Mit meinem Kommentar weise ich auf fachliche Defizite des kompetenzorientierten Lehrplanentwurfs Praktische Philosophie Grundschule NRW hin. Der Entwurf versucht zwar philosophische und humanistische Ansprüche mit dem politischen Desiderat der Kompetenzorientierung zu vereinen – und ich werte dies als ein subversives Unterlaufen der ministerialen Vorgaben und als Widerstand gegen Tendenzen der Ökonomisierung der Bildung zu Gunsten der pädagogischen Freiheit. Dieser Widerstand kann aber, so meine Einschätzung, genau dann am besten gelingen, wenn man die fachlichen Methoden und Inhalte explizit ausdifferenziert, da diese dann verhindern könnten, dass Praktische Philosophie auf ein sophistisches Denk- oder Methodentraining durch eine einseitige Kompetenzorientierung reduziert wird. Insofern stellt mein Kommentar einen Versuch dar eine interpretierte subversive Absicht des Lehrplanentwurfs durch das Desiderat der Stärkung der Fachlichkeit zu unterstützen.

Der ganze Artikel kann frei zugänglich auf pedocs abgerufen werden: Philosophie – ein Kinderspiel? Zugänge zur Philosophie in der Primarstufe. Tagungsband zur Fachtagung am 07. Dezember 2013 in Köln, S.76 ff.

Er ging durch alte Winkelgäßchen,
im schlappen Hut, in faltigem Rock.
Ein kleines Bäuchlein wie ein Fäßchen
… nicht jung mehr … graues Stirngelock …
Vergaß er auch sein Regendach,
man raunte: »Der versteht sein Fach!«
Ein stilles, manchmal tiefes Gewässer:
der alte Professor.

Und heut? Im lauten Weltgebrause
bewegt sich der Privatdozent.
Er redet in und außerm Hause
von Politik mit viel Talent.
Beziehungen zur Industrie
sind sehr beliebt, drum hat man sie.
Wild fuchtelnd fordert den Krieg bis aufs Messer
der neue Professor.

Man sagt, weltfremd sei er gewesen.
Wie sind sie heute so gewandt!
Man sagt: er konnte nichts als lesen.
Wie wäscht sich heute Hand und Hand!
Der lehrt nicht mehr. Der propagiert.
Und wer erzieht den, der studiert?
Ich kann mir nicht helfen, er war doch viel besser:
der alte, deutsche, zerstreute Professor.

Theobald Tiger
Die Weltbühne, 15.08.1918, Nr. 33, S. 157

via: NachDenkSeiten

Ich bin der Schreibtisch von …

Veröffentlicht: Oktober 10, 2014 von C.R. in Gedankenrauschen
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Wo ist er denn – wo bleibt er denn? Es gibt einiges, wirklich viel zu tun und was morgen ist, weiß man nicht. Hier liegen noch einig Bücher – übereinander, untereinander aufgeschlagen, runtergefallen neben Blättern und was ist das eigentlich – müsste auch noch abgeheftet und sortiert werden – aber das ist langweilig und braucht man wahrscheinlich eh nicht mehr, bevor es in einem Ordner auf nimmer wieder sehen verschwindet, könnte es auch in den Müll – aber man weiß es nicht.

Zwei Tassen die stehen hier noch rum. Die Kaffeetasse ist gerade gefüllt worden, das Gehirn und der Laptop fahren gerade hoch, dann kann es ja gleich los gehen – womit? Doch noch mal einen Plan erstellen? Den Letzten hat er nach 5 Minuten verworfen oder einfach nur ignoriert. Nur wer einen Plan hat kann sich verplanen? Denkste – ein bisschen mehr Struktur würde ich empfehlen oder auch nicht, weil dann nörgelt er, dass ihn das eh nur einengt. Gut, gut beginnen wir damit den Text von Gestern zu lesen – ja das hält auf, geht nicht mal soeben – man kommt aber wieder rein: da muss einiges umgeschrieben werden, noch mal genauer nachgelesen und jetzt versteht er wieder etwas nicht. Hey, dass hast du doch selbst geschrieben. Klasse jetzt interpretiert er sich selbst. Was wollten wir heute noch? Ach ja das Kapitel – war da nicht noch: Stopp nicht im Internet surfen – nicht: du glaubst du schaust nur eben-mal-gerade was nach was-irgendwie-mit-deinem-Thema zu tun hat – von wegen du verlierst dich. Erstmal Kaffee kochen, mit den Kollegen reden – Abstand nehmen – in der Ruhe liegt die Kraft. Muße ist nicht effizient und das Chaos um mich herum ist keine Unordnung sondern Atmosphäre. Der Termin fürs Mittagessen steht, dann können wir ja jetzt weiterarbeiten. Die Deadline, mit den Kollegen Essen gehen, ist unser Strukturelement.

Wenn er jetzt wieder mehr liest ist er heute Abend schlechter gelaunt, als wenn er schreiben würde. Das Mailprogramm ist mittlerweile ausgeschaltet, gut kommt eh nur Mist rein, anderseits müsste man doch so diszipliniert sein und nicht jedem Fiepen nachgehen. Jetzt ärgert er sich wieder über einen unverständlichen Text – immer diese Autoren die mehr Wert auf einen guten sprachlichen Ausdruck als auf Klarheit legen. Die Fernleihe scheint wichtig, man müsste Zeit finden sie einzuscannen. Gut er schreibt, dann wird das heute Abend doch noch ein versöhnlicher Abschied.

Das Mittagessen ist vorbei, erstmal Kaffee – gleich muss er fürchten, ob die nächste Tasse hibbelig oder doch noch mal wach macht. Immerhin gelesen und geschrieben. Aber jetzt kommt er nicht weiter. Der Autor drückt sich immer noch wirr aus. Suchen wir nach Sekundärliteratur. Da lagen doch schon zwei Bücher -hier drüben schau mal … wärmer…wärmer – heiß! Ok, das ist auch nicht ganz klar, wie meinen die das. Können die das nicht mal definieren. Dann kritisieren wir eben genau das und schreiben ein vorläufiges Verständnis auf – oder noch besser: Brauchen wir das überhaupt für unsere Theorie? Wo sollte es noch mal hingehen? Was war die Konklusion? Nicht so ganz oder. Aber vielleicht doch und ausserdem wäre es schon gut einen ZENTRALEN Begriff verstanden zu haben. Ok, also aufschreiben, auch wenn es nachher nicht mehr interessiert. Oder sollte er doch noch mal die Sekundärliteratur, ja den Text von eben bemühen – aber der schien nicht so relevant – aber richtig verstanden hattest du den auch nicht, also wie kannst du das beurteilen. Dann doch noch mal gründliche lesen, ja keine Lust, aber ohne ihn weitermachen ist auch unbefriedigend.

Ok der Abschnitt, den hast du jetzt verstanden, da lässt sich ein Argument rausziehen und das passt auch zu den beiden anderen Aufsätzen. Noch immer nicht ganz klar meinst du, schreib es erstmal auf und dann schauen wir mal weiter. Klingt doch ganz gut, anderseits das hier ist nicht gut begründet und auch noch sehr Voraussetzungsreich – wenn man das sauber ausbuchstabiert, dann macht man gleich ein ganzen Fass auf, lass es lieber – das führt zu weit, zu weit weg von deinem Thema. Eine kompakte Darstellung des Problems und Verweise in die Fussnote. Dazu sind sie ja da. Nein, das wird dann kein Fussnotenroman – ist eher ein Gedanken-Outsourcen. Also rein damit. Da müssten wir aber jetzt noch mal mehr lesen, wenn wir nicht oberflächlich werden wollen – Ok, schreib dir einen Kommentar an die Textstelle und verschieb es auf später. Ja, das sieht doch gut aus. Hey was machst du da? Wie nur kurz – Fingerweg vom Internet! Übrigens Frau und Kind warten – ja jetzt bist du auf einmal drin – dummgelaufen man kann halt nicht in Stundentafeln denken: Notizen für morgen und packen. – Ach lass liegen, Aufräumen ist schlecht für die Atmosphäre.

Hattie – und kleine Klassen sind doch wichtig!

Veröffentlicht: Juni 25, 2014 von C.R. in Didaktik
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Gerade komme ich aus einem Workshop mit Klaus Zierer, der die bekannte Studie John Hatties “Visible Lerarning” ins Deutsche übersetzt hat. Die Hattie-Studie wird gerne in Presse und Politik herangezogen, um bildungspolitische Entscheidungen zu legitimieren, ohne dass dabei wirklich eine kritische, inhaltliche Auseinandersetzung stattfinden würde. Zierer sprach diesbezüglich von einem “Fast-Food Hattie”.

Gerade zwei Äußerungen fand ich diesbezüglich besonders spannend: Wenn man der Methodik der Meta-Analyse zustimmt, dann hat Hattie u.a. nachgewiesen, dass nichts so entscheidend für guten Unterricht ist, wie die Lehrerpersönlichkeit und eine gute, professionelle Beziehung zwischen Lehrern und Schülern.  Dem gegenüber scheint die oft nach Hattie zitierte Aussage zu stehen, dass kleinere Klassen keinen Effekt für besseren Unterricht hätten (vgl. z.B. ZEIT-ONLINE). Dies widerspricht nicht nur der Erfahrung vieler Schulpraktiker und Schülern – Hattie hat dies auch nicht gesagt.  Hattie weist nur nach, dass eine alleinige Reduzierung der Klassengröße keinen Effekt erzielt. Aber dies hat auch niemand ernsthaft behauptet. Selbstverständlich kann man auch in kleinen Klassen schlecht unterrichten. Wohl aber sind kleine Klassen eine Voraussetzung für bessere Schüler-Lehrer-Interaktion und eben auch für eine intensivere professionelle-personale Beziehung zwischen Schülern und Lehrern. Und diese haben wiederum einen messbaren Effekt für den Lernerfolg.

Ferner ist aber nicht nur der Lernerfolg entscheidend für gelingenden Unterricht oder gar eine gute Schule. Ebenso wichtig sind die Fragen: Was ist eine freudvolle Schule: Erleben Schüler eine erfüllte Lebenszeit und entwickeln sie Leidenschaft für ein Fach? Oder wird der Lernerfolg auf Grund von Drill erkauft? Grundschulen in China, so Zierer, haben nicht nur eine sehr hohe Effektstärke für den Lernerfolg, sondern auch die höchste Selbstmordrate unter Grundschülern. Weiterhin kann man nach der kulturellen Passung der Schule fragen: Warum sind Pädagogik und Philosophie keine Kernfächer und warum werden stattdessen MINT Fächer so stark gefördert? In einer technischen Lebenswelt ist natürlich physikalisches Wissen wichtig – etwa hinsichtlich aktueller Ereignisse wie dem Ausstieg aus der Kernenergie. Aber genau so wichtig ist es Kinder auf ihre Rolle als Eltern vorzubereiten und sich ethische zu orientieren.  Diese Fragen, so Zierer, sind bedeutsam für eine gute Schule, aber auf sie kann die Hattie-Studie keine Antwort liefern.

Einen Vortrag von Klaus Zierer zur Hattie Studie kann man sich hier ansehen.

PISA ist schädlich für die Bildung, nicht nur für das pisageschockte Deutschland sondern weltweit. Diese These wird in einem offenen Brief von Heinz-Dieter Meyer (Staat Univerity of New York) et al. an Andreas Schleicher (PISA Koordinator, OECD) vertreten.

Kritisiert werden u.a. der nicht demokratisch legitimierte Einfluss der OECD via PISA auf die Bildungspolitik und -Praxis, die zunehmend zu einem Teaching To The Test zu verkommen und alles nicht messbare zu vergessen droht. Meyer et al. fordern nicht die Abschaffung von PISA sondern ein Jahr Pause, damit das Bildungssystem zur Ruhe kommen kann, um in Ruhe über Verbesserungen nachzudenken ohne reflexartig auf Rankingslisten zu reagieren.

Diese konstruktive Kritik hat ein breites Medienecho gefunden (u.a. Guardian, FAZ) und auch der Bildungsjournalist Christian Füller, der PISA Kritik von Pädagogen der GEW als “menschenverachtend” (vgl. Kommentar Füller)  und einige pisakritische Pädagogen als “Bildungsschwafelprofessoren” auswies, führte diesmal ein faires Interview mit Meyer (SPON), der letztendlich im Kern die gleiche Kritik äußert wie sie seit Jahren von Pädagogen vertreten wird.

Vielleicht entsteht nun hoffentlich endlich eine kritische öffentliche Wahrnehmung bezüglich der Testideologie, die ja nicht nur auf PISA beschränkt ist, sondern auch in Form des bertelmannschen CHE Hochschulrankings durch Wettbewerb universitäre Lehre und Forschung verzerrt und steuert.

Aber man kann die Kritik noch verschärfen. So befürchtet Meyerhöfer (Mathematikdidaktik, Universität Paderborn), dass die OECD wissen wird wie man Kritik managed und für sich zu gebrauchen. Sei es durch Change Management oder Soft Gouvernance. Deswegen fordert Meyerhöfer eine Abschaffung von PISA.

Andreas Schleicher reagierte sodann auf den offenen Brief Meyers. Die Bewertung der vorgebrachten Argumente steht noch aus.

Ob konstruktive Kritik oder Abschaffung – die Diskussion bewegt sich in eine gute Richtung, in der Kritik gehört und hoffentlich auch ernstgenommen wird.

Unterschreiben kann man den offenen Brief Meyers auf der Seite der GBW.

 

Schule und Bildung sind Themen, die zur Zeit breit in den Medien und der Öffentlichkeit verhandelt werden. Mit Alphabet ist nun ein Film in die Kinos gekommen, der sich ebenfalls mit den Fragen der Bildung und mit Kritik an Schule auseinandersetzt.

Zunächst scheint ‘Alphabet’ den gleichen kapitalismuskritischen Anspruch zu verfolgen wie die früheren Filme des Regisseurs Erwin Wagenhofer (‚We Feed The World‘ und ‚Let´s Make Money‘). Eindrücklich wird gezeigt, wie Bildungssysteme weltweit ökonomischen Interessen unterworfen werden.
Exemplarisch wird das Schulsystem Chinas betrachtet, wo wir Schüler*innen sehen, die von klein auf einem hohen Leistungsdruck und Konkurrenzkampf ausgesetzt sind, der sie darauf vorbereiten soll, sich im späteren Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen zu können. Doch der Preis ist hoch: Die Kinder werden ihrer Kindheit, ihrer Lebensfreude und Neugier und damit auch ihrer Bildung beraubt.
Nicht nur China als PISA-Testsieger sondern auch die PISA-Studie selbst wird betrachtet. Angemerkt wird, dass die Testindustrie mittlerweile zu einem großen Wirtschaftszweig herangewachsen ist, mit dem sich viel Geld verdienen lässt. Und auch, dass PISA als ein Instrument der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit) entwickelt wurde, die Bildung als einen zentralen Indikator für das wirtschaftliche Wohlergehen eines Landes nennt. Damit wirft ‘Alphabet’ – gerade zu Beginn – wichtige Fragen der aktuellen Bildungsdebatte auf:  Sollten wirtschaftliche Aspekte die entscheidenden Kriterien bei der Beurteilung von Bildungssystemen sein? Wenn China Sieger dieser Tests ist, gilt es dann als Vorbild für die Schulsysteme anderer Länder? Anhand welcher Kriterien wird unser Bildungssystem mit PISA bewertet und auch umgestaltet?

Leider jedoch scheint der Film sich bei seiner Kritik an ökonomischen Tendenzen in der Bildung lediglich der Analogie zwischen Schule und Fabrik zu bedienen. Kritisiert werden Standardisierung, Gleichschaltung und Prüfungen und der Hirnforscher Gerald Hüther vergleicht Schule mit militärischem Drill. Die Kritik, dass Schule dem Einzelnen häufig nicht gerecht wird, mag berechtigt sein. Und für die Zeiten des fordistischen Arbeitsmodells unter dem die Schulkritik groß geworden ist, ist wohl auch der Vergleich naheliegend, dass Standardisierung und Drill in der Schule die Schüler*innen darauf vorbereiten im späteren Arbeitsleben gehorsam monotonen Tätigkeiten am Fließband nachzugehen. Doch die heutige Wirtschaft hat andere Anforderungen an ihre Arbeitskräfte. Es geht längst nicht mehr nur darum, Menschen zu Gehorsam, Disziplin und Unterwerfung zu erziehen. Heute wird von Arbeitnehmer*innen primär Flexibilität, Kreativität und Selbstorganisation gefordert (siehe auch Bröckling). An Stelle der Kontrolle tritt Selbstkontrolle. Und da wird es schwer auseinanderzuhalten, wann es sich bei Forderungen nach Selbstentfaltung, Selbstbestimmung und Freiheit um humanistische bzw. emanzipatorische Forderungen handelt, die tatsächlich das Wohl des Kindes im Blick haben, oder wann eben auch hier wieder wirtschaftliche Interessen dahinter stehen.

Die Positionen im Film erscheinen da sehr undifferenziert. Staatlichen Schulen wird pauschal Standardisierung, Drill und Gleichschaltung vorgeworfen, als einzige Alternative werden Selbstentfaltung und Kreativität jenseits des staatlichen Bildungssystems angeboten. Häufig ist es jedoch weniger schwarz-weiß. Wenn Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Telekom fordert, Schule müsse Diversität und Kreativität fördern, hat er dabei sicher nicht zuletzt auch das ‚Humankapital‘ im Blick. Sattelberger fordert somit eben genau das was Wagenhofer an anderer Stelle in seinem Film kritisch beleuchtet: Eine Ausrichtung von Schule an die Anforderungen der Wirtschaft.
In dem vollständigen Video von Sir Ken Robinson, aus dem viele Zitate im Film verwendet werden, wird es sogar direkt ausgesprochen: Bildungssysteme aller Länder werden derzeit umgestaltet, weil Kinder darauf vorbereitet werden sollen ihren Platz in einer Wirtschaft einzunehmen von der wir heute nicht wissen wie sie morgen aussieht (hinterfragt wird weder, ob dies eine der zentralen Aufgaben von Schule sein sollte, noch, ob die in Medien und Öffentlichkeit zur Zeit mantraartig wiederholte Behauptung, alles sei permanent im Wandel, tatsächlich stimmt oder nicht doch eher zur Verunsicherung genutzt wird). Verschleiert wird dabei, dass das was Sir Ken Robinson als Ausweg anbietet eben der Paradigmenwechsel ist mit dem die Bildungssysteme auf die heutige Wirtschaft angepasst werden.
So werden in ‘Alphabet’ im Mantel von PISA- und Kapitalismuskritik Ideen tragfähig gemacht, die letztlich eine Ökonomisierung von Bildung vorantreiben.

Schade übrigens, dass in einem Film über Bildung kaum Pädagog*innen zu Wort kommen, dafür aber Hirnforscher (Gerald Hüther), Personalmanager (Thomas Sattelberger), „Berater“ (Sir Ken Robinson)… Die Thesen von Gerald Hüther mögen zunächst toll klingen, doch Vieles ist umstritten und ob die Aura der Wissenschaftlichkeit, mit der er sich umgibt gerechtfertigt ist, bleibt fraglich (Zeit Online).

Schade auch, dass – bei aller berechtigten Kritik – Schule als solche gänzlich in Frage gestellt wird. Ist die Institution Schule an sich verwerflich? Die einzigen angebotenen Alternativen scheinen kaum befriedigend.  So ist der Malort von Arno Stern von einer wunderbaren Wertschätzung, Akzeptanz und Anerkennung getragen und damit bestimmt für Einzelne sehr bedeutsam, doch wie auf diese Weise auch nur die elementaren Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen erworben werden sollen bleibt gänzlich offen. Als andere Alternative wird ein Fernbleiben von Schule angeboten, wie es beispielhaft am Leben von Andre Stern gezeigt wird.  Doch auch wenn er Glück und Erfüllung gefunden haben mag, muss dieses Modell noch lange nicht für alle Menschen funktionieren. Können wir diese Idee als gesamtgesellschaftliches Modell verantworten? Wird hierbei nicht die Verantwortung einseitig an die Eltern abgegeben, der vielleicht nicht alle in derselben Weise gewachsen sind wie die beiden Pädagog*innen Arno und Michele Stern?

Ja, Bildung ist Selbstbildung. Aber wir bilden uns, wenn wir angeregt werden und begeistert werden – von und mit anderen Menschen – und das kann auch in Schule geschehen.

Natürlich kann man versuchen besser zu werden. In einem Wettbewerb zu verlieren oder nicht zu den Besten zu gehören, kann dazu motivieren sich mehr anzustrengen. Das dies bezüglich PISA erfolgreich gelingt hat „Bildungs“-forscher Eckhard Klieme gezeigt (Zeit Online). Wenn man allerdings in einem Wettbewerb besser wird, dann weil man sich den Regeln des Wettbewerbs fügt. Nach Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer bedeutet dies bezüglich PISA, dass man einer “Menschenmesserideologie” folgt und Schüler*Innen zu „kognitiven Mastschweinen“ werden (Telepolis). Bevor man sich auf einen Wettbewerb einlässt, sollte man die Regeln und den Sinn des Wettbewerbes hinterfragen. Manchmal ist es besser nicht besser zu werden.

Eine wunderbare Wut, die darauf aufmerksam macht, dass sich Bildung nicht an Arbeitsblätter delegieren lässt, sondern die alte pädagogische Beziehung zwischen Lernenden, Lehrenden und Sachansprüchen benötigt.

“If you want kids to get excited for this, you gotta come in here and make ‘em excited […] I want to see a teacher stand up and interact with the students get involved, discuss, talk, question and get deep into the subject”

Quelle: Washington Post

Video  —  Veröffentlicht: Mai 15, 2013 von C.R. in Gedankenrauschen
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Ein Vortrag von Dr. Wolfgang Lieb

Hintergründe zu dem Vortrag auf:

http://www.piratenfraktion-nrw.de/2013/05/die-unternehmerische-hochschule-kritik-und-ausblick-ein-vortrag-von-dr-wolfgang-lieb/

Video  —  Veröffentlicht: Mai 13, 2013 von C.R. in Ökonomisierung der Bildung, Bildungspolitik
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Am Ende der Tagung Irrwege von Bologna der Gesellschaft für Bildung und Wissen am 13.04.2013 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn fasste Prof. Dr. Jochen Krautz zusammen: Die Bologna-Erklärung von 1999 fordert nicht lediglich eine Studienreform, sondern bedeutet eine Veränderung des Selbstverständnisses der Universität. Diese Veränderung des Selbstverständnisses war zugleich der rote Faden, der die Vorträge der Tagung verband.

Prof. Dr. Volker Ladenthin wies zu Beginn der Tagung darauf hin, dass diese Veränderung öffentlich sichtbar werde, wenn in einer Talkshow Wissenschaftler eingeladen werden, um Akzeptanz für Positionen zu schaffen und nicht um unabhängig Wahrheitsansprüche zu prüfen. Wissenschaft zeigt dann keine Alternative mehr zur Lebenswirklichkeit auf, sondern wird von dieser für ökonomische, politische oder private Interessen in Dienst genommen.

Wissenschaftsfremde Interessen haben auch zum Bologna-Prozess geführt. Deswegen untersuchte Dr. Matthias Burchardt welche Ursachen und Akteure den Bologna-Prozess ermöglicht haben, um die Transformation der Hochschulen einordnen zu können. Die Bologna-Erklärung ist weder politisch zwingend, da sie keine völkerrechtliche Verbindlichkeit hat, noch ist sie von Wissenschaftlern gefordert worden. Als wesentliche Akteure nannte Burchardt unter anderem OECD und Bertelsmann. Mit dem Ziel die Akademikerquote und die Employability der Absolventen zu erhöhen übten diese insbesondere durch Change Management (vgl.: Online Lehrbuch Change ManagementSFB 597) indirekten Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse aus und setzten die Reform auch gegen vehementen Widerstand von Wissenschaftlern durch (vgl.: Zeit-Online: Sie können das nicht unterschreiben).

Die Erhöhung der Akademikerquote, so Prof. Dr. Bernhard Kempen, wird aber gleichzeitig mit einer Kosteneinsparung verbunden. Indem nicht alle Bachelor (BA) Studierende zum Master Studium (MA) zugelassen werden soll die Mehrheit der Studierenden kürzer studieren. Zugleich werden so systematisch Menschen von einer wissenschaftlichen Bildung ausgeschlossen. Genau dieser Schnitt zwischen BA und MA weist nach Prof. Dr. Michael Hartmann Gemeinsamkeiten zur Exzellenzinitiative auf: Der MA fungiert als Selektion passender Studierender zur Profilbildung der Studiengänge und Hochschulen. Dadurch findet, wie bei der Exzellenzinitiative, eine Konzentration auf die Forschung statt. Hartmann wies ausdrücklich auf folgendes Missverständnis hin: Es ist falsch, dass es in der Exzellenzinitative nur Gewinner und nicht Gewinner aber keine Verlierer gibt. Um dies zu stützen wies Hartmann nach, dass sich die öffentliche Mittelvergabe ebenfalls auf die bereits durch die Exzellenzinitiative geförderten Universitäten und Hochschulen konzentriert. Dies führt letztendlich zu einem Zweiklassensystem von einerseits Lehruniversitäten für Bachelorstudierenden und auf finanziell besser gestellten Forschungsuniversitäten für Masterstudierende, womit das humboldtsche Ideal der Einheit von Forschung und Lehre aufgehoben ist. Die Profilbildung dient ferner der Sichtbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit von Universitäten. Die Bologna-Reform kennzeichnet also einen Paradigmenwechsel weg von einer humanistischen Bildungsidee hin zu einem Primat des ökonomischen Denkens im Selbstverständnis der Universität.

Die humanistische Bildungsidee arbeitete Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin ideengeschichtlich auf, um Grundlagen für eine mögliche Alternative zu Bologna aufzuzeigen. Nida-Rümelin beschrieb die Entwicklung der humanistischen Bildungsidee von der klassischen Antike bis hin zu der These Kants, dass Universitäten nicht Ausbildungsstätten sondern der Wahrheitssuche verpflichtet sein sollten. Da die aktuelle Bologna-Reform mit dem BA einen auf Beschäftigungsfähigkeit ausgerichteten Abschluss bereithält folgerte Nida-Rümelin, dass diese Reform ein Rückschritt zur mittelalterlichen Universität sei. Nida-Rümelin plädierte für ein wechselseitiges Verhältnis von Anwendung und Grundlagenforschung ohne Abwertung des Fachwissens.

Aber gerade eine Abwertung des Fachwissens findet statt. So zeigte Prof. Dr. Hans Peter Klein beispielhaft wie durch die Bologna-Reform die Fachlichkeit in der Lehrerbildung immer mehr zurückgenommen worden ist, wodurch Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeit einer Promotion versperrt wird und ihnen anderseits das Wissen fehlt, um sachlich fundierten Unterricht zu erteilen. Genauso problematisch ist die Bologna-Reform für das Medizinstudium. Prof. Dr. Frank Nürnberger argumentierte dafür, dass das Medizinstudium fachlich nicht sinnvoll in BA und MA zu unterteilen ist. So wurde abschließend deutlich, dass aus wissenschaftlicher Sicht die Bologna-Reform nicht plausibel legitimiert ist.

Die Vorträge zeichneten sich dadurch aus, dass sie neben einer sachliche Problemanalyse auch die politischen Zusammenhänge und partikulären Interessen bezüglich der Bologna-Reform darlegten. Auch zeigten sie Alternativen zu den aktuellen Verhältnissen auf. So schlug Matthias Burchardt vor, man solle das aktuelle Hochschulsystem an seinen eigenen (Wettbewerbs-)Bedingungen messen und neben BA/MA, Diplom, Magister und Staatsexamen wieder einführen und sie um die Gunst der Studierenden konkurrieren lassen.