vgl. SPON).

 

[…] Das Freiburger Verwaltungsgericht vertritt in seiner nun veröffentlichen Entscheidung (Az.: 2 K 638/10) jedoch die Auffassung, dass das Grundgesetz in Artikel 7 Absatz 3 den Religionsunterricht explizit privilegiert und dadurch eine Ungleichbehandlung erlaubt. Quelle zum Weiterlesen: Peter Mühlbauer auf Telepolis 27.10.2011

Kommentar: Folgender Punkt der Urteilsbegründung ist zweifelhaft:

„Abstrakte Diskussionen über ethische Problemfelder“ wären Grundschülern nach Ansicht der Richter „nur schwer verständlich und erweisen sich daher erst ab einer höheren Altersstufe als sinnvoll“. (ebd.)

Man kann auch ethische Probleme diskutieren und problematisieren ohne abstrakte Theorien zu bemühen, wie das Fach Praktische Philosophie in NRW zeigt. Wenn man Rechnen unterrichten kann, ohne abstrakte Mathematik zu lehren, warum soll das in einem Praktischen Philosophie- oder Ethikunterricht nicht möglich sein? Gerade Praktische Philosophie und Ethik erlauben lebensnahe Diskussionen. In einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft sollten sich Kinder mit Wertfragen in der Schule auseinandersetzen können, ohne dazu die Legitimation durch religiöse Glaubenssätze zu bedürfen. Didaktische Forschung zum Philosophieren mit Kindern zeigt, dass man auch in der Grundschule die Kinder nicht überfordert, wie z.B. auch eine Studie der UNESCO bestätigt. Denn es geht hier um praktisches Philosophieren in lebensweltlichen Kontexten und nicht darum sich systematisch philosophisches Wissen anzueignen.

Es gibt viele gute Gründe Facebook zu meiden. Die meisten Gründe beziehen sich auf den Datenschutz oder auf die Redlichkeit der Firmenpolitik dieses sozialen online Netzes. Bisher wurden keine philosophischen Gründe gegen Facebook angeführt. Unter philosophische Gründe verstehe ich hier Gründe, welche sich auf die Frage nach einem guten Leben beziehen. Intuitiv setze ich die Menschenwürde als grundlegend für ein gutes, menschliches Leben voraus.

Im folgenden werde ich zunächst den Begriff der Würde bestimmen und eingrenzen. Dann wird gezeigt, dass Facebook danach strebt die Würde des Menschen abzuschaffen.

Würde

[D]er Mensch kann von keinem Menschen (weder von anderen noch sogar von sich selbst) bloß als Mittel, sondern muß jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden, und darin besteht seine Würde (die Persönlichkeit), dadurch er sich über alle anderen Weltwesen, die nicht Menschen sind und doch gebraucht werden können, mithin über alle Sachen erhebt.

Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten S.321

Nach Kant kommt dem Menschen notwendig Würde zu, dadurch, dass man den Menschen nicht nur als Mittel benutzen kann. Es ergibt sich daraus die Pflicht den Menschen auch als Selbstzweck anzuerkennen und genau das macht seine Würde aus. Sprachanalytisch lässt sich dies durch das Aufzeigen folgender Implikationen des Würdebegriffs plausibilisieren: Eine sinnvolle Redeweise von Würde ist nur gegeben, wenn der Begriff ,Würde‘ dasjenige ist, was auf prinzipiell unbedingte Subjekte referiert, denn Würde haben nur Subjekte. Würde bedeutet Unverfügbarkeit. Etwas über das man verfügen kann, ist ein Objekt. Nun kann man auch über Menschen, deren Würde unantastbar ist, verfügen. Dadurch behandelt man sie, schon rein sprachlich, als Objekte. Aber auch ein Subjekt, dass „würdelos“ behandelt wird, hat prinzipiell Würde. Prinzipielle Würde bedeutet prinzipielle Zweckfreiheit und somit bezogen auf soziale-menschliche Kontexte prinzipielle Unverfügbarkeit. Ein tatsächliches, reines zweckfreies Leben ist im sozialen Staat nicht möglich, da man andere Menschen immer auch als Mittel benötigt und von anderen gebraucht wird. Die Würde hängt hier am ,auch‘. Kant leitet aus dieser Definition die Selbstzweckformel des Kateogorischen Imperatives ab: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst. “

Nach Kant hat jeder Mensch notwendig Würde, sie kommt dem Menschen wesentlich zu. Zudem hat jeder Mensch die Pflicht sich selber und anderen Menschen einen Zweck zu zuschreiben, weil Menschen prinzipiell über Würde verfügen. Ein humaner Umgang miteinander fordert aber eine tatsächliche Anerkennung und Realisierung der sonst nur prinzipiellen Würde.  Wenn ich davon spreche, dass die Würde abgeschafft wird, dann meine ich nicht, dass Würde prinzipiell abgeschafft wird. Ich meine damit, dass die gelebte wechselseitige Anerkennung, dass man selbst und andere Menschen Würde haben, abgeschafft wird.

Würde muss also gelebt werden, dies sollte immer und überall gelingen, aber in der Privatsphäre kann dies am besten gelingen, wie im Folgenden gezeigt wird.

Das Private, die Würde und ihre Abschaffung

Meine These, die ich hier begründen werde, ist, dass das Private wichtig ist, damit ein Mensch seine Würde leben kann, und diese nicht nur prinzipiell zugesprochen bekommt. Nur wenige, wirkliche Freunde, lässt man in seine Privatssphäre, die Sphäre der Würde, welche sich durch Nähe, der Offenbarung und Mitteilung intimer Details auszeichnet. Hier ist man verletzbar. Aber dadurch, dass man nicht verletzt wird, die nackte Würde respektiert wird, wird man als Subjekt anerkannt. Im Privaten wird Würde anerkannt und gelebt. Dies ist aber nur sinnvoll, wenn auch ich anderen Menschen in meiner Privatsphäre Würde zuspreche. Denn nur wenn ich die Würde anderer anerkenne, kann ich erfahren, wie sie meine Würde anerkennen. In der Privatssphäre wird Würde als wechselseitig realisiert und hat nicht nur prinzipiellen Charakter.

Was zeichnet den privaten Raum gegenüber dem öffentlichen Raum bezüglich der Würde aus?  Hier liegt ein gradueller Unterschied vor. Ich gehe von der Annahme aus, dass Menschen im öffentlichen Raum andere Menschen öfter und eher als Mittel benutzen, als im Privaten. Freunde trifft man eher um ihrer Selbstwillen, als einen Geschäftskollegen. Natürlich ist auch der private Raum nicht frei von Zweck-Mittel-Beziehungen zwischen den einzelnen Individuen. Aber im Privaten steht der Selbstzweckcharakter des Individuums im Vordergrund, während im öffentlichen Raum, im alltäglichen Handeln, die Zweck-Mittel-Beziehungen im Vordergrund stehen. Und da die Anerkennung eines Menschen als Selbstzweck konstitutiv für die Anerkennung der Würde eines anderen Menschen ist, ist das Private der Ort, in welchem die Würde des anderen und von einem selbst am stärksten gelebt wird.

Betrachten wir dazu folgendes Beispiel, welches voraussetzt, dass die freie Äußerung seiner Meinung ein Beispiel für die Realisierung seiner Würde ist. Man kann im Privaten Gedanken äußern und ausprobieren, die man trotz der Zusicherung der Meinungsfreiheit im öffentlichen Raum nicht äußern würde, weil einem entweder der Mut dazu fehlt oder aus Rücksicht auf die Gefühle anderer. Das Private bietet also einen geschützten Raum, wo man mit Gedanken und Ideen experimentieren kann. Man steht auch nicht in Konkurrenz zu anderen und muss keine Angst haben, dass man sich durch bestimmte Äußerungen einen Nachteil verschafft. Ein Konkurrenzverhältnis gibt es durch die Zweck-Mittel-Relation zwischen den Individuen, da diese Relation im Privaten aber  zumindest abgeschwächt ist, steht hier der Selbstzweckcharakter des Individuums im Vordergrund, dass seinen Selbstzweck ausdrückt in dem es seine Meinung im Privaten leichter äußern kann, als in der Öffentlichkeit.

Das Private ist also deswegen wichtiger zur Realisierung der Würde als der öffentliche Raum, weil im Privaten der Selbstzweckcharakter des Menschen stärker gelebt werden kann, als im öffentlichen Raum.

Nun gibt es zeitgemäße Tendenzen, welche die Zweck-Mittel-Relation zwischen Menschen stärken und den Selbstzweckcharakter und damit die Würde des Menschen abschwächen. Diese Tendenzen kulminieren in Facebook, welches diese Entwicklung am stärksten repräsentiert und aktiv vorantreibt. Diese Entwicklung werde ich im folgenden skizzieren.

Es ist zeitgemäße sich verfügbar zu halten – also seine Würde immer weiter zu veräußern. Handys und Computer kann man zwar abschalten. Aber durch die Bekanntgabe seiner Handynummer, E-Mail Adresse oder eines persönlichen Profils in einem „sozialen“ Netzwerk signalisiert man auf Grundlage gesellschaftlicher Konvention prinzipielle Erreichbarkeit. Und von dieser wird ausgegangen. Äußerungen wie: Auf deinem Handy bist du nie erreichbar! Du hast meine Mail noch nicht beantwortete! Du hast noch nicht auf meinem Kommentar im StudiVZ reagiert! – unterstellen, eine Erreichbarkeitspflicht. Es ist also falsch anzunehmen, die neuen Kommunikationstechnologien seien nur rein pragmatisch. Es ist nur deswegen einfacher geworden jemanden zu erreichen, weil man verfügbarer geworden ist. Weil man sein Würde immer weiter aufgibt, wodurch andere Menschen Ansprüche anmelden. Die illustriert folgendes Video:

 

 

Durch das digitale Abbilden seiner Identität macht man seine Daten verfügbar, welche auf persönliche Einstellungen und Interessen referieren. So wird all das verfügbar, was einst nur wirkliche Freunde kennen durften, wie religiöse Einstellungen, politische Meinungen, feucht-fröhliche Party Fotos, momentane Stimmungen und Meinungen, aktueller  Aufenthaltsort. Die Identität verliert ihren privaten Charakter und wenn die eigene Identität dasjenige ist, was substantiell für das Individuum ist, dann wir das Individuum durch die Preisgabe seiner Daten im Internet verfügbar. Ein Facebook Profil ist somit die Objektivierung, Veräußerung der subjektiven Identität, der Würde durch die Abschaffung des Privaten. Und dies ist nach Zuckerberg nicht nur von ihm gewollt sondern eine neue soziale Norm:

„When I got started in my dorm room at Harvard, the question a lot of people asked was ‚why would I want to put any information on the Internet at all? Why would I want to have a website?’And then in the last 5 or 6 years, blogging has taken off in a huge way and all these different services that have people sharing all this information. People have really gotten comfortable not only sharing more information and different kinds, but more openly and with more people. That social norm is just something that has evolved over time. We view it as our role in the system to constantly be innovating and be updating what our system is to reflect what the current social norms are. A lot of companies would be trapped by the conventions and their legacies of what they’ve built, doing a privacy change – doing a privacy change for 350 million users is not the kind of thing that a lot of companies would do. But we viewed that as a really important thing, to always keep a beginner’s mind and what would we do if we were starting the company now and we decided that these would be the social norms now and we just went for it.“

Marc Zuckerberg

Facebook Gründer Marc Zuckerberg behauptet mit obigem Zitat: Die Abschaffung der Privatsphäre ist eine soziale Norm, diese Aussage kann deswegen nicht deskriptiv, sondern normativ verstanden werden. Als Begründung führt er an, dass immer mehr Menschen immer mehr persönliche Daten in den letzten Jahren öffentlich gemacht haben. Ein in der Bloggerssphäre viel zitierter Einwand von Marshall Kirkpatrick bezüglich der Redlichkeit Zuckerbergs ist folgender:

I don’t buy Zuckerberg’s argument that Facebook is now only reflecting the changes that society is undergoing. I think Facebook itself is a major agent of social change and by acting otherwise Zuckerberg is being arrogant and condescending.

Kirkpatrick nimmt an, dass Facebook selbst die sozialen Normen ändern will und stipuliert, dass die Notwendigkeit des Privaten keine soziale Norm mehr ist und das eine totale Öffentlichkeit eine neue Norm ist. Dieser Einwand ist insofern plausibel, da Facebook durch die Abschaffung des Privaten die Daten seiner Nutzer verkaufen kann. Facebook kann nur durch die Weitergabe von Nutzerdaten an bezahlende Dritte seinen Profit maximieren, wodurch es ein ökonomisches Interesse an der Abschaffung des Privaten gibt.

Aber auch von einem logischen Standpunkt aus ist Zuckerbergs Argument abzulehnen, da man nur mittels eines naturalistischen Fehlschlusses zu der Konklusion kommt, dass das Private ein überholtes Konzept ist. Auch wenn es deskriptiv richtig ist, dass immer mehr Menschen freiwillig ihre Daten öffentlich machen, folgt daraus nicht, dass es eine soziale Norm ist, dass Privatssphäre nicht mehr benötigt wird. Der Mensch braucht die Privatssphäre zur Realisierung seiner Würde! Deswegen kann Facebook kein Interesse daran haben, dass Menschen Würde besitzen. Es wurde somit gezeigt, dass durch eine Mitgliedschaft bei einem sozialen Netzwerk wie Facebook, was kein Interesse daran haben kann und tatsächlich auch nicht hat die Privatssphäre zu schützen, die Würde des Menschen sukzessive aufgegeben wird.

Jedem Mensch steht es natürlich frei, seine individuellen Daten und somit einen Teil seiner Identität zu veräußern. Das Problem mit Facebook ist, dass es zur Realisierung seiner Ökonomischen Interessen den Privatenbereich eines Menschen global verfügbar macht. Natürlich kann man sich wöchentlich durch seine Privatsphäreeinstellungen kämpfen um auf etwaige, nicht öffentlich gemachte Änderungen von Seiten Facebooks zu reagieren, um seine Privatssphäre zu schützen oder einfach möglichst wenige sensible Daten ins Netz stellen oder sich erst gar nicht bei Facebook anmelden. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Facebook nach immer mehr Einfluss auf das soziale Leben strebt und so auch die Daten von Nutzern ausspäht, die nicht bei Facebook registriert sind.

Mein Argument lässt sich zusammenfassen: Wenn man die Würde der Menschen anerkennt, dann gesteht man ihnen eine Privatsphäre zu. Die Privatssphäre ist der Ort, in dem Würde am besten realisiert und gelebt wird. Facebook gesteht den Menschen keine Privatssphäre zu. Also erkennt Facebook die Würde der Menschen nicht an.

Mit der Abschaffung des Privaten wird auch das Konzept der Würde verabschiedet. Am Ende steht hier die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir Leben? Die Antwort ist sicher nicht Facebook!

There was of course no way of knowing whether you were being watched at any given moment… It was even conceivable that they watched everybody all the time. But at any rate they could plug into your wire whenever they wanted to. You had to live – did live, from habit that became instinct – in the assumption that every sound you made was overheard, and except in darkness, every movement scrutinized.

George Orwell, 1984

Literatur:

  • Kant, Immanuel. Metaphysik der Sitten. 1966. Meiner: Hamburg
  • Orwell, George. Nineteen Eighty-Four (1984). 2006. Penguin: London

Internetquellen: