Viele Schulen machen sich zur Zeit auf den Weg zu einer sogenannte neuen Lernkultur, welche den Paradigmen Kompetenzorientierung und Inklusion genügt, sich durch selbstständiges Lernen, offenen Unterricht und individueller Förderung auszeichnet und eine angepasste Lehrerolle, als Coach oder Moderator fordert. Diese Paradigmen erscheinen zunächst human, weil sie Unterricht scheinbar vom Kind her denken, von seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Deswegen erfahren sie u.a. bei reformpädagogisch orientierten Lehrern große Sympathien. Aufgrund seines vermeintlich humanen Impetus, scheint die neue Lernkultur immun gegenüber Kritik zu sein, denn wie sollte man human und rational gegen die prinzipielle Gleichheit von Menschen, ihres Rechts auf Bildung, individuelle Förderungen oder die Abschaffung des Frontalunterrichts argumentieren?

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854-3„Wozu brauchen wir das?!“ als ernsthafte Schüler_innen Frage irritiert sie Lehrer_innen im Philosophieunterricht. Die Frage führt scheinbar zu der paradoxen Situation, dass man sie nur befriedigend für Schüler_innen beantworten kann, sobald man hinsichtlich des fachlichen Anspruchs unaufrichtig ist.

„Wozu brauchen wir das?!“ fragt nach einem Gebrauch, einem Nutzen. Es geht um ein prozessuales Wissen-wie und nicht um propositionales Wissen-dass. Würde sich die Frage „Wozu brauche ich das?!“ auf die Methoden der Philosophie beziehen, wäre sie einfach beantwortet: Man braucht diese Methoden, um philosophische Einsichten zu generieren. Aber das scheint die Frage nicht zu meinen. Vielmehr fragt sie nach einem Nutzen jenseits des Philosophierens, einem Nutzen für den Alltag, für das berufliche Leben nach der Schulzeit. Eine zeitgemäße Antwort wäre der Verweis auf einen spezifischen oder allgemeinen Kompetenzzuwachs, jedoch droht gerade dieser Ansatz den Wert philosophischer Bildung zu verfehlen. Worin dieser Wert liegt und wie er in der pädagogischen Praxis eingelöst werden kann, diesen Fragen geht dieser Aufsatz nach.

Der Aufsatz ist jetzt hier erschienen:

Roeger, Carsten (2016): Was nützt philosophische Bildung? In:  Stephan Geuenich et. al.:  Wozu brauchen wir das? Bildungsphilosophie und pädagogische Praxis, Verlag Westfälisches Dampfboot

 

Einen Überblick vermittelt auch das Inhaltsverzeichnis.

Nun war ich innerhalb von einer Woche auf zwei philosophiediaktischen Tagungen und bin von beiden begeistert. Es hat gut getan mit vielen kritischen Kollegen streitbar aber stets sachlich zu diskutieren. Hinzukommt, dass meine beiden pädagogisch-didaktischen Schwerpunktsthemen: Die Ökonomisierung der Bildung und das Problem der Kompetenzorientierung im Philosohieunterricht auf den Tisch gekommen sind.

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Die maßgeblich von der OECD beeinflusste Kompetenzorientierung nach Weinert (2001) und Klieme et al. (2009) gilt inzwischen auch in der Philosophiedidaktik als Paradigma. Wegen ihrer hohen Anfangsplausibilität blieb sie weitestgehend unwidersprochen, denn sie scheint nach Rösch (2009) und Tiedemann (2014) genau das zu meinen, was Anliegen philosophischer Bildung ist: eine Orientierung im Denken. Gegen diese Position vertrete ich die These, dass Kompetenzorientierung Philosophieren verhindert. Zur Stützung dieser These wird erstens eine bildungsphilosophische Argumentation entfaltet und zweitens werden Konsequenzen für die Unterrichtspraxis aufgezeigt.

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In der Schule sollen Jugendliche zur Selbständigkeit erzogen werden – auch beim Lernen. Es macht aber einen großen Unterschied, ob Schüler selbstgesteuert oder autonom lernen. Was wie Wortklauberei klingt, ist in Wahrheit die Wahl zwischen zwei Lernkulturen. Weiterlesen auf Bildungslücken (Gastartikel) 

Das ZfL lud heute (20. Mai 2016) zur einer Podiumsdiskussion zum Thema „Vom Gelingen und vom Scheitern: Veränderungen in großen Systemen aktiv gestalten“ ein, es ging also um Changemanagement. Leider fehlte der Veranstaltung eine globale, kritische Perspektive auf Changemanagement per se. Einige kritische Punkte, die in der Podiumsdiskussion vorkamen, werden im Folgenden reflektiert.

Die folgenden Ausführungen stammen von Vortragsnotizen und werden nicht einzelnen Personen zugeschrieben, sondern schildern einen, durchaus subjektiven, Gesamteindruck. 

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Philosophisches Argumentieren

Veröffentlicht: Oktober 1, 2015 von C.R. in Gedankenrauschen
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In eigener Sache: Mein Aufsatz zum fachspezifischen Argumentieren im Philosophieunterricht ist jetzt bei Waxmann erschienen:

Abstract: Man muss gut argumentieren können, um anspruchsvoll zu philosophieren. Aber was unterscheidet philosophisches Argumentieren von Argumentationen im Deutschunterricht oder in den Naturwissenschaften? Ein Ansatz ist der Verweis auf einen fachspezifischen Gegenstand. Dieser Zugang ist aber nicht hinreichend, weil z.B. „Wissen“ nicht nur Gegenstand der Philosophie, sondern auch der Pädagogik oder Psychologie ist. Deswegen ist es nötig, hier einen weiteren Ansatz zu wählen und für die Explikation des Besonderen der philosophischen Argumentation den Charakter der Philosophie als Disziplin höherer Ordnung zu berücksichtigen. Erschienen in: A. Budke et.al. (Hrsg.), Fachlich argumentieren lernen. Didaktische Forschungen zur Argumentationin den Unterrichtsfächern, Band 7 von LehrerInnenbildung gestalten. Waxmann, Münster, 2015.

Ich nehme hiermit Stellung zu Shadi Heinrichs Stellungnahme zur phil.cologne-Veranstaltung „Retten Veganer die Welt?“ mit Peter Singer am 31.05.2015 in den Balloni Hallen mit der er einen angeblich berechtigten und notwendigen Protest gegen Peter Singer rechtfertigt, der am 31. Mail 2015 in Köln zum Thema „Retten Veganer die Welt?“ sprechen sollte (mittlerweile ist Singer von den Verantwortlichen der phil.cologne ausgeladen worden). Auf Basis dieser Stellungnahme wurde zum Protest gegen Singer unter anderem vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben (siehe ZsL_Flyer) und vom Kölner Kreisverband der Grünen aufgerufen.  Der Protest richtet sich nicht gegen Singers Vortragsthema, sondern gegen seine Person und gegen die von ihm vertretenen Thesen zur Sterbehilfe. Man fürchtete, dass Singer diese auch dann in Köln vertreten könnte, selbst wenn das Thema des Vortrags eigentlich ein ganz anderes war. Es geht hier nun nicht darum Singers Thesen zum Infantizid zu rechtfertigen oder zu widerlegen, sondern darum eine demokratische Willensbildung zu einem gesellschaftlich relevanten Thema zu unterstützen.

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Mit meinem Kommentar weise ich auf fachliche Defizite des kompetenzorientierten Lehrplanentwurfs Praktische Philosophie Grundschule NRW hin. Der Entwurf versucht zwar philosophische und humanistische Ansprüche mit dem politischen Desiderat der Kompetenzorientierung zu vereinen – und ich werte dies als ein subversives Unterlaufen der ministerialen Vorgaben und als Widerstand gegen Tendenzen der Ökonomisierung der Bildung zu Gunsten der pädagogischen Freiheit. Dieser Widerstand kann aber, so meine Einschätzung, genau dann am besten gelingen, wenn man die fachlichen Methoden und Inhalte explizit ausdifferenziert, da diese dann verhindern könnten, dass Praktische Philosophie auf ein sophistisches Denk- oder Methodentraining durch eine einseitige Kompetenzorientierung reduziert wird. Insofern stellt mein Kommentar einen Versuch dar eine interpretierte subversive Absicht des Lehrplanentwurfs durch das Desiderat der Stärkung der Fachlichkeit zu unterstützen.

Der ganze Artikel kann frei zugänglich auf pedocs abgerufen werden: Philosophie – ein Kinderspiel? Zugänge zur Philosophie in der Primarstufe. Tagungsband zur Fachtagung am 07. Dezember 2013 in Köln, S.76 ff.

Ein immer noch, gerade im Zeitalter der Ökonomisierung der Bildung relevantes Gedicht.

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