Schule und Bildung sind Themen, die zur Zeit breit in den Medien und der Öffentlichkeit verhandelt werden. Mit Alphabet ist nun ein Film in die Kinos gekommen, der sich ebenfalls mit den Fragen der Bildung und mit Kritik an Schule auseinandersetzt.

Zunächst scheint ‘Alphabet’ den gleichen kapitalismuskritischen Anspruch zu verfolgen wie die früheren Filme des Regisseurs Erwin Wagenhofer (‚We Feed The World‘ und ‚Let´s Make Money‘). Eindrücklich wird gezeigt, wie Bildungssysteme weltweit ökonomischen Interessen unterworfen werden.
Exemplarisch wird das Schulsystem Chinas betrachtet, wo wir Schüler*innen sehen, die von klein auf einem hohen Leistungsdruck und Konkurrenzkampf ausgesetzt sind, der sie darauf vorbereiten soll, sich im späteren Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen zu können. Doch der Preis ist hoch: Die Kinder werden ihrer Kindheit, ihrer Lebensfreude und Neugier und damit auch ihrer Bildung beraubt.
Nicht nur China als PISA-Testsieger sondern auch die PISA-Studie selbst wird betrachtet. Angemerkt wird, dass die Testindustrie mittlerweile zu einem großen Wirtschaftszweig herangewachsen ist, mit dem sich viel Geld verdienen lässt. Und auch, dass PISA als ein Instrument der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit) entwickelt wurde, die Bildung als einen zentralen Indikator für das wirtschaftliche Wohlergehen eines Landes nennt. Damit wirft ‘Alphabet’ – gerade zu Beginn – wichtige Fragen der aktuellen Bildungsdebatte auf:  Sollten wirtschaftliche Aspekte die entscheidenden Kriterien bei der Beurteilung von Bildungssystemen sein? Wenn China Sieger dieser Tests ist, gilt es dann als Vorbild für die Schulsysteme anderer Länder? Anhand welcher Kriterien wird unser Bildungssystem mit PISA bewertet und auch umgestaltet?

Leider jedoch scheint der Film sich bei seiner Kritik an ökonomischen Tendenzen in der Bildung lediglich der Analogie zwischen Schule und Fabrik zu bedienen. Kritisiert werden Standardisierung, Gleichschaltung und Prüfungen und der Hirnforscher Gerald Hüther vergleicht Schule mit militärischem Drill. Die Kritik, dass Schule dem Einzelnen häufig nicht gerecht wird, mag berechtigt sein. Und für die Zeiten des fordistischen Arbeitsmodells unter dem die Schulkritik groß geworden ist, ist wohl auch der Vergleich naheliegend, dass Standardisierung und Drill in der Schule die Schüler*innen darauf vorbereiten im späteren Arbeitsleben gehorsam monotonen Tätigkeiten am Fließband nachzugehen. Doch die heutige Wirtschaft hat andere Anforderungen an ihre Arbeitskräfte. Es geht längst nicht mehr nur darum, Menschen zu Gehorsam, Disziplin und Unterwerfung zu erziehen. Heute wird von Arbeitnehmer*innen primär Flexibilität, Kreativität und Selbstorganisation gefordert (siehe auch Bröckling). An Stelle der Kontrolle tritt Selbstkontrolle. Und da wird es schwer auseinanderzuhalten, wann es sich bei Forderungen nach Selbstentfaltung, Selbstbestimmung und Freiheit um humanistische bzw. emanzipatorische Forderungen handelt, die tatsächlich das Wohl des Kindes im Blick haben, oder wann eben auch hier wieder wirtschaftliche Interessen dahinter stehen.

Die Positionen im Film erscheinen da sehr undifferenziert. Staatlichen Schulen wird pauschal Standardisierung, Drill und Gleichschaltung vorgeworfen, als einzige Alternative werden Selbstentfaltung und Kreativität jenseits des staatlichen Bildungssystems angeboten. Häufig ist es jedoch weniger schwarz-weiß. Wenn Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Telekom fordert, Schule müsse Diversität und Kreativität fördern, hat er dabei sicher nicht zuletzt auch das ‚Humankapital‘ im Blick. Sattelberger fordert somit eben genau das was Wagenhofer an anderer Stelle in seinem Film kritisch beleuchtet: Eine Ausrichtung von Schule an die Anforderungen der Wirtschaft.
In dem vollständigen Video von Sir Ken Robinson, aus dem viele Zitate im Film verwendet werden, wird es sogar direkt ausgesprochen: Bildungssysteme aller Länder werden derzeit umgestaltet, weil Kinder darauf vorbereitet werden sollen ihren Platz in einer Wirtschaft einzunehmen von der wir heute nicht wissen wie sie morgen aussieht (hinterfragt wird weder, ob dies eine der zentralen Aufgaben von Schule sein sollte, noch, ob die in Medien und Öffentlichkeit zur Zeit mantraartig wiederholte Behauptung, alles sei permanent im Wandel, tatsächlich stimmt oder nicht doch eher zur Verunsicherung genutzt wird). Verschleiert wird dabei, dass das was Sir Ken Robinson als Ausweg anbietet eben der Paradigmenwechsel ist mit dem die Bildungssysteme auf die heutige Wirtschaft angepasst werden.
So werden in ‘Alphabet’ im Mantel von PISA- und Kapitalismuskritik Ideen tragfähig gemacht, die letztlich eine Ökonomisierung von Bildung vorantreiben.

Schade übrigens, dass in einem Film über Bildung kaum Pädagog*innen zu Wort kommen, dafür aber Hirnforscher (Gerald Hüther), Personalmanager (Thomas Sattelberger), „Berater“ (Sir Ken Robinson)… Die Thesen von Gerald Hüther mögen zunächst toll klingen, doch Vieles ist umstritten und ob die Aura der Wissenschaftlichkeit, mit der er sich umgibt gerechtfertigt ist, bleibt fraglich (Zeit Online).

Schade auch, dass – bei aller berechtigten Kritik – Schule als solche gänzlich in Frage gestellt wird. Ist die Institution Schule an sich verwerflich? Die einzigen angebotenen Alternativen scheinen kaum befriedigend.  So ist der Malort von Arno Stern von einer wunderbaren Wertschätzung, Akzeptanz und Anerkennung getragen und damit bestimmt für Einzelne sehr bedeutsam, doch wie auf diese Weise auch nur die elementaren Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen erworben werden sollen bleibt gänzlich offen. Als andere Alternative wird ein Fernbleiben von Schule angeboten, wie es beispielhaft am Leben von Andre Stern gezeigt wird.  Doch auch wenn er Glück und Erfüllung gefunden haben mag, muss dieses Modell noch lange nicht für alle Menschen funktionieren. Können wir diese Idee als gesamtgesellschaftliches Modell verantworten? Wird hierbei nicht die Verantwortung einseitig an die Eltern abgegeben, der vielleicht nicht alle in derselben Weise gewachsen sind wie die beiden Pädagog*innen Arno und Michele Stern?

Ja, Bildung ist Selbstbildung. Aber wir bilden uns, wenn wir angeregt werden und begeistert werden – von und mit anderen Menschen – und das kann auch in Schule geschehen.

Natürlich kann man versuchen besser zu werden. In einem Wettbewerb zu verlieren oder nicht zu den Besten zu gehören, kann dazu motivieren sich mehr anzustrengen. Das dies bezüglich PISA erfolgreich gelingt hat „Bildungs“-forscher Eckhard Klieme gezeigt (Zeit Online). Wenn man allerdings in einem Wettbewerb besser wird, dann weil man sich den Regeln des Wettbewerbs fügt. Nach Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer bedeutet dies bezüglich PISA, dass man einer “Menschenmesserideologie” folgt und Schüler*Innen zu „kognitiven Mastschweinen“ werden (Telepolis). Bevor man sich auf einen Wettbewerb einlässt, sollte man die Regeln und den Sinn des Wettbewerbes hinterfragen. Manchmal ist es besser nicht besser zu werden.

Eine wunderbare Wut, die darauf aufmerksam macht, dass sich Bildung nicht an Arbeitsblätter delegieren lässt, sondern die alte pädagogische Beziehung zwischen Lernenden, Lehrenden und Sachansprüchen benötigt.

“If you want kids to get excited for this, you gotta come in here and make ‘em excited […] I want to see a teacher stand up and interact with the students get involved, discuss, talk, question and get deep into the subject”

Quelle: Washington Post

Video  —  Veröffentlicht: Mai 15, 2013 von C.R. in Gedankenrauschen
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Ein Vortrag von Dr. Wolfgang Lieb

Hintergründe zu dem Vortrag auf:

http://www.piratenfraktion-nrw.de/2013/05/die-unternehmerische-hochschule-kritik-und-ausblick-ein-vortrag-von-dr-wolfgang-lieb/

Video  —  Veröffentlicht: Mai 13, 2013 von C.R. in Ökonomisierung der Bildung, Bildungspolitik
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Am Ende der Tagung Irrwege von Bologna der Gesellschaft für Bildung und Wissen am 13.04.2013 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn fasste Prof. Dr. Jochen Krautz zusammen: Die Bologna-Erklärung von 1999 fordert nicht lediglich eine Studienreform, sondern bedeutet eine Veränderung des Selbstverständnisses der Universität. Diese Veränderung des Selbstverständnisses war zugleich der rote Faden, der die Vorträge der Tagung verband.

Prof. Dr. Volker Ladenthin wies zu Beginn der Tagung darauf hin, dass diese Veränderung öffentlich sichtbar werde, wenn in einer Talkshow Wissenschaftler eingeladen werden, um Akzeptanz für Positionen zu schaffen und nicht um unabhängig Wahrheitsansprüche zu prüfen. Wissenschaft zeigt dann keine Alternative mehr zur Lebenswirklichkeit auf, sondern wird von dieser für ökonomische, politische oder private Interessen in Dienst genommen.

Wissenschaftsfremde Interessen haben auch zum Bologna-Prozess geführt. Deswegen untersuchte Dr. Matthias Burchardt welche Ursachen und Akteure den Bologna-Prozess ermöglicht haben, um die Transformation der Hochschulen einordnen zu können. Die Bologna-Erklärung ist weder politisch zwingend, da sie keine völkerrechtliche Verbindlichkeit hat, noch ist sie von Wissenschaftlern gefordert worden. Als wesentliche Akteure nannte Burchardt unter anderem OECD und Bertelsmann. Mit dem Ziel die Akademikerquote und die Employability der Absolventen zu erhöhen übten diese insbesondere durch Change Management (vgl.: Online Lehrbuch Change ManagementSFB 597) indirekten Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse aus und setzten die Reform auch gegen vehementen Widerstand von Wissenschaftlern durch (vgl.: Zeit-Online: Sie können das nicht unterschreiben).

Die Erhöhung der Akademikerquote, so Prof. Dr. Bernhard Kempen, wird aber gleichzeitig mit einer Kosteneinsparung verbunden. Indem nicht alle Bachelor (BA) Studierende zum Master Studium (MA) zugelassen werden soll die Mehrheit der Studierenden kürzer studieren. Zugleich werden so systematisch Menschen von einer wissenschaftlichen Bildung ausgeschlossen. Genau dieser Schnitt zwischen BA und MA weist nach Prof. Dr. Michael Hartmann Gemeinsamkeiten zur Exzellenzinitiative auf: Der MA fungiert als Selektion passender Studierender zur Profilbildung der Studiengänge und Hochschulen. Dadurch findet, wie bei der Exzellenzinitiative, eine Konzentration auf die Forschung statt. Hartmann wies ausdrücklich auf folgendes Missverständnis hin: Es ist falsch, dass es in der Exzellenzinitative nur Gewinner und nicht Gewinner aber keine Verlierer gibt. Um dies zu stützen wies Hartmann nach, dass sich die öffentliche Mittelvergabe ebenfalls auf die bereits durch die Exzellenzinitiative geförderten Universitäten und Hochschulen konzentriert. Dies führt letztendlich zu einem Zweiklassensystem von einerseits Lehruniversitäten für Bachelorstudierenden und auf finanziell besser gestellten Forschungsuniversitäten für Masterstudierende, womit das humboldtsche Ideal der Einheit von Forschung und Lehre aufgehoben ist. Die Profilbildung dient ferner der Sichtbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit von Universitäten. Die Bologna-Reform kennzeichnet also einen Paradigmenwechsel weg von einer humanistischen Bildungsidee hin zu einem Primat des ökonomischen Denkens im Selbstverständnis der Universität.

Die humanistische Bildungsidee arbeitete Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin ideengeschichtlich auf, um Grundlagen für eine mögliche Alternative zu Bologna aufzuzeigen. Nida-Rümelin beschrieb die Entwicklung der humanistischen Bildungsidee von der klassischen Antike bis hin zu der These Kants, dass Universitäten nicht Ausbildungsstätten sondern der Wahrheitssuche verpflichtet sein sollten. Da die aktuelle Bologna-Reform mit dem BA einen auf Beschäftigungsfähigkeit ausgerichteten Abschluss bereithält folgerte Nida-Rümelin, dass diese Reform ein Rückschritt zur mittelalterlichen Universität sei. Nida-Rümelin plädierte für ein wechselseitiges Verhältnis von Anwendung und Grundlagenforschung ohne Abwertung des Fachwissens.

Aber gerade eine Abwertung des Fachwissens findet statt. So zeigte Prof. Dr. Hans Peter Klein beispielhaft wie durch die Bologna-Reform die Fachlichkeit in der Lehrerbildung immer mehr zurückgenommen worden ist, wodurch Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeit einer Promotion versperrt wird und ihnen anderseits das Wissen fehlt, um sachlich fundierten Unterricht zu erteilen. Genauso problematisch ist die Bologna-Reform für das Medizinstudium. Prof. Dr. Frank Nürnberger argumentierte dafür, dass das Medizinstudium fachlich nicht sinnvoll in BA und MA zu unterteilen ist. So wurde abschließend deutlich, dass aus wissenschaftlicher Sicht die Bologna-Reform nicht plausibel legitimiert ist.

Die Vorträge zeichneten sich dadurch aus, dass sie neben einer sachliche Problemanalyse auch die politischen Zusammenhänge und partikulären Interessen bezüglich der Bologna-Reform darlegten. Auch zeigten sie Alternativen zu den aktuellen Verhältnissen auf. So schlug Matthias Burchardt vor, man solle das aktuelle Hochschulsystem an seinen eigenen (Wettbewerbs-)Bedingungen messen und neben BA/MA, Diplom, Magister und Staatsexamen wieder einführen und sie um die Gunst der Studierenden konkurrieren lassen.

Sportphilosophie

Veröffentlicht: März 19, 2013 von C.R. in Humor

Ein Satz ist Alles.

“Kleinere Klassen sind besser für die Qualität des Unterrichts.” Jeder der schon einmal Klassen mit über 33 und mit unter 20 Schüler_Innen unterrichtet hat oder in solchen unterrichtet worden ist scheint dieser Aussage zu zustimmen. So war die Forderung nach kleineren Klassen auch zentral für den sogenannten Bildungsstreik und wird auch von verschiedenen Schülervertretungen gefordert (SV).
Gründe für kleinere Klassen finden sich aus persönlicher Sicht unter Abwägung der bisher gemachten Lehrerfahrung schnell: Man kann besser die Schüler_Innen hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Lernvorraussetzungen fordern und fördern (Binnendifferenzierung) und von den Interessen der Schüler_Innen ausgehend unterrichten und nahezu jeden Schüler_Inn aktiv am Unterrichtsgeschehen beteiligen (Schülerorientierung), man ist aufmerksamer für persönliche Besonderheiten, bemerkt individuelle Schwierigkeiten schneller und genauer. Es herrscht eine ruhigere, konzentriertere und kreative Lernatmosphäre mit weniger Unterrichtsstörungen. Man hat den Eindruck eine intensivere Beziehung zu jedem Schüler aufbauen zu können, was sich positiv auf die Erziehung auswirken kann. Diese Aspekte erscheinen so plausibel, dass man um so mehr überrascht ist, wenn man in letzter Zeit immer wieder hört oder liest, dass es empirische Studien gibt, die belegen, dass kleinere Klassen keinen guten Unterricht garantieren. Natürlich, denke ich mir, ich kann auch problemlos schlechten Unterricht in kleinen Klassen durchführen. Aber dennoch, ist es sehr plausibel, dass Unterricht in kleinen Klassen nicht nur besser gelingt sondern das kleine Klasse eine notwendige Bedingung für anspruchsvollen Unterricht sind. Dann liest man aber z.B. in der Zeit, dass es gar keinen Zusammenhang zwischen Klassengröße und Leistung der Schüler gibt.

Nun mögen große Klassen […] zwar nerven, aber viele Schulstudien zeigen, dass die Klassengröße […] keinen nennenswerten Einfluss auf die Leistung der Schüler (hat) (Zeit-Online).

Empirische Studien scheinen den gesunden Menschenverstand zu widerlegen – oder zumindest meinen. Deswegen, so wird gefolgert, ist für die Verbesserung der schulischen Praxis eben nicht eine Verkleinerung der Klassen zu fordern. Die Forderung nach kleinen Klassen löste bei Bildungsforscher Olaf Köller ärger aus, so dass ich mir mit meinen Wünschen nach kleinen Klassen selber wie ein naiver Schuljunge vorkam:

Als Wissenschaftler ärgere ich mich darüber, weil ich weiß, was man mit dem Geld, das allein eine Reduktion der Klassenstärke um drei Schüler im Schnitt kostet, alles machen könnte. Es gibt Länder in Asien, die haben ihre Klassengrößen sogar deutlich erhöht. Das frei gewordene Geld haben sie dann in die Verbesserung der Unterrichtsqualität gesteckt, unter anderem durch Lehrerfortbildungen (Köller).

Nun lassen sich diese Aussagen aber insbesondere bezüglich folgender Aspekte kritisieren: Erstens wird nicht gesagt, was genau hier unter Leistung oder Unterrichtsqualität verstanden wird. Zweitens werden keine Studien genannt, die belegen, dass kleinere Klassen nicht die Leistung von Schülern oder die Unterrichtsqualität erhöhen. Die folgende Kritik bezieht sich auf das zitierte Interview in der Zeit mit Bildungsforscher Olaf Köller.

Erstens: Die Behauptung, dass kleinere Klassen nicht die Unterrichtsqualität verbessern wird aus einem bestimmten Bildungsverständnis heraus geäußert, welches bestimmt was mit “Leistung” und “Unterrichtsqualität” gemeint ist. Köller selbst sagt nicht, was er unter “Bildung” versteht, aber ich versuche sein Bildungsverständnis auf Grundlage von zwei von ihm gegebenen Hinweisen zu rekonstruieren. Zum einen verweist er auf Asien und zum anderen hebt er die Bedeutung von Bildungsstandards hervor. Beginnen wir mit dem Verweis auf Asien.

In Asien wurde laut Köller die Klassengröße erhöht statt reduziert. Was bedeutet hier der Verweis auf Asien? Der Verweis ist hier nur dann sinnvoll, wenn Asien als positives Beispiel gelten soll. Denn schließlich will Köller mit dem Verweis auf Asien seine These von der Sinnlosigkeit der Klassengrößenreduktion belegen. Da ich mir nicht vorstellen kann, dass hier wirklich ganz Asien gemeint ist, setzte ich Asien ab nun in Gänsefüßchen. Nun schneidet z.B. Shanghai besonders gut in PISA – Tests ab. Meine Vermutung ist, dass Köller dies als Beleg für seine These nimmt. Das Argument wäre als das Folgende: Wenn man gute PISA Ergebnisse trotz der Erhöhung der Klassengröße erzielt und PISA die Schülerleistungen misst, dann sind die Schülerleistungen nicht von der Klassengröße abhängig. Was folgt daraus nun für die hiesige Bildungslandschaft?

Da PISA nicht Allgemeinbildung sondern funktionale Kompetenzen misst, kann man Lernmethoden aus Shanghai nicht ohne weiteres importieren, wenn man den allgemeinbildenden Anspruch unserer Schulen aufrecht erhalten will:

Man kann sie schon hören, die demnächst neben chinesischen Löhnen für Erwachsene auch chinesische Lernmethoden für unsere Kinder und Jugendliche fordern. Wie der Bericht eher am Rande vermerkt, erkennen aber immer mehr Chinesen, das Paukschulen Kreativität abtöten. In einer Studie in 21 Ländern (2010), die auch in China Aufsehen erregte, kamen chinesische Schüler bei Fantasie auf den letzten Platz und nahmen bei Kreativität den fünfletzten Rang ein. Nicht vergessen werden darf, dass die regulären PISA-Tests mit Mathematik, Lesekompetenz, Naturwissenschaften funktionale, unmittelbar (für die Volkswirtschaften) nützliche Kompetenzen abfragen. Aber soziale und praktische Fähigkeiten, Urteilsvermögen, kritisches Denken, Teamfähigkeit unter den Tisch fallen (Pascheit).

Pascheit bezieht sich hier auf einen Bricht des Deutschlandsradios (vgl. für eine kritische Übersicht: unzeitgemäss). “Asien” ist also ein problematisches Beispiel für “guten Unterricht“, dass man nicht ungefragt akzeptieren kann. Denn man müsste zunächst angeben, was denn genau guter Unterricht überhaupt heißen soll. Aus interkultureller Perspektive müsste man ferner fragen, ob das Jenige, was man in ”Asien“ als guten Unterricht versteht, denn auch in anderen Kulturen als ”guter Unterricht“ gilt. Oder man müsste argumentieren, dass ausgerechnet die Vorstellung von ”gutem Unterricht” nicht von Kultur zu Kultur verschieden ist. Da dies nicht geschieht hier eine Vermutung, was gemeint sein könnte: Der wirtschaftliche Erfolg ist das Kriterium für guten Unterricht. Dies passt zu den PISA-Tests der OECD, welche Bildung als Indikator für wirtschaftliche Entwicklung betrachten. Ein Beleg für diese Vermutung findet sich in der Bedeutung die Köller den Bildungsstandards zu misst. Dies geschieht dabei ungeachtet der Kritik seiner Kollegen an diesen, wie eine Freundin von mir treffend feststellte (Zur Kritik an Bildungsstandards vgl. GBW). Im Zuge der PISA Tests wurden sogenannte Bildungsstandards definiert, welche angeblich den Lehramtexamenskandidaten unbekannt sind. Dass er dies so betont, scheint mir ein Beleg für die hohe Relevanz zu sein, die er den Bildungsstandards zumisst:

Ich möchte bei dem Rollenwechsel nicht nur Schul-, sondern auch Wissenschaftssenator sein. Dann würde ich mir die Lehrerausbildung vornehmen, um sicherzustellen, dass jeder angehende Lehrer bestimmte fachdidaktische und pädagogische Grundlagen gelernt haben muss. Bis heute wissen Examenskandidaten in der Prüfung nicht, was Bildungsstandards sind (Köller).

Bildungsstandards haben aber nichts mit allgemeiner Bildung sondern lediglich etwas mit fachlichen Leistung zu tun. Dies wird klar, wenn man die entsprechende Klieme – Expertise studiert, in welcher das Konzept der Bildungsstandards erarbeitet wird. Wenn man also große Klassen den Vorzug gibt, dann bedeutet Unterrichtsqualität eben nicht die Förderung von individuellen Lernprozessen gemäß der Interessen der Schüler in einer kreativen Lernatmosphäre sondern das mittels PISA testbare Erreichen von Bildungsstandards.

Zweitens: Wenn auf irgendwelche empirische Studien verwiesen wird, die irgendetwas belegen, dann ist zu fragen: Welche Studien? Was genau messen die Studien? Wie wurde gemessen? Auf all diese Fragen wird in dem Interview nicht annähernd eingegangen. Diesbezüglich wäre eine kritischere Berichterstattung der Zeit wünschenswert. Stattdessen äußert der Hamburger Schulsenator Ties Rabe: “Die Forschung bewertet kleine Klassen als wenig wichtig.” Der Link verweist allerdings auch nur auf einen Kommentar der Zeit, welcher keine Auskunft über die infrage stehenden empirischen Studien gibt. Auch ist Rabes Aussage sehr pauschal, da er von “die Forschung” spricht. Es gibt aber nicht “die Forschung” vielmehr gibt es gerade in den Bildungswissenschafften stark voneinander abweichende und miteinander konkurrierende Positionen.
Zumindest eine Quelle für eine entsprechende Studie hätte also genannt werden müssen, damit man die Aussage Köllers überprüfen kann. Wie die obigen Ausführungen gezeigt haben, scheint Köller stillschweigend von einem Bildungsverständnis auszugehen, dass zunehmend kritisiert wird (vgl. etwa GBW-PISA). Deswegen müsste man sich kritisch mit den Studien auseinandersetzten, auf die er verweist ohne sie zu nennen, um dann zu beurteilen wofür genau eine Klassenreduktion nicht sinnvoll ist. Da dies nicht möglich ist, haben seine Aussagen kaum einen Wert. Dieses Problem erhärtet sich dadurch, weil es empirische Studien gibt, welche belegen, dass kleinere Klassen die Unterrichtsqualität verbessern:

So waren die Auswirkung kleiner Klassen Gegenstand einer beispiellosen, aufwändigen Interventionsstudie in Tennessee (STAR-Projekt) und mehrerer Follow-up-Studien zu den langfristigen Effekten kleiner Klassen. Demnach hatte die Reduktion der Klassengröße in der Grundschule auf 13 bis 17 Schüler langfristig nachweisbare Effekte: Schüler aus den kleineren Klassen schaffen das Abitur deutlich häufiger als Schüler in normal großen Klassen (76 versus 64 Prozent), bekamen mehr Auszeichnungen (45 versus 29 Prozent), brachen weniger die Schule ab (15 versus 24 Prozent), und gingen eher aufs College (Lind).

Zusammenfassung: Diese kurze Betrachtung sollte Folgendes gezeigt haben:
Das intuitive Vorverständnis, dass kleinere Klassen eine Bedingung für guten Unterricht sind lässt sich aufrechterhalten, wenn man unter Unterrichtsqualität mehr versteht als das Streben nach immer besseren PISA Ergebnissen. Darüber hinaus liefert aber zumindest das Zeit Interview keine guten Gründe dafür das selbst für einen auf reine Leistung abgestellten Unterricht kleine Klassen keine Vorteile bringen. Auf der Metaebene ist ferner folgendes zu berücksichtigen: Erstens ist es wichtig zu fragen, was jemand unter “Bildung” versteht, wenn er Aussagen bezüglich “Bildung” tätigt, weil man sonst Aussagen zustimmt, denen man bei genauerem Verständnis der relevanten Begriffe widersprechen würde. Zweitens scheint sich ein unwissenschaftlicher Stil in den Meinungsbildenden Medien einzuschleifen, wenn behauptet wird, dass empirische Studien etwas zeigen ohne die Studien zu nennen, diese zu erörtern und auf konkurrierende Ergebnisse einzugehen. Es ist nichts anderes als der Versuch eines Totschlagarguments, wenn man unkritisch und nicht nachvollziehbar behauptet “Es gibt empirische Studien, die zeigen, dass … .”

(Ich danke A.K. für eine angeregten E-Mail Verkehr, der sachliche und motivationale Grundlage für diesen Aufsatz gewesen ist.)